Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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8. Januar 1986 "Hacker Manifest" verfasst

Manifeste wollen die Welt verändern. Egal ob sie erfolgreich damit sind oder nicht, im Rückblick wirken sie oft ein wenig absonderlich. Ein recht schönes Beispiel ist das "Hackermanifest" vom 8. Januar 1986.

Stand: 08.01.2014 | Archiv

08 Januar

Mittwoch, 08. Januar 2014

Autor(in): Astrid Mayerle

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Julia Zöller

Der Ton macht das Manifest. Da redet etwa einer wie im Fieber. Er redet von "Weihrauch" und "Pappgeschossen", von "fetter Idylle" und dem "Schrei der Bremsen".  Es bricht aus ihm hervor geradezu. Er mag keine Sessel und den Bürger mag er auch nicht, was immer er unter Bürger versteht. Er schreibt fast ausschließlich darüber, was ihm alles missfällt: die Expressionisten und ein ruhiges Leben. Das alles ist viele Jahre her und verwirrt den heutigen Leser, der vielleicht Coach ist oder Paartherapeut und sich denkt: Warum muss man sich immer so idealistisch reinwuchten und den letzten Nerv anzapfen? Es kann doch so einfach sein, mit der Realität, dem Expressionismus, den Sesseln und dem Bürger. Nein, Ausrufezeichen schreibt der Manifesteur. Und dann schüttet er noch einen ganzen Sack Ausrufezeichen übers Papier. Nie hätte dieser Autor ein Smiley an das Ende irgend eines Texts gefügt. Das Happy End einer Botschaft muss ihm völlig fremd gewesen sein, dem Verfasser des "Dadaistischen Manifests", dem Richard Huelsenbeck, der 1918 die Kunst neu erfinden wollte und das Wort "Dada" mit vier Ausrufezeichen versah.

Hope am Horizont

Im Gegensatz dazu gelingt es anderen Autoren nicht nur, klar zu sagen, womit jetzt aber endgültig Schluss ist, sondern auch, welche Hoffnungen sich am Horizont auftun. Da wäre etwa das "Oberhausener Manifest", ein Text zur Zukunft des deutschen Films. Sein Sound ähnelt am Anfang einer notariellen Erklärung zum Eigentumswechsel von Tiefgaragen. Und das, obwohl hier vom Niedergang einer Kunstform die Rede ist. Allerdings: Ganz am Ende taucht in mehreren hintereinander folgenden Sätzen das Wort "Freiheit" auf. Vier mal. Das war 1962. Spätere Manifeste verzichten meist auf derart bedeutungsgeladene Wortmunition, wie etwa das 1998 entstandenen "Pussy Power Manifest": Es kümmert sich um neue Richtlinen für eine Serie dänischer Pornofilme und sagt ganz lapidar, der Film sollte nicht zu lang sein und eher kurze Plots bevorzugen. Außerdem müssen die Körper nicht vollständig unbekleidet sein.  

Alete hasst der Nerd

Gäbe es eine Zertifizierungsstelle für die Verständlichkeit von Manifesten, das Pussy Power Pamphlet stünde sicher auf Platz eins. Sehr weit unten, noch weiter als das "Dadaistische Manifest", vielleicht sogar auf dem letzten Platz rangierte vermutlich das "Hacker Manifest", das eigentlich die Machtverhältnisse über Information neu sortieren will. Doch wider alle Regeln des Genres, ist es weit davon entfernt, die Vergangenheit für tot zu erklären, konkrete Forderungen zu stellen oder gar eine Zukunftsprognose zu wagen. Nicht mal ein paar Standards für seine Branche will der Elitenerd aufstellen. Er sagt eigentlich nur: ich will alles dürfen können. Daher klingt sein Text wie das Gedankenkarussell eines Amokläufers in der Umkleide des Ruderclubs. Kurz vorm Start gönnt er sich dann noch eine Metapher, die jedoch prompt nach hinten los geht: Mit Babynahrung hat man ihn und seine Kollegen vollgestopft, just als es sie nach Steaks gelüstete. Dies hinterließ Loyd Blankenship, der Mentor des "Hacker Manifests" am 8. Januar 1986 der Öffentlichkeit. Hoffentlich bekam er an diesem Tag eine ordentliche Portion Fleisch, denn nach seiner Theorie hat offenbar tierisches Eiweiß besänftigende Wirkung auf Nerdnerven.


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