Bayern 2 - radioWissen


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Eugenik im Wandel der Zeit

Von: Jens Berger / Sendung: Reinhard Schlüter

Stand: 04.11.2015 | Archiv

Ethik und PhilosophieRS, Gy

Schon in der Antike gab es Ansätze, auch bei Menschen durch aktive Auslese das "Geschlecht zu verbessern". Dahinter stand meist irgendeine Obrigkeit, doch heute kehrt Eugenik wieder: durch Frühdiagnostik und Abtreibung.

Eugenik - Menschenauslese

Noch gehören sie zu uns: Menschen mit schlimmen Fehlbildungen und Krankheiten, die schon vorgeburtlich angelegt sind. Doch es ist etwas im Umbruch: Heute erlebt z. B. nur noch jedes zehnte Kind mit Down-Syndrom seine Geburt - dank Früherkennungstests im Mutterleib, die in Deutschland seit 2012 hohe Trefferquoten haben. In manchen Ländern spielt sogar das Wunschgeschlecht bei der Frage "Abtreibung oder nicht?" bereits eine ausschlaggebende Rolle.

Eine alte, unschöne Angewohnheit?

Der Gedanke, bei der eigenen Nachkommenschaft nur die Gesunden, oder gar nur die Allerbesten weiterleben zu lassen, ist schon sehr alt. Als die Menschheit begann, Ackerpflanzen und Nutztiere durch Auslese zu vermehren und zu verändern, war es kein großer Schritt mehr, auch an die Selektion der eigenen Kinder zu denken. Und man tat es wirklich: Man ließ die Schwachen und Entstellten einfach sterben oder machte noch ein rituelles Opfer daraus. Seitdem gab es immer wieder Zeiten und Völker, die das eigene Volk, die eigene "Rasse" oder die gesamte Menschheit veredeln wollten.

"Das tue ich mir doch nicht an!"

Heute stehen hingegen bei der Entscheidung zur Abtreibung mangelbehafteten Nachwuchses schlicht persönliche Interessen im Blickpunkt: Möchte ich ein pflegebedürftiges Kind oder nicht? Möchte ich eine Tochter? Möchte ich Fünflinge? Auf den ersten Blick bringt man dies doch so pragmatisch wirkende Denken nicht mit den Euthanasieprogrammen und Massensterilisationen der Nationalsozialisten in Verbindung, denn die medizinisch (nicht psychologisch!) so leicht zu beherrschende und schnell über die Bühne zu bringende Abtreibung macht es heute so einfach; dank Frühdiagnostik müssen wir nun nicht mehr auf die Geburt des Kindes warten und ihm ins Gesicht sehen.

Die Gesinnung dahinter: Optimierung als Bürgerpflicht?

Dass der Einzelne seinen Nachwuchs möglichst von Makeln freihalten möchte, wird als verständliche Grundeinstellung akzeptiert und gutgeheißen. Schließlich verlangt man das ja auch von jedem Bürger selbst. Es mehren sich die Anzeichen, dass stigmatisiert wird, wer sich nicht selbst optimiert, wer sein Leben nicht der Prophylaxe und Risikominimierung widmet und damit das Gemeinwohl gefährde. ("Raucher liegen uns auf der Tasche." "Bergsteiger sollen bitteschön eine Zusatzkrankenversicherung abschließen." "Aus Umweltschutzgründen ein leichteres, aber dafür unsichereres Auto kaufen? Nicht mit mir!") Wollen wir aber eine Gesellschaft, die sich so zur Nützlichkeit umkonstruiert? Spricht aus Allem nicht vielmehr eine große Angst?

"Mit den Möglichkeiten wächst die Verantwortung."

An diesem Spruch ist nicht zu rütteln, nur: Worin darf die Verantwortung der Eltern, die Selbstbestimmung in der Schwangerschaft und schließlich auch in der Erziehung jeweils im Detail bestehen? (Darf man z. B. sein Kind beschneiden lassen? Muss man impfen?) Gerade in Deutschland bietet sich mit der jüngsten Geschichte, mit dem Bogen von Rassenhygiene bis zur Einrichtung des Deutschen Ethikrats ein riesiger Bedarf zur bioethischen Diskussion, der dringend mit neuen technischen Errungenschaften und medizinische Erkenntnissen Schritt halten muss. Sonst können wir irgendwann alles - und machen es auch.


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