Bayern 2 - radioWissen


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Die Schüsse von Sarajewo

Von: Volker Eklkofer / Sendung: Thomas Morawetz

Stand: 01.08.2014 | Archiv

GeschichteMS, RS, Gy

Am 28. Juni 1914 erschießt der serbische Nationalist Gavrilo Princip das österreichische Thronfolgerpaar. Die Wahnsinnstat lässt zwei rivalisierende Bündnisblöcke in einen blutigen Krieg taumeln, der 17 Millionen Tote fordert.

Tödliche Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand

Der 28. Juni 1914 ist ein strahlender Sommertag. Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichisch-ungarische Thronfolger, hat in Bosnien Manöver beobachtet, nun steht ein Besuch der Stadt Sarajewo auf dem Programm. Seine Frau Sophie begleitet ihn, das Paar möchte seinen Hochzeitstag feiern. Bosnien ist eine unruhige Provinz, die das Habsburgerreich 1908 nach 30-jähriger Verwaltung annektierte. Anhänger einer südslawischen Befreiungsbewegung fordern die Trennung Bosniens von der Donaumonarchie, es gibt Warnungen vor Anschlägen.

Der Erzherzog kommt an einem sehr sensiblen Tag nach Sarajewo. Es ist der Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389, für Serben ist es ein Trauertag. Antihabsburgisch-serbische Nationalisten und andere "Freiheitskämpfer" fühlen sich provoziert. Franz Ferdinand ist für sie das Sinnbild der Fremdherrschaft, seine Sarajewo-Visite betrachten sie als symbolische Kampfansage, die geradezu nach einer Antwort schreit.

Die Fahrtroute des Thronfolgers ist seit Tagen bekannt, es gibt kaum Sicherheitsvorkehrungen. So warten mehrere Attentäter, ausgestattet mit Revolvern und kleinen Bomben, auf ihre Chance. Bereits am Vormittag explodiert ein Sprengsatz, der Adjutant Franz Ferdinands wird verletzt. Statt den Besuch sofort abzubrechen, hält der Erzherzog am offiziellen Programm fest und beschließt überdies, den Verwundeten im Krankenhaus zu besuchen. Dabei kommt der Wagen des Erzherzogs vor Gavrilo Princip, einem der Terroristen, zum Stehen. Der 19-jährige Student feuert zwei Schüsse ab und tötet das Thronfolgerpaar.

Verhängnisvolle Bündnispolitik

Im Jahr 1914 stehen sich in Europa zwei Machtblöcke gegenüber: der Dreibund (Berlin-Wien-Rom) und die Dreier-Entente (Paris-London-Sankt Petersburg). Zwischen den einzelnen Staaten gibt es erhebliche Spannungen, bei den Eliten der Länder ist die Kriegsbereitschaft hoch.

Nach dem Sieg Preußens über Österreich 1866 hat Ministerpräsident Otto von Bismarck bei seinem König den Verzicht auf Gebietsgewinne zulasten der Habsburger durchgesetzt und eine Annäherung an die Donaumonarchie vorbereitet. Wenige Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches wird 1879 der Zweibund geschlossen und 1882 um Italien erweitert. Den Rückversicherungsvertrag mit Russland erneuert die deutsche Führung nach der Entlassung des Reichskanzlers Bismarck 1890 trotz eines Angebots aus St. Petersburg nicht - der jugendlich-unreife Kaiser Wilhelm II. ist bereit, die Bindung an Russland zu kappen.

Die Konkurrenten des Dreibundes schmieden ebenfalls eine Allianz. Zum Schutz gegen Angriffe schließen Frankreich und Russland 1894 ein Bündnis, 1904 einigen sich Frankreich und Großbritannien auf ein Zusammenwirken gegen deutsche Ansprüche in Übersee, 1907 kommt es zur britisch-russischen Verständigung. Dass Großbritannien seine "splendid isolation" beendet, hängt mit der deutschen Reichsgründung 1871 zusammen. Der junge Einheitsstaat erweist sich als dynamisch, die Industrialisierung und der Flottenbau schreiten voran, das kolonialpolitische Engagement beginnt (Suche nach dem "Platz an der Sonne"), erste Weltmachtambitionen werden deutlich. Britische Politiker sehen dadurch das Empire bedroht.

