Bayern 1


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Was versteht man unter nachhaltiger Kleidung Wie erkenne ich umweltfreundliche T-Shirts?

Was ist so schlimm daran, dass wir so viel Kleidung kaufen? Warum ist nachhaltige Mode besser - und woran erkenne ich sie? Der BAYERN 1 Umweltkommissar klärt auf.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 07.07.2020

Kleidung | Bild: mauritius-images

Wir haben zu viele Klamotten! Jedenfalls die meisten von uns. Außerdem - auch das belegen Umfragen immer wieder - finden rund drei Viertel der Verbraucherinnen und Verbraucher, dass nachhaltige Mode wichtig ist. Andererseits kaufen wir Blusen, Hosen, Hemden oder T-Shirts, die wir lediglich ein paar Mal tragen und dann im Keller oder im Altkleider-Container entsorgen. Im Schnitt, hat Greenpeace 2015 auf Basis einer Befragung errechnet, legen wir uns übers Jahr 60 neue Teile zu. Das passt mit unseren Ansprüchen nicht zusammen und eigentlich wissen wir das auch.

Warum es so schwer ist, nachhaltige Kleidung zu erkennen

Selbst, wenn wir besonders umsichtig und nachhaltig Kleidung kaufen wollen, ist es nicht immer einfach, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Ganz entscheidend für die Ökobilanz ist der Weg, den ein Kleidungsstück zurücklegt. Schließlich kann die Baumwolle aus Burkina Faso kommen, jedoch zur weiteren Verarbeitung, wie zum Beispiel färben, eine Asienrundreise durch Indien, Vietnam oder Kambodscha unternehmen, um anschließend in China genäht zu werden. Am Ende landet es dann wieder in einem deutschen Modegeschäft.

Jeder dieser Arbeitsschritte verbraucht natürlich Unmengen an Energie und wie die Bedingungen für Baumwollpflücker oder Näherinnen aussehen, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. "Das ist natürlich sehr kompliziert und die Lieferketten sind weltweit. Ein Produkt hat eben eine ganze Reihe von Vorlieferanten. Wenn Sie dieses Hemd hier nehmen", zeigt Klaus Lindner vom Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTB) auf sein blütenweißes Hemd, "das sind 142 Schritte, die dieses Hemd durchläuft. Und insoweit ist es ein ganz schwieriges Thema das nachzuvollziehen." Selbst für Profis, die tagtäglich mit Textilien zu tun haben.

Was steckt hinter "nachhaltig"?

Mittlerweile sind aber viele Modeunternehmen auch bemüht, möglichst transparent diese Lieferketten und ihre Bezugsquellen offen zu legen. Vor allem kleinere Label verstehen Nachhaltigkeit sogar als wesentliches Kriterium ihrer Produkte. Der Hamburger Online-Shop Avocadostore hat das bereits 2010 erkannt und versucht genau diesen Labeln eine digitale Öko-Plattform zu verschaffen. Zehn Kriterien, wie "haltbar", "recycelbar" oder "Made in Germany" sind wichtig. Die meisten Anbieter erfüllen zwischen zwei und fünf. "Aber am liebsten hätten wir, dass alle Produkte zehn Kriterien erfüllen", sagt Gründerin Mimi Sewalski, "wenn das passiert, dann gebe ich Champagner aus für alle. Das Problem ist leider, dass Nachhaltigkeit selten ja-nein oder schwarz-weiß ist". Entscheidend für die Hamburger ist eher, dass ein angebotenes Produkt die bessere, nachhaltige Alternative zum herkömmlichen Produkt sein muss.

Auch das gehört zur Wahrheit: Wer bei Kleidung auf Nachhaltigkeit Wert legt, muss bereit sein auch mehr hinzublättern. "Wir fragen momentan immer, warum ist 'bio' so teuer?", sagt Mimi Sewalksi von Avocadostore, "und ich glaube, wir müssen mehr dahin kommen, zu fragen, warum die herkömmlichen Dinge so günstig sind. Irgendjemand bezahlt dafür."

