Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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29. Januar 1938 Chemiker Paul Schlack entdeckt Grundlage für Perlon

Es ist nicht einfach, immer im Schatten der großen Schwester zu stehen. So erging es auch der Kunstfaser Perlon, die dauernd für Nylon gehalten wurde. Autor: Hellmuth Nordwig

Stand: 29.01.2019 | Archiv

29 Januar

Dienstag, 29. Januar 2019

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Ach, Perlon ... viel haben wir dir zu verdanken, du unterschätzte Kunstfaser! Hast du es doch in den 1950er-Jahren möglich gemacht, dass wir die verheißungsvollen Beine des weiblichen Wirtschaftswunders endlich wiedersehen konnten! Nicht nackt natürlich, sondern durch einen Hauch von Nichts, wie man so sagt. Also von dir. Das waren noch Zeiten!

Dereinst in Perlon!

Da muss es dich natürlich besonders schmerzen, dass die Menschen solche Strümpfe damals "Nylons" nannten. Nun, die gab es auch, vor allem direkt nach dem Krieg. In Care-Paketen kamen sie nach Deutschland, und sicher brachte sie auch der eine oder andere US-Soldat mit, um sie einem deutschen "Fraulein" zu schenken, warum auch immer. Du, Perlon, hast erst ein paar Jahre später den Triumphzug angetreten. Trotzdem blieb an dir der Name deiner Schwester Nylon hängen.

Ihr seid ja auch wirklich sehr ähnlich. Und Nylon, das muss man zugeben, ist nun mal die ältere von euch. Entdeckt in den USA von Wallace Hume Carothers 1935. Weil Poly-imino-1,6 dioxohexamethylen-iminohexamethylen irgendwie nicht griffig klingt, nennt er es Polyamid-66. Ist aber auch nicht wirklich sexy, und deshalb hast du sicher Verständnis dafür, dass man die Faser später Nylon tauft. Die Patentschrift geht um die Welt, und in Deutschland studiert sie einer ganz genau: Paul Schlack, Forschungsleiter bei den Aceta-Werken in Berlin-Lichtenberg. Was Carothers für die Nylon-Herstellung als untauglich verworfen hat, das will er in seiner Freizeit nachkochen.

Selber und anderes

Paul Schlack treibt einen großen Gulaschkanonentopf auf und beginnt zusammenzumischen: Cyclohexanol, Hydroxylamin und so weiter. In der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 1938 dann deine Geburtsstunde: Schlack findet morgens ein hornartiges hochfestes Material vor, das geschmolzen zu endlosen hauchdünnen Fäden gezogen werden kann. Jawohl - du bist genauso reißfest wie Nylon und vor allem nicht durch ein Patent geschützt. Der Erfinder nennt dich Perluran. Später Perlon.

Viel wäre noch zu sagen über deine wechselvolle Geschichte. Etwa dass du in Deutschland als kriegswichtig eingestuft wirst. Folglich musst du zunächst als Rohstoff für Fallschirme und Flugzeugreifen dienen, während Amerikanerinnen sich schon in Strumpfhosen ganz ohne Naht präsentieren dürfen. ((Oder über die genauso nahtlose Karriere des Paul Schlack: während des Zweiten Weltkriegs unabkömmlich, danach ebenso, als Leiter eines Perlon-Werks bei Augsburg und später Honorarprofessor in Stuttgart.)) Vielleicht auch darüber, dass es keine so gute Idee ist, Männerhemden aus dir zu fertigen - denn du nimmst ja nur wenig Wasser auf, und das sammelt sich dann unter dem Hemd.

Aber wir sind heute aus einem anderen Grund hier. Wir möchten dich würdig verabschieden. Strumpfhosen sind viel weniger begehrt als früher, und außerdem sind längst viele andere Kunstfasern auf dem Markt. Leicht haben wir uns die Entscheidung nicht gemacht, aber wir von der Konzernleitung müssen nun schweren Herzens auch dieses Werk schließen. Leb wohl, Perlon. Es war eine schöne Zeit mit dir.


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