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Soul- und Popikone Stevie Wonder

67 Millionen verkaufte Alben, 44 Singles und eine unzählbare Masse treuer Fans. Der Mann ist eine Ikone. Nach über 50 Jahren im Musikgeschäft bekommt Stevie Wonder 2009 von US-Präsident Barack Obama den Gershwin-Musik-Preis für sein Lebenswerk überreicht. Auch wir rekapitulieren.

Von: Klaus Walter

Stand: 14.05.2010 | Archiv

Stevie Wonder | Bild: picture-alliance/dpa

In seinem Song "Higher Ground" begibt sich Stevie Wonder auf die Suche. Aber was ist dieser Higher Ground? Eine höhere Ebene? Offenbar ist Stevie Wonder auf der Suche nach einer höheren Existenzform, und offenbar hat dieser Song einen religiösen Unterton: "Ich bin verdammt froh, dass ich es noch einmal versuchen darf", singt Stevie Wonder, "denn bei meinem letzten Mal auf dieser Erde habe ich nur in Sünde gelebt. Ich bin so froh, dass ich jetzt mehr weiß als ich damals wusste. Und ich werde weiter an mir arbeiten, bis ich den highest ground erreicht habe."

Die höchste Ebene, das höchste Level - das strebt der junge Stevie Wonder an, und damit ermutigt er seine Hörer, es ihm nachzumachen. Der Song ist gleichermaßen Ermutigung wie Ermächtigung. Quasi eine Fortschreibung des "Keep on pushing" von Curtis Mayfield, also die Aufforderung: Lasst Euch nicht hängen, kämpft für ein besseres Leben, trotzt den Widrigkeiten und den Schwierigkeiten des Lebens.

Stevie Wonder geht als Beispiel voran. Er ist 23 Jahre alt, als er "Higher Ground" aufnimmt. Er tut es im Alleingang, spielt alle Instrumente selbst, die meisten davon hat er sich selbst beigebracht. "Higher Ground" ist einer von vielen - buchstäblich - Höhepunkten auf dem Album "Innervisions" aus dem Jahre 1973, viele sagen, es war der Höhepunkt seiner Kreativität.

Die Hits

Der Song "Happy Birthday" gehört sicher nicht zu den musikalischen Großtaten von Stevie Wonder. Aber es ist vielleicht der Song mit der größten politischen Sprengkraft. Mit "Happy Birthday" unterstützt Stevie Wonder 1981 eine Initiative von Bürgerrechtlern in den USA. Die haben sich zum Ziel gesetzt, dass der Geburtstag von Martin Luther King zum Feiertag erklärt wird. Ein Tag, an dem weltweit der Frieden gefeiert wird, so heißt es im Text. Tatsächlich wird seit 1986 immer am dritten Montag im Januar der Martin Luther King Day begangen, Stevie Wonder sei Dank.

Stevie Wonder in jungen Jahren

Auch "I just called to say I love you" gehört nicht zu den musikalischen Großtaten von Stevie Wonder. Aber, das sentimentale Lied ist einer der größten Verkaufserfolge von Stevie Wonder. Für seine Kritiker dagegen ist es ein Indiz für seinen künstlerischen Abstieg in den Achtziger Jahren. Ein Abstieg allerdings von ganz oben, schließlich ist Stevie Wonder in den Siebziger Jahren einer der großen Erneuerer der afroamerikanischen Musik. Und einer der Pioniere des sogenannten Autorensoul. Er schreibt seine Musik selbst, produziert sie selbst und spielt fast alle Instrumente. Bei seinem Hit "Superstition" begleiten ihn lediglich ein Trompeter und ein Saxofonist. "Superstition" stammt aus dem Album "Talking Book" von 1972.

Steveland Hardaway Judkins Morris kommt am 13.Mai 1950 als Frühgeburt zur Welt. Er wird künstlich beatmet und verliert seine Sehkraft - vermutlich durch eine Überdosierung des Sauerstoffs. Der blinde Stevie stürzt sich in die Musik. Er singt im Kirchenchor, mit neun Jahren spielt er Klavier, Harmonika und Schlagzeug. Das Multitalent fällt auch den Scouts der Plattenfirma Motown in Detroit auf. Die nehmen das elfjährige Wunderkind unter Vertrag. Aus Steveland Hardaway Judkins Morris wird Little Stevie Wonder. Mit gerade Mal zwölf Jahren und seiner allerersten Single landet Klein-Stevie seinen ersten Nummer Eins Hit mit "Fingertips".