Der BAYERN 1 Umweltkommissar zum Nachhören:

Warum 'Fast Fashion' Altkleidersammler vor Probleme stellt

Um Kunden und natürlich vor allem das Zielpublikum "Frau" zum Konsum zu bewegen, hat die Bekleidungsindustrie irgendwann die jährliche Winter- und Sommerkollektion erfunden. Daraus wurden dann mit der Frühlings- und Herbstkollektion schon vier. Mittlerweile bringen Konzerne wie H&M bis zu 19 Kollektionen pro Jahr heraus, andere sogar bis zu 24 Kollektionen. Das ist der textile Overkill!

Sabrina Ludmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg und weiß um die Folgen:

"Die Kollektionen müssen qualitativ hochwertiger sein. Die Mode darf nicht so oft wechseln und da laufen wir gerade, was die Abfallwirtschaft angeht, auf ein großes Problem zu."

Sabrina Ludmann, Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg

Das Problem heißt "Alttextilien", also das, was wir gerne in den Containern der Sammelunternehmen entsorgen und ein gutes Gefühl dabei haben, weil wir denken, es käme vielleicht noch Bedürftigen zugute. Die Realität sieht anders aus. Die Entsorger werden seit Jahren geradezu überschwemmt mit alten Klamotten, Textilien und Schuhen. Zuletzt - zeigt eine aktuelle Studie vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) in Bonn - wirft jeder Deutsche über 15 Kilo in die Sammel-Container (2018). Das sind 1,3 Mio. Tonnen "Alttextilien" pro Jahr.

Die Qualität der Stoffe ist oft so schlecht, dass sie noch nicht mal mehr für Putzlappen taugen, denn schließlich werden hier nur saugende Stoffe benötigt. Textilien mit wenig Baumwollanteil braucht da keiner. Auch im Bereich Dämmstoffe ist der Bedarf endlich. Letztlich werden viele der so genannten Altkleider verbrannt. "Ein T-Shirt, das schon nach vier Mal verwaschen ist", sagt Thomas Fischer, Kreislaufexperte des BVSE, "das kriegen Sie nicht weiterverkauft."

Im Schnitt wird ein T-Shirt heutzutage nämlich lediglich vier Mal getragen, bevor es wieder weggeschmissen wird. Manche Kleidungsstücke - und da kann sich jetzt jeder kurz selbst an die eigene Nase fassen - werden auch gekauft, und nie getragen. "Wer sich für drei Euro ein T-Shirt kauft, der kann nicht glauben, dass er nachhaltig einkauft!", sagt Klaus Lindner vom VTB. Eine eigens vom Verband in Auftrag gegebene Studie hat ihn aber, was die Käufer angeht, doch etwas überrascht:

"Ich habe immer gedacht, dass die Jungen primär preisgetrieben sind und dass meine Generation nicht so ist. Mittlerweile glaube ich das nicht mehr so."

Klaus Lindner, Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTB)

Warum es weniger Altkleider-Container geben könnte

Der Preisverfall bei Alttextilien und eine Verwertung, die mit der stetig steigenden, entsorgten Menge nicht Schritt halten kann, wird Folgen haben. Angesichts von kommunalen Standmieten für Container, werden sich private wie karitative Sammler die Kosten-Nutzen-Frage künftig öfter stellen. Was bedeutet, dass es Sammelstellen nur noch dort geballt gibt, wo es sich wirklich lohnt. Das bedeutet aber auch, dass sich der Umgang mit Kleidung und damit auch das System "Textilrecycling" grundlegend ändern muss. Thomas Fischer: "Ich sag mal das Thema Produktverantwortung, was ja in anderen Bereichen mittlerweile ganz normal ist." Sinnvoll wäre es also, dass die Hersteller eben auch - wie bereits bei Plastikverpackungen - ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft auch dafür zahlen, wenn sie die Welt mit billigen Klamotten überfluten. Und dass diejenigen profitieren, die schon jetzt nachhaltig produzieren.

