Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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8. Dezember 1921 "Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte"

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! Uralte Weisheit, könnte man meinen, aber das Sprichwort verdankt seine Beliebtheit einem modernen Entdecker. Frederick Barnard und seinen neuartigen Werbebildern auf Straßenbahnen. Autor: Xaver Frühbeis

Stand: 08.12.2017 | Archiv

08 Dezember

Freitag, 08. Dezember 2017

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Ein Bild hat viele Vorteile. Man kann es aufhängen. Man kann es angucken. Andere Leute können es aufhängen, und man kann dafür zahlen, dass man's angucken darf. Praktisch auch: Bei den meisten Bildern erkennt man gleich, was drauf abgebildet ist. Man muss nicht lange davorstehen und überlegen. Selbst wenn die Bilder schnell an einem vorbeifahren, zum Beispiel auf der Werbung an der Trambahn, selbst da genügt ein einziger Blick. Dass das Menschengehirn gerade Bilder so flugs aufnimmt, war den Leuten nicht immer klar. Früher bestand Werbung vor allem aus geschraubt formuliertem Text, etwa dem:

"Zum Markte in Ratzeburg halte einem geehrten Land-Publikum mein wohlassortiertes Tuch-Sortiment bestens empfohlen. Bei reeller Ware stets die äußerst billigsten Preise stellend, bitte um geneigten Besuch."

... und so verschwurbelt war das dann in der Zeitung zu lesen.

Ein Blick ist 1000 Wörter

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen findige Werbeleute auf die Idee, dass man doch auch auf diesen neuartigen elektrischen Straßenbahnen prima Werbung machen könnte. Die Seitenwände waren groß genug, die Wagen ein Hingucker, nur: Mit der Geschwindigkeit gab's ein Problem. Wenn ein Trambahnwagen hurtig um die Ecke fuhr, wer sollte da drauf so lange Texte lesen?

Am 8. Dezember 1921 warb Frederick Barnard, ein Werbefachmann der Chicagoer "Street Railways Advertising Company", in dem Fachblatt "Printer's Ink" mittels einer zweiseitigen Anzeige für eine neuartige Werbung auf Straßenbahnen: Werbung mit Bildern. Bilder, sagte Barnard, würde das Gehirn sofort aufnehmen und verstehen, ganz im Gegensatz zu langen Texten. Die Überschrift zu Barnards Artikel lautete: "One Look is Worth a Thousand Words - Ein Blick ist tausend Wörter wert".

Einige Jahre später warb Barnard in derselben Zeitschrift nochmal für dieselbe Sache, und da hatte er den Spruch ein klein wenig umformuliert: "One Picture is Worth a Thousand Words". Und in dieser Form ist die Zeile weltberühmt geworden.

Chinesisch? Amerikanisch? Russisch?

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" heißt es im Deutschen, Kurt Tucholsky schrieb bereits 1926 unter dem Titel einen Essay, bei den Amis steht "A picture is worth a thousand words" im großen Buch der amerikanischen Sprichwörter, und Frederick Barnard, der kleine Werbefachmann der 20er Jahre, wird als ihr großer Urheber angesehen.

Obwohl er das weder war noch gewollt hat. In seinem Werbeartikel hat Barnard behauptet, dieses "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" sei ein uraltes chinesisches Sprichwort. Viele glauben das heute noch. Aber das stimmt gar nicht. Das hat sich Bernard bloß ausgedacht, weil es besser klang. Weil er wusste, dass die Leute alten chinesischen Sprichwörtern mehr vertrauen als einer neuen amerikanischen Werbeweisheit. Und die hatte Barnard nicht mal selbst erfunden. Werber erfinden selten was. Sie finden lieber. Beispielsweise bei Iwan Sergejewitsch Turgenjew, russischer Schriftsteller, Roman "Väter und Söhne", 1862:

"Das Bild zeigt mir auf einen Blick, wozu es Dutzende Seiten eines Buches brauchen würde zu erklären."

Frederick Barnard hat also ganz einfach nur ein wenig geklaut. Was seinen Beitrag nicht unbedingt schlechter macht. Er hat gut geklaut, er hat erfolgreich geklaut, die Trambahnen fahren bis heute mit Werbung rum, und seinetwegen ist das Sprichwort heute ein Sprichwort. Bloß: Wahr - ist es deswegen noch lange nicht.


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