Vom Wunderkind zum Solo-Künstler

Unter der Regie des Motown-Patriarchen Berry Gordy avanciert der blinde Junge aus Michigan zum Kinderstar. In den Sechzigern produziert Gordy mit Stevie Wonder Hits wie am Fließband. Tatsächlich orientiert sich der ehemalige Fließbandarbeiter Gordy bei seiner Hitproduktion an den Methoden der großen Motorenfabriken von Detroit. Wie die Autos bei Ford oder bei General Motors werden die Hits bei Motown aus Fertigteilen zusammengesetzt. Doch Stevie Wonder hat irgendwann die Nase voll von den Drei-Minuten-Fließband-Popsongs. 1971 trennt er sich von Motown. Er gründet seine eigene Plattenfirma und baut sein eigenes Tonstudio auf. Mit zwanzig Jahren ist aus Little Stevie Wonder ein großer Komponist und ein musikalischer Pionier geworden.

Praktisch im Alleingang produziert er das Album "Music Of My Mind". Der Titel ist Programm, der ehemalige Kinderstar erschafft Musik nach seinen eigenen Vorstellungen. Diese Vorstellungen setzt er in zähen Verhandlungen mit dem mächtigen Berry Gordy durch. Der Motown-Boss gewährt Wonder alle künstlerische Freiheiten und die Rechte an seinen eigenen Songs - für diese autoritär bis autokratisch geführte Plattenfabrik eine Revolution. Und Stevie Wonder kostet die künstlerischen Freiheiten aus. "Music Of My Mind" ist bis heute ein Meilenstein der Popmusik.

Fans in der Popwelt

Für Alexis Taylor von der englischen Band Hot Chip ist "Music Of My Mind" die Platte seines Lebens, das hat er dem Mojo-Magazin anvertraut in der Rubrik "Last Night A Record Changed My Life". "Der Groove von 'Keep on Running', diese Euphorie, das ist bei jedem Hören immer wieder atemberaubend", sagt Taylor. Er ist einer von vielen Nachgeborenen, die bis ins 21. Jahrhundert inspiriert sind von der Musik von Stevie Wonder aus den 70er Jahren.

So betritt im Januar 2000 ein gewisser Wevie Stonder in Manchester die Bühne - was Wevie Stonder mit Stevie Wonder verbindet, das bleibt das Geheimnis von Wevie Stonder. Und schon bald ist Wevie Stonder wieder verschwunden. Stevie Wonder ist geblieben, er hat Spuren hinterlassen, auch an abgelegenen Orten. In Berlin zum Beispiel bei dem Elektronik-Produzenten Jan Jelinek.

"Trust The Words Of Stevie", vertraue den Worten von Stevie, so heißt ein Track von Jan Jelinek "Avec La Nouvelle Pauvreté". Der Bezug zu Stevie Wonder erschließt sich nicht auf Anhieb. Auf Anfrage antwortet Jan Jelinek per E-Mail wie folgt:

"Das ganze Album 'La nouvelle pauverte' sollte so eine Art Travestieshow werden. Über das Sample hinaus zitieren - aber eben kostümiert. 'Trust the word of Stevie' - mein Plan war, aus Wonders Songs 'Do I love her' so eine schwüle Serge-Gainsbourg-Nummer zu machen. Leider habe ich dann über die erste Zeile hinaus - 'Do I her love her with a heart that's true' - nichts weiter an Text eingesungen - bin eben kein Sänger."

Jan Jelinek

Musikalisch eindeutiger ist der Bezug zu Stevie Wonder bei dem Rapper Coolio. Der verdankt seinen größten Hit einem Stevie Wonder Song. Coolios "Gangsta's Paradise" ist eigentlich nicht viel mehr als ein Remake von Stevie Wonders "Pastime Paradise" aus "Songs in the key of life", dem gefeierten Doppelalbum von 1976. Ein ganzes Album widmet Yesterdays New Quintet dem großen Idol. Schlicht und einfach "Stevie" heißt die Hommage der Band um den HipHop-Produzenten Madlib. Das Album enthält Instrumentalversionen von Stevie-Songs, im Geiste von HipHop und Deep House.

"Sounds sind wie Gemälde"

"... und ich möchte mit Sounds malen", hat Stevie Wonder mal gesagt. 1980 malt er das Porträt einer jamaikanischen Ikone. "Masterblaster" ist seine musikalische Verbeugung vor Bob Marley und dem Reggae. Damit schlägt Wonder als einer der ersten die Brücke vom nordamerikanischen Soul zum Sound der Karibik. Auch wenn Stevie Wonder seine Musik "eine farblose Musik" nennt: Er weiß sehr wohl, dass seine Vorfahren schwarze Sklaven aus Afrika waren. Diese afroamerikanische Urerfahrung ist seiner Musik eingeschrieben. Und so schreibt er sich selbst ein in die Tradition der schwarzen Musik Amerikas, wenn er einem der ganz Großen der Jazzgeschichte ein Denkmal setzt. In "Sir Duke" Stevie Wonder malt ein Gemälde für Duke Ellington.


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