Bayern 2 - Nachtmix


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Allroundspieler und Baumeister Booker T. Jones

Sie sind die Musiker hinter den großen Hits des Memphis Soul, aber: Booker T. & The M.G.s funktionieren auch ohne Stimmen. Ihre groovenden Instrumentals haben die 60er besser überstanden als viele Vokalhits. Ein Verdienst von Booker T. Jones, dem Kopf der Band.

Von: Klaus Walter

Stand: 13.11.2009 | Archiv

Booker T. Jones | Bild: picture-alliance/dpa

Green Onions, das Lied von den grünen Zwiebeln beschert Booker T. & The M.G.´s 1962 einen Nummer Drei Hit und gilt bis heute als eines der größten Instrumentals der Popgeschichte, das Riff ist äußerst markant, weshalb der Song auch so gern in Filmen und im Fernsehen benutzt wird.

Steve Cropper, der Gitarrist von Booker T & M.G.'s hat vor zwei Jahren erzählt, dass sie den großen Erfolg von Green Onions einem Radio-DJ verdanken. Ein gewisser Reuben Washington, von der Radio Station WLOK in Memphis, hat Green Onions vier Mal hintereinander in seiner Show gespielt, bevor irgendjemand überhaupt was gehört hatte von Booker T. & The M.G.'s.

Memphis ist das Stichwort: Booker T. & The M.G.´s sind die prägende Band des sogenannten Memphis Sound, das Kürzel M.G.'s steht für Memphis Group – auch wenn manche behaupten, es stünde für den gleichnamigen Sportwagen.

Booker T. & The M.G.'s sind die Band hinter den großen Hits des Memphis Soul, die Band hinter Otis Redding, hinter Sam & Dave, hinter Rufus und Carla Thomas und vielen anderen. Aber: Booker T. & The M.G.'s funktionieren auch ohne einen Sänger oder eine Sängerin vor sich. Ihre Instrumentals, getragen von der satten Hammond B3-Orgel von Booker T. Jones, haben die 60er besser überstanden als so mancher Tränenzieher oder Tanzbodenfüller mit Stimme. Deswegen berufen sich bis heute immer wieder viele Musiker auf Booker T. & The M.G.s.

The Clash zum Beispiel haben sich ja kreuz und quer bedient in der Geschichte der populären Musik, heute redet man vor allem von ihrem Faible für alle Spielarten jamaikanischer Musik, aber nein, sie hatten auch ein Herz für den Soul. Ein Herz vielleicht, aber definitiv keine Stimmen hatten Joe Strummer und Mick Jones für den Soul, also haben sie Soul ohne Worte gemacht und Time is tight in Soulpunk verwandelt.

Gerade hat Booker T. Jones seinen 65. Geburtstag gefeiert. Um die Torte und die Drinks für die Gäste dürfte er sich wenig Sorgen gemacht haben, schließlich war Booker T. Jones an mehr Hits beteiligt als Louis van Gaal Titel gewonnen hat. Beteiligt als Musiker im Hintergrund, als Arrangeur oder als Komponist: oder als: alles zusammen.

Booker T. & The M.G.'s waren die Backingband des Soul-Duos Sam & Dave, und gerade deren Hits werden Jahre später von den beiden Komikern Dan Aykroyd und John Belushi wieder aufgegriffen und einem weißen Publikum nahegebracht für den Film Blues Brothers. In der Showband der Blues Brothers stehen dann auch zwei M.G.'s: Duck Dunn, der Bassist, und Steve Cropper, der Gitarrist. Ganz nebenbei; hinter den weißen Blues Brothers stehen die beiden weißen Mitglieder der M.G.'s.

Green Onions, der größte Hit von Booker T. & The M.G.'s wandert um den Globus und landet, klar, in Jamaika. Dort machen sie sich in den 60ern und 70ern über jeden amerikanisschen Hit her, der über die Ätherwellen in die Karibik schallt. Auch über die Instrumentals von Booker T. & The M.G.'s, die werden dann ganz leicht rocksteadifiziert, skaifiziert oder reggaefiziert. In Jamaika geht der Blick – und das Gehör – immer in Richtung USA, viele jamaikanische Musiker nehmen sich nordamerikanische zum Vorbild, Bob Marley und die Wailers etwa sind deutlich Curtis Mayfield und den Impressions nachempfunden. Nach diesem Muster gibt es auch eine jamaikanische Antwort auf Booker T. Sein Name ist Jackie Mittoo und er hat mit seinen Tasteninstrumenten für Ska, Rocksteady und den frühen Reggae getan, was Booker T. in Memphis für den Soul geleistet hat.

