Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. Februar 1109 Edigna von Puch gestorben, Baumbewohnerin

Edigna lebte der Legende nach in einer hohlen Linde. Manche sagen der Baum sei 1200 Jahre alt. In Edigna vermischen sich die Vorstellungen von einer heidnischen Baumgöttin, einer Dryade und einer katholischen Heiligen. Autorin: Brigitte Kohn

Stand: 26.02.2020 | Archiv

26 Februar

Dienstag, 26. Februar 2019

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Um die 1000 Jahre alt soll sie sein, die Edigna-Linde in Puch bei Fürstenfeldbruck in der Nähe von München. Sie steht auf dem Dorffriedhof neben der Kirche, und man sieht ihr das Alter schon an. Gurte umschlingen die mächtigen Äste, Beton und Ziegelsteine stabilisieren den Stamm. Und trotzdem ähnelt sie dem Weltenbaum, von dem die Mythologien so vieler Völker erzählen. Und die Königstochter, die im Mittelalter hier gelebt haben soll, hat ein bisschen was von einer heidnischen Baumgöttin. Denn ihr Obdach war der hohle Stamm der Linde, 35 Jahre lang, bis zu ihrem Tod am 26. Februar 1109. So erzählt es die Legende.

Wurzeln schlagen

Edigna soll eine Fremde gewesen sein. Ihr Vater, der französische König, hatte vorgehabt, sie zu verheiraten, da war sie weggelaufen; denn sie wollte ihr Leben der Gottesmutter weihen. Nach Puch war sie auf einem Fuhrwerk gekommen – ein mitfühlender Bauer hatte sie aufsteigen lassen. Zufällig hatte er eine Glocke und einen Hahn dabei.  Als er an der Linde vorbeirollte, blieben die Ochsen stehen, die Glocke bimmelte ganz von allein, der Hahn schrie Kikeriki, und Edigna kletterte vom Wagen und schlüpfte in ihren Baum. Wurzeln schlagen, das geht auch in der Fremde.

Allerdings: Eine französische Königstochter namens Edigna lässt sich in den Quellen nicht nachweisen. Aber es hat immer wieder Frauen gegeben, die dem höfischen Leben den Rücken kehrten. Kloster oder Klause, das war für viele eine echte Alternative zu einer politisch motivierten Zwangsehe. Oder eine Wallfahrt ins Heilige Land. Da wurde man sein anstrengendes Umfeld auch mal los. So manche Pilgerin kehrte nie zurück, sondern blieb irgendwo hängen – vielleicht war das auch bei Edigna der Fall.

Stark wie ein Baum

Außerdem setzen heilige Frauen oft andere Schwerpunkte als Männer. Die Bilderwelt rund um Edigna strahlt eine Naturnähe aus, die der kirchlichen Dogmatik fehlt. Vielleicht lebte sie nicht die ganze Zeit im Stamm, sondern in einer Klause daneben.

Aber sie nutzte den Baum, seine Ausstrahlung, seine Würde. Unter seiner Krone heilte sie Mensch und Tier, lehrte die Kinder lesen und schreiben, schlichtete Streit, erzählte von Gott.

Nach ihrem Tod soll die Linde ein heilsames Öl abgesondert haben, doch als man es vermarkten wollte, ist es versiegt. Für eine offizielle Heiligsprechung der seligen Edigna hat es deshalb nie gereicht, aber die Volksfrömmigkeit bekümmert das wenig. Bis heute pilgern die Menschen zu dem Reliquienschrein mit ihren Gebeinen und schreiben ihre Nöte in das Anliegenbuch, das danebenliegt. Der Vorname Edigna ist in der Gegend immer noch weit verbreitet, und alle 10 Jahre finden Festspiele zu Ehren der Seligen statt.

Edigna hilft vorzugsweise allen, die etwas verloren haben. Schließlich hat auch sie alles verloren, die Heimat, die Familie, und trotzdem war sie stark wie ein Baum. Hätten Menschen niemals Grenzen überschritten, hätten sie sich immer den Konventionen und den Erwartungen anderer gebeugt – die meisten schönen Legenden und Geschichten wären nie geschrieben worden.


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