Warum "Made in China" nicht schlecht sein muss

Zwei Beispiele zeigen, wie kompliziert es ist, Textilien eindeutig als "nachhaltig" zu bezeichnen:

Mittlerweile gibt es kaum noch Kleidungsstücke, in denen nicht irgendwie und irgendwo Kunstfasern verwoben sind. Immer dann, wenn es um Elastizität geht. Ist das auch nicht unbedingt schlecht. Eine Kunstfaser nimmt es in jeder Beziehung mit einer Baumwollfaser auf. In der Ökobilanz kann eine Fleece-Jacke, die aus PET-Flaschen recycelt worden ist, sogar wesentlich besser abschneiden, als eine entsprechende Jacke, die aus herkömmlicher Baumwollfaser gewebt worden ist.

Baumwollpflanzen werden vorwiegend in trockenen Gebieten angebaut, sind durstig und empfindlich. Also müssen jede Menge Wasser und Pestizide eingesetzt werden. Bio-Baumwolle kann bislang nur einen verschwindend kleinen Teil der weltweiten Nachfrage decken. Außerdem bezieht sich das Bio-Siegel NUR auf die angebaute Baumwolle. Es sagt nichts über die Verarbeitung des Kleidungsstücks aus und ist auch keine Gewähr dafür, dass die Klamotten zu bestimmten sozialen Mindeststandards produziert worden sind. Das müssen dann weiterführende Zertifizierungen gewährleisten. Und auch Bio-Baumwolle bleibt natürlich eine anspruchsvolle Pflanze, die viel Wasser und gute Böden benötigt, um optimal angebaut werden zu können.

Den Preis für unsere billigen Klamotten zahlen andere. Eben meist Näherinnen und Näher, die in Billiglohnländern unter menschenunwürdigen Bedingungen und für Hungerlöhne schuften müssen. China und Indien sind Hauptproduzenten, aber auch in Vietnam oder Kambodscha wird genäht. Allerdings wäre es anmaßend, daraus zu schließen, dass Kleidung aus Asien grundsätzlich nicht nachhaltig sein kann. Im Gegenteil: Gerade in China haben Hersteller viel Erfahrung in der Textilverarbeitung und auch technisches Knowhow, was die Verarbeitung recycelter Fasern angeht. So vertreibt Loveco, in verschiedenen Berliner Läden aber auch online, Marken mit dem Attribut "nachhaltig und fair", ganz bewusst auch Kleidung aus China. "Das Problem ist allerdings, dass es aus der Ferne natürlich sehr schwierig ist. Man muss da schon hinfahren und auch ein Auge darauf haben", sagt Mimi Sewalski von der Hamburger Plattform Avocadostore.

Das ist kein Plädoyer gegen Baumwolle oder für die Nähindustrie in Asien. Die beiden Themenfelder sollen nur kurz umreißen, wie schwierig es ist, Nachhaltigkeit bei Textilien klar einzugrenzen. 

Worauf soll ich schauen, wenn ich ökologisch und fair hergestellte Kleidung kaufen will? An diesen Siegeln und Apps erkennen Sie nachhaltige Mode: "Nachhaltige Mode: Diese Siegel und Apps geben Orientierung"

Wo kann ich Kleidung tauschen?

Es gibt noch eine Alternative zum Leben eines T-Shirts, das aus Kauf und baldiger Entsorgung besteht. Mittlerweile gibt es ein weitreichendes Angebot von Secondhand-Läden (die aber vor allem teure Marken aufkaufen), -märkten oder auch Kleidertauschbörsen, wie "Kleiderkreisel" und ähnlichen Online-Plattformen. Das Projekt "PeerSharing" hat die Nutzung und die Nachhaltigkeit von Online-Plattformen untersucht, die den Verleih, Kauf oder Tausch von Produkten und Dienstleistungen von privat zu privat vermitteln. Mit daran beteiligt war auch Sabrina Ludmann vom IFEU-Institut Heidelberg:

"Die Nachhaltigkeit ist dann gegeben, wenn man mit dem Produkt und mit seinem Konsum auch nachhaltig umgeht. Also wenn man auf Qualität achtet und nicht dadurch, dass es so ein Angebot gibt, die Kleidung wieder loszuwerden, viel konsumiert, weil es so leicht ist."

