Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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23. April 1950 Harry-Lime-Thema wird meistgekaufte Platte in den USA

Der Thriller "Der dritte Mann" machte den Soundtrack des Zitherspielers Anton Karas weltberühmt und sein Harry-Lime-Thema vorübergehend zur meistverkauften Single in den Vereinigten Staaten. Autorin: Brigitte Kohn

Stand: 23.04.2019 | Archiv

23 April

Dienstag, 23. April 2019

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Wien im Kino der Nachkriegszeit: Wer da nur an Sissi im Krinolinenkleid denkt, der hat den "Dritten Mann" nicht gesehen. "Der dritte Mann" spielt auch in Wien und wurde ein paar Jahre vor Sissi gedreht, 1948 nämlich. Wenn in diesem Film die schöne blaue Donau ins Bild kommt, dann dümpelt da eine Leiche drin, aufgebläht im Morgengrauen. Von Kaiserpracht keine Spur. Mit der ist es vorbei.

Gauner, Schieber, Schmuggler

Stattdessen schwenkt die Kamera über Schuttberge und Ruinen und zeichnet in den nächtlichen Gassen und Abwasserkanälen der Wiener Unterwelt das Bild einer düsteren und hoffnungslos korrupten Welt.  Ja, auch das ist Wien, das Nachkriegswien, eingeteilt in Besatzungszonen, im Würgegriff des Februarfrostes, voller Gauner und Schieber und Schmuggler. Filmbösewicht Harry Lime, dargestellt von Orson Welles, vertreibt gestrecktes Penicillin auf dem Schwarzmarkt und hat viele Menschenleben auf dem nicht vorhandenen Gewissen, eine gottverlassene Existenz in einer gottverlassenen Welt, ein Geschöpf des Zweiten Weltkriegs.

Und immer, wenn Harry Lime die Szene betritt, erklingt eine Zither, ausgerechnet jenes typisch österreichische Instrument, das in den Heurigenlokalen Wiens für gemütliche Unterhaltung zu sorgen pflegte. Die Melodie kennt man einfach, ob man nun den Film gesehen hat oder nicht. Sie scheint zum Mitschunkeln einzuladen, wenn da nicht so etwas abgehackt Metallisches, Scharfes mitschwingen würde, so etwas Doppelbödiges. Die Welt stand Schlange vor den Kinokassen und wurde süchtig nach diesen Klängen. Erst stürmte das Harry-Lime-Thema die Hitlisten Europas, dann wurde es am 23. April 1950 zur meistverkauften Platte auch in den USA erklärt.

Mut zur Zither

In einer Zeit, in der das Kinopublikum an bombastische Orchestermusik gewöhnt war, hatte der britische Regisseur Carol Reed wirklich Mut bewiesen, als er die gesamte Filmmusik einem einzigen, völlig unbekannten Zitherspieler überließ.

Den Anton Karas hatte er zufällig in einem Wiener Heurigenlokal kennengelernt, wo er allabendlich aufspielte: ein einfacher Mann aus der Arbeiterschicht, wie viele andere Wiener Zitherspieler. Doch Carol Reeds spürte seine ungewöhnliche Begabung und war hingerissen. Er lud ihn in sein Londoner Tonstudio ein, führte ihm die Filmaufnahmen vor und ließ ihn improvisieren, stundenlang, wochenlang, bis die Finger bluteten. Schlimmer noch schmerzte das Heimweh nach Wien, aber Reed musste ihm nur aufmunternd auf die Schulter klopfen, und Karas machte weiter. 

Als ein Studiobrand kurz vor Schluss alle Tonspuren vernichtete, spielte er, inzwischen am Rande des Nervenzusammenbruchs, alles noch einmal ein. Danach gingen der Regisseur und sein Musiker in die Westminster Abbey und zündeten eine Kerze an.  Das hat gewirkt: Anton Karas wurde weltberühmt, und die Harry-Lime-Musik zählt bis heute, wie der Wiener Walzer oder der Radetzky-Marsch, zu den Wiener Erkennungsmelodien.


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