Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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15. August 1961 Conrad Schumann springt nach West-Berlin

Wenn das Bild unscharf gewesen wäre - Conrad Schumann hätte ein anderes Leben gehabt. Aber das Foto von seinem Sprung war perfekt, und so wurde der DDR-Grenzer Schumann am 15. August 1961 berühmt. Und fahnenflüchtig.

Von: Julia Zöller

Stand: 15.08.2019 | Archiv

15 August

Donnerstag, 15. August 2019

Autor(in): Julia Zöller

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Julia Zöller/ Frank Halbach

Er hatte Erfahrung mit Pferden, das kam ihm jetzt zupass. Peter Leibing hatte schon beim Hamburger Springderby fotografiert. Deshalb wusste er: rechtzeitig abdrücken. Und zwar bevor der höchste Punkt erreicht ist. Alte Springreiter-Fotografenweisheit.

Also drückte Peter Leibing am 15. August 1961 genau richtig.

Aber da war gar kein Pferd. Auf dem Foto springt ein Polizist. Über einen Stacheldraht. Das linke Bein hat er angezogen, mit dem rechten berührt er ihn noch. Die eine Hand sucht das Gleichgewicht, mit der anderen streift er die Pistole ab.

Das Bild der Teilung Deutschlands

Der Moment, in dem der Volkspolizist Conrad Schumann in Ost-Berlin abhebt – und in West-Berlin zur Landung ansetzt, ist ein richtig gutes Foto geworden.

Was der Fotograf Peter Leibing nicht festhalten konnte: Die Angst dieses Mannes. Westsektor betreten ist verboten – das wusste Conrad Schumann. Und glauben sollte er, dass er, der Grenzer, die "Errungenschaften" der DDR verteidigt – gegen die Provokationen aus dem Westen.

Aber genau daran sind Schumann  Zweifel gekommen, als er stundenlang Wache schiebt, auch an der Sperre Bernauer Straße, Ecke Ruppiner Straße, dort wo der sowjetische Sektor Berlins an den französischen grenzt. Er ist bewaffnet mit einer russischen Maschinenpistole. Aber die andere Seite kommt ihm nicht feindlich vor.

Also lehnt der 19jährige an der Hausmauer und raucht. Eine nach der anderen. "Spring doch" hört er von drüben, unauffällig  tritt er den Stacheldraht ein bisschen herunter.

Noch eine Zigarette…da passiert heute noch was….Vom Westen aus setzt ein Polizeifahrzeug rein zufällig bis auf ein paar Meter an die Absperrung heran, rein zufällig steht eine Tür offen. Rein zufällig knipsen die Pressefotografen dann auch noch so penetrant Schumanns Grenz-Kollegen, dass diese gegen zwanzig vor vier genervt abdrehen.

Da springt Conrad Schumann. Rein in den Kofferraum, das Polizeiauto rast los. Dann will er erstmal Leberwurstbrot.

Das Foto mit dem schwebenden Grenzer geht um die Welt. Das ist die Teilung Deutschlands. Der Fotograf Peter Leibig hat jetzt einen Namen.  Aber Conrad Schumann braucht ein neues Leben. Ein Fahnenflüchtiger im Freiheitssprung hat die DDR gedemütigt.

Fahndungsobjekt 101615

"Operative Maßnahme zur Zurückholung angeordnet" notiert die Stasi. Und liest die Briefe an die Eltern. Fahndungsobjekt 101615, Conrad Schumann. Auffanglager. Geht nach Günzburg, lernt Pfleger in der Psychiatrie. Kauft einen VW, besucht sonntags die Kirche. Hochzeit, ein Sohn. FF heißt es, „Fahnenflüchtiger weiter aktiv“. Conrad Schumann ahnt, dass er beobachtet wird - weiß aber nicht, dass die Antwortbriefe seiner Familie tatsächlich von der Stasi diktiert sind. 1987 trifft er Ronald Reagan in Berlin. Wieder ein Foto. Zu Hause an der Wohnzimmerwand tauscht er später die Bilder aus: Sprung gegen Präsident.

Nach der Wende will alle Welt noch einmal wissen, wie sich Conrad Schumann jetzt fühlt. Aber er ist nicht der Typ, der große Worte macht. „Meine Heimat ist Kipfenberg in Bayern“ erzählt er 1994 dem Stern. Er arbeitet inzwischen bei Audi. "Alles ganz normal". Oder doch nicht.

Im Juni 1998 hat sich Conrad Schumann das Leben genommen. Überraschend für viele - auch für den Fotografen Peter Leibing. Die beiden sind sich immer wieder begegnet - wenn sie erzählen sollten, vom 15. August. Als einer sprang - und der andere genau im richtigen Moment drückte.


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