Das bipolare System verfestigt sich

Im frühen 20. Jahrhundert werden die beiden Allianzen zunehmend stabiler und auch die Rüstungsspirale beginnt sich zu drehen. Dennoch ist in beiden Blöcken die Furcht groß, einer der Partner könnte doch noch auf die andere Seite wechseln. So trifft man Geheimabsprachen und gibt einander weit reichende Hilfszusagen, die, wie sich im Juli 1914 zeigen wird, im Krisenfall zur Gefahr werden.

Als sich Italien ab 1900 als eher wankelmütiger Verbündeter erweist, bemüht sich das Deutsche Reich um noch engere Beziehungen zu Österreich-Ungarn. Kaiser Wilhelm II. spricht gern von "Nibelungentreue" und seine Militärs sichern 1908/09, als die Donaumonarchie Bosnien annektiert, dem Generalstab in Wien umfassende Unterstützung im Kriegsfall zu. Gerade auf dem Balkan, wo die Interessen Österreich-Ungarns, Russlands und des Osmanischen Reiches zusammenprallen und neue Nationalstaaten wie Serbien, Bulgarien und Rumänien ihren Platz suchen, kann ein Funke das Pulverfass zur Explosion bringen. Die deutsche Führung geht mit der Rückendeckung für das Habsburgerreich ein erhebliches Risiko ein. Auf der Gegenseite sehen Briten und Franzosen die Russen als Wackelkandidaten und räumen ihnen, um sie im Bündnis zu halten, eine beträchtliche Handlungsfreiheit ein.

Die Julikrise 1914 - der Funke fliegt ins Pulverfass

Nach der Ermordung Franz Ferdinands entscheiden sich Kaiser Franz Joseph und seine Berater für eine harte Haltung gegenüber Serbien, dem man eine Mitschuld am Attentat gibt. Am 5. Juli 1914 liefert Berlin in der Annahme, Russland, das sich als Protektor aller Slawen betrachtet, werde schon nicht intervenieren, Wien einen "Blankoscheck". Währenddessen formieren sich in beiden Bündnisblöcken Kräfte, die zum Krieg drängen. Das deutsche Militär hat für diesen Fall längst den "Schlieffenplan" ausgearbeitet: Frankreich soll nach einem Marsch durch das neutrale Belgien (Umgehung des französischen Befestigungsgürtels am Rhein) schnell besiegt werden, dann wendet sich die Armee nach Osten und greift das schwerfällige Russland an noch bevor es sein Kriegspotential entfalten kann.

Am 23. Juli stellt die Donaumonarchie Serbien ein Ultimatum (Ende der großserbischen Propaganda, Beteiligung österreichisch-ungarischer Polizisten an der Suche nach den Hintermännern des Attentats auf serbischem Boden). Nun kommt die Bündnismaschinerie in Gang. Russland prescht vor und gibt Serbien am 25. Juli ein Hilfsversprechen, am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Zwei Tage später folgt die vorsorgliche Mobilmachung Russlands, auf die das Deutsche Reich mit einer Kriegserklärung antwortet und am 3. August mit dem Einmarsch in Belgien beginnt. Dass auch Frankreich und Großbritannien in den Krieg hineingezogen werden, verwundert nicht.

Zwei Staaten - Österreich-Ungarn auf der einen Seite, Russland auf der anderen Seite - verhalten sich 1914 unverantwortlich aggressiv, ihre Bündnispartner lassen sie gewähren und bleiben solidarisch. So nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Von den beteiligten Staatsmännern, schreibt David Lloyd George, Großbritanniens Premierminister im Zeitraum 1916 bis 1922 in seinen Erinnerungen, habe 1914 "kein einziger Krieg gewollt". Es hat sich aber auch keiner mit Nachdruck für die Erhaltung des Friedens eingesetzt.

Wer trägt die Schuld am Krieg?

Der Krieg geht 1918 mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches zu Ende. Artikel 231 des Versailler Vertrag macht Deutschland und seine Verbündeten als "Urheber des Krieges" für "alle Schäden und Verluste" verantwortlich. Die Sieger sichern auf diesem Wege den Reparationsanspruch juristisch ab. In der Weimarer Republik sorgt die Kriegsschuldfrage für erregte Debatten, die in den 1960er Jahren wieder aufleben, als der Historiker Fritz Fischer in seinem Werk "Griff nach der Weltmacht" Deutschland die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg zuspricht.


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