Bayern 2 - radioWissen


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Ohne Haben kein Sein

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Veronika Wawtschek

Stand: 30.07.2014 | Archiv

Ethik und PhilosophieMS, RS, Gy

Hat uns das Haben, oder haben wir das Haben im Griff? Wie viel brauchen wir wirklich, was macht uns krank? Wo läuft die Grenze zwischen Gier und Genuss? Ist ein Sein ohne Haben möglich? Die Fragen sind alt und dennoch topaktuell.

Das Haben hat's nicht leicht. "Glücklich macht der Verzicht auf Überflüssiges", lehrt Diogenes. "Weisheit ist besser als Geld", sagt das Alte Testament. "Ein Kamel kommt leichter durch's Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel", warnen die Evangelisten. Das Hohe Lied der Besitzlosigkeit hallt durch alle Zeiten und Kulturen: Geben ist seliger als nehmen, Raffen ruiniert das Karma, der Weg zu spiritueller Meisterschaft führt über Askese und Entsagung.

Die Tugend des Verzichts

Die Ächtung des Habens ist ein kulturgeschichtlicher Dauerbrenner. Zwar wechseln im Lauf der Zeit die Begriffe und Akteure, die Stoßrichtung aber bleibt unverändert: Besitz ist moralisch minderwertig, Verzicht eine Tugend! Aktuell äußert sich die ehedem spirituell geprägte Abkehr von Gier und Geld in einer nun ökologisch, sozial und politisch begründeten Kritik der hemmungslosen Profitmaximierung. Mit ihrer turbokapitalistisch entfesselten Gewinngier, ihrem Raubbau an Umwelt, Ressourcen und Menschlichkeit treibt sie die Welt in den Abgrund, warnen weltweit vernetzte Protestgruppen. Doch wo die Gefahr wächst, wächst auch das Rettende. Das Debakel ist abwendbar: Um den Ausverkauf der Zukunft zu stoppen, müssen wir uns vom Mantra des grenzenlosen Wachstums, vor allem aber vom Götzendienst am Konsum verabschieden. Das Heil liegt im Weniger, nicht im Mehr. Was wir brauchen, ist ein geläutertes Verhältnis zum Besitz: Teilen statt haben, gemeinsam nutzen statt einsam horten.

Ich kaufe, also bin ich

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Wir kaufen, was das Zeug hält. Shoppen gehört zum Lifestyle, Konsum ist oberste Bürgerpflicht. Die Wirtschaft lebt vom Verbrauch. Verweigert der Konsument das Geldausgeben, geht dem hochgeheizten System die Luft aus. Die Börsen stagnieren, der Handel stockt, der Wohlstand schwindet, Arbeitsplätze gehen verloren, Steuerquellen versiegen. Damit ist gut Angst verbreiten. Wo die Konjunktur zum Staatskult wird, erscheint ein Kippen des Konsumklimas bedrohlicher als das Kippen des Weltklimas. Echten Widerstand gegen ihre Sicht der Dinge müssen die Propheten des 'Immermehr' und 'Immerschneller' kaum fürchten. Wir alle haben das "Prinzip Konsum" längst lustvoll verinnerlicht. Shopping-Meilen, Outlet-Center und Ladenpassagen sind unsere neuen Kathedralen, in denen wir das gepflegte Geldausgeben glücks- und sinnbegierig zelebrieren.

Als wär's ein Stück von mir

Doch sind wir darum drauf und dran, unser Seelenheil für eitle Kauflust preiszugeben? Schließen sich schnödes Haben und wahres Sein tatsächlich so kategorisch aus? Nein, meinen Soziologen und Psychologen. Besitz ist ein wesentlicher Baustein unserer psychischen und sozialen Identität. Was wir als "Selbst" wahrnehmen, was wir als "Ich" erfahren, ist vor allem du zuerst das Bewusstsein biografischer Kontinuität: Wir sind, was wir von uns wissen und wozu wir uns in Beziehung setzen. Zu diesem ausgedehnten Ich-Gedächtnis gehören nicht nur Ereignisse und Begegnungen, sondern auch Dinge, an denen Erinnerungen haften, mit denen Gefühle und Gedanken verbunden sind. Jeder Gegenstand, der uns gehört, ist ein materieller Beleg unseres Seins. In der Aussage "ich bin" schwingt das "ich habe" stets untrennbar mit.

Was mir gehört, gehört zu mir

Über ihre körperlichen und seelischen Dienste hinaus, haben die Dinge auch eine soziale Funktion. Wir brauchen sie, um unsere gesellschaftliche Identität, unseren Status zu definieren. Alles, was wir besitzen, bildet ein Symbolsystem, das sowohl soziale wie auch psychische Strukturen prägt und stabilisiert. Zur Rehabilitierung des Habens tragen letztlich auch die Erkenntnisse der internationalen Glücksforschung bei. Bis zu einer gewissen Grenze sind Besitz und Eigentum unerlässlich für die menschliche Zufriedenheit. Sie schaffen Komfort, bereiten Genuss und stimulieren ein positives Selbstgefühl.

Auf die richtige Dosis kommt es an

Ganz ohne warnenden Unterton kommen allerdings auch die Vertreter des entspannten Konsums nicht aus. Wo das Haben zum Zwang wird, wo nicht mehr wir besitzen, sondern vom Besitz besessen sind, lauern psychosoziale Gefahren. Die Palette drohender Deformationen reicht von überzogenem Anspruchsdenken und Überschuldung bis hin zu quälenden Verlustängsten, Depressionen und krankhafter Kaufsucht. So gilt zuletzt wohl auch für's Besitzen und für's Haben, was der Arzt und Naturforscher Paracelsus vor rund 500 Jahren über die Stoffe seiner Rezepturen sagte: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei."


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