Memphis, Musikmetropole im Süden der USA, dort, wo die Rassentrennung schärfer und brutaler war als im Norden. Aber, im Süden ist die Musik auch eine Art Fluchtpunkt, eine befreite Zone. Unter Musikern – so scheint es – spielt die Hautfarbe keine so große Rolle, Musik ist farbenblind. Auf diese Idee muss man kommen, wenn man sieht, was herauskommt, wenn in Memphis schwarze und weiße Musiker zusammenspielen. Weiße wie Duck Dunn am Bass und Steve Cropper an der Gitarre, Schwarze wie der große Al Jackson am Schlagzeug und Booker T., der musikalische Allroundspieler und Kopf der Band.

Wenn man Booker T. & The M.G.'s sieht und hört, dann möchte man fast wieder glauben an die schöne alte Idee vom Melting Pot, vom Schmelztiegel Amerika. Erst recht, wenn man den Schmelztiegel dann hört: Melting Pot, für mich der größte Hit von Booker T. & The M.G.'s, groß, in jeder Beziehung. Darüber hinaus ist das auch der langlebigste Track von Booker T. & The M.G.'s, bis heute immer wieder gern gesamplet und von seinem Aufbau her passt er bis heute in jedes stilistisch halbwegs offene DJ-Set zwischen Disco und House. Melting Pot, der Name ist Programm, der Süden der USA ist ja auch der Ort, wo sich Country und Soul Gute Nacht sagen. Auch davon finden sich kräftige Spuren in der Musik von Booker T. & The M.G.'s. Eine besonders schöne, fast schon rührende Spur aber auch auf dem Album Booker T. & Priscilla, eines von drei Alben, die Booker T. Jones mit seiner Frau Priscilla aufnimmt. Einiges davon klingt mehr nach Schmalztiegel als nach Schmelztiegel, anderes ist zum Niederknien. Niederknien auch im Sinne von Beten, aber keine Angst, ihr Ungläubigen da draußen, im schwarzen Süden liegen die geistliche Liebe zum lieben Gott und die fleischliche Liebe zu Mann oder Frau ja oft genug in ein und dem selben Bett.

Und die Countrymusik und der Soul sind enge Verwandte. So kommt es, dass Booker T. & Priscilla sich einen Song von den Flying Burritto Brothers zu eigen machen. She, geschrieben Chris Ethridge und Gram Parsons wird bei diesem offenbar ziemlich verliebten Paar zu einem sehr körperbetonten Gospel mit Countrygeschmack.

Der 12. November, der 65. Geburtstag von Booker T. Jones, ist ein besonderer Tag in der amerikanischen Popgeschichte. Am 12. November 1934 kommt Charles Manson zur Welt, um später zu einem berühmt-berüchtigten Massenmörder zu werden, nachdem es zum Popstar nicht gereicht hat. Manson also wird heute 75 Jahre alt und er ist oft besungen worden seit den Morden seiner Family in Hollywood im August 1969, besungen wurde Manson auch von Neil Young, in seinem Revolution Blues zum Beispiel. Auch Neil Young  hat heute Geburtstag, er wird 64 Jahre alt. Und damit ein Jahr jünger, als unser eigentlicher Jubilar. Mit Booker T. & The M.G.'s hat Neil Young oft zusammengespielt. Ich habe sie in den 90ern zusammen gesehen, das hat mich nicht ganz überzeugt. Das Holzfäller-Hemdsärmlige von Neil Young wollte nicht so ganz aufgehen im eleganten Soulgroove der M.G.'s. Auch auf Platte gibt’s die Begegnung, auf Youngs Album Are you passionate von 2002. Vielleicht feiern sie heute zusammen Geburtstag, Charles Manson wird nicht dabeisein, der verbringt auch seinen 75. Geburtstag im Gefängnis. Vielleicht wird sich Booker T.Jones auch nochmal die Ode To Booker T. anhören, von den Young Marble Giants. Und vielleicht wird er sich fragen: was hat diese Ode eigentlich mit mir zu tun? Wenn er sich das fragen sollte, dann geht es ihm wie mir.


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