Sabrina Ludmann, IFEU-Institut Heidelberg

Heißt: Was für Neuware gilt, lässt sich auch auf den Handel oder den Tausch von Kleidung oder Schuhen übertragen. Weniger ist mehr, im Sinne der Nachhaltigkeit.

Kleider tauschen ist die beliebteste Form des Sharings

Im Rahmen der Untersuchung hat sich gezeigt, dass der An- und Weiterkauf von Kleidung zu den beliebtesten Sharing-Formen gehört. Immerhin hat jeder Fünfte schon einmal ein gebrauchtes Kleidungsstück ge- oder verkauft. Allerdings - auch das hat die Befragung ergeben - mehr Menschen in Deutschland haben auf absehbare Zeit kein Interesse, sich daran zu beteiligen. Das könnte auch daran liegen, dass Klamotten in Deutschland schlichtweg zu billig sind.

Für Kleider-Sharing spricht ein anderer Aspekt: Die Qualität! In der Regel lässt sich nur qualitativ hochwertige Kleidung auch weiterverkaufen. "Das ist eine der Hoffnungen, die wir haben, und das wird unter dem Wort Wertewandel zusammengefasst", sagt Sabrina Ludmann vom IFEU-Institut, "nämlich, dass wir hoffen, dass die Leute hochwertigere Kleidung kaufen, um sie dann weiterverkaufen zu können. Und auch andersrum, dass ich hochwertigere Kleidung eher gebraucht kaufe."

Fazit: Kleidung sollte uns wieder was "wert sein"

Auch wenn die Textilindustrie einem globalen Wanderzirkus gleicht und die Lieferketten für uns Verbraucher oft nur schwer zu durchschauen sind, es gibt ein ganz einfaches und zugleich wesentliches Kriterium, um Nachhaltigkeit bei Kleidung eindeutig festzulegen: Langlebigkeit! Je länger ich ein Kleidungsstück trage, desto mehr relativieren sich mit der Zeit der Ressourcenaufwand, der mit der Produktion zwangsläufig einhergeht. Da unterscheidet sich die Hose wenig von der Waschmaschine.

Diese Langlebigkeit lässt sich aber nur erreichen, indem wir Verbraucher wieder verstärkt auf hochwertige und auch ethisch einwandfrei produzierte Kleidungsstücke von Unternehmen achten, die ganz offen und transparent mit Produktionsabläufen und -bedingungen umgehen:

"Wenn man mal guckt, dass jeder Verbraucher so im Jahr zehn Kilogramm Klamotten kauft, also ungefähr 60 Teile, da haben wir gemerkt, dass die Verbraucher jetzt mehr auf Qualität achten und eher bereit sind zu sagen: 'Ich kaufe weniger, aber besser'! Also den Trend merken wir deutlich."

Mimi Sewalski, Gründerin der nachhaltigen Online-Plattform Avocadostore

Das muss ganz zwangsläufig aber auch seinen Preis haben, meint Klaus Lindner vom VTB: "Ein Hemd wie ich es trage, kostet halt mehr als fünf Euro. Das kostet eben wesentlich mehr. Aber dann hat man eben ein Hemd, das lange hält, das viele Wäschen aushält. Diese Wertigkeit muss wieder zurückkommen und nicht dieser unbedingte Wunsch billig, billig, billiger. Auch die Wertigkeit kann günstig sein, aber sie ist eben kein Billigprodukt."

Quellen:

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