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Das Tagebuch der Menschheit

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Maike Brzoska

Stand: 28.12.2017 | Archiv

Asiatische Nomaden vom Stamm der Amu auf der Wanderung durch die Wüste. Zeichnung von J.F. Champollion aus dem Grab des Chnumhotep bei Beni Hassan, Ägypten | Bild: picture-alliance/dpa
Mensch, Natur und UmweltMS, RS, Gy

Haben wir die Bibel stets zu schlampig gelesen? Ja!, sagt Carel van Schaik. Der Anthropologe ist auf eine bisher unbemerkte Botschaft gestoßen: Er interpretiert die "Paradise Papers" als Dokument der Sesshaftwerdung des Menschen.

Die Bibel galt lange als reiner Tatsachenbericht. Manche lesen sie noch immer so: buchstabengenau, wortwörtlich. Moderne Theologen und die meisten Laien haben sich von dieser fundamentalistischen Sichtweise längst verabschiedet. Für sie ist die Bibel ein religiöses Dokument, das zeichenhaft von Gott und Menschen spricht. Dass sie auch historische Spuren enthält, ist keine Frage. Aber darum geht es nicht. Die Bibel verkündet Heilsgeschichte, keine Faktengeschichte. Es geht um symbolische Wahrheiten, um Glaubensdinge und Verheißungen.

Echo der neolithischen Revolution

Der Anthropologe Carel van Schaik fügt den gebräuchlichen Lesarten eine neue hinzu. In seinem Fachbuch-Bestseller "Tagebuch der Menschheit" interpretiert er die Bibel als Widerhall der "neolithischen Revolution", jenes geschichtsmächtigen Kulturwandels also, der damit begann, dass vor etwa zehntausend Jahren nomadische Jäger und Sammler allmählich sesshaft wurden, Felder bestellten, Vieh hielten und Weideland kultivierten.

Der lange Abschied vom Nomadentum

Was den neolithischen Zivilisationsschub letztlich auslöste, warum aus Wild- und Feldbeutern nach und nach Bauern und Siedler wurden, ist strittig. Sicher ist nur, dass der Umbruch nicht plötzlich, nicht überall zugleich und keinesfalls geradlinig geschah. Die Entwicklung setzte zuerst im Zweistromland ein, nahm Umwege über halbnomadische Mischformen und brauchte mehrere Jahrtausende. Fest steht auch, dass der archäologisch und anthropologisch gut belegte Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit mit schmerzhaften Erfahrungen und Rückschlägen einherging.

Übergangskrisen und Anpassungsdruck

Hunger, Seuchen, Plackerei, Kriege und Gewalt - auf die Anforderungen der großen Umwälzung und die Wucht ihrer Umstände waren die Sammler und Jäger weder biologisch, noch mental und kulturell gut vorbereitet. Die veränderten Bedingungen des Zusammenlebens und Wirtschaftens erzwangen immense Anpassungsleistungen und verlangten vor allem die Fähigkeit, mit Misserfolgen, Notlagen, kurz mit bislang unbekannten Widrigkeiten aller Art fertig zu werden. Im Lauf dieser kulturellen Adaption entstanden nach und nach neue Produktionsweisen, neue Rechtsverhältnisse, neue Daseins- und Gesellschaftsmodelle und nicht zuletzt neue Gottesbilder.

Eden-Leaks und Paradise Papers

Und genau davon, so die Generalthese des Anthropologen Carel van Schaik, berichtet die Bibel: Sie ist der religiös gefasste und überformte Widerhall eines menschheitsgeschichtlichen Umbruchs und seiner Begleiterscheinungen. Die leidvollen Erfahrungen des neolithischen Kulturwandels haben sich tief in die heiligen Texte der Juden und Christen eingeschrieben. Anthropologisch und evolutionsbiologisch gelesen, ist die Bibel damit ein einzigartiges "Tagebuch der Menschheit". Ein Tagebuch, das im Bild des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies, in den Geschichten von der Sintflut oder vom Turmbau zu Babel von den Schwierigkeiten, Erschütterungen, Anpassungskrisen und Lösungsversuchen der Sesshaftwerdung erzählt.

Blut, Tränen, Schweiss:

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Feuer, Fluten, Seuchen:

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Hätten Sie's gewusst?

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