Bayern 1


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Imprägnieren Ist Imprägnierspray wirklich notwendig?

Ist das Imprägnieren von Outdoor-Kleidung und Co. mit Sprays wirklich sinnvoll? Oder gibt es vielleicht umweltschonendere Varianten? Unser BAYERN 1-Umweltkommissar hat welche entdeckt!

Von: Alexander Dallmus

Stand: 23.10.2018

Ein Mann mit einer roten wasserabweisenden Jacke steht vor einem Wasserfall | Bild: mauritius-images

Braucht es wirklich Imprägnierspray?

Bevor sich an Schuhen Schneeränder bilden oder Nässe die Jacke durchdringt, greifen die meisten zu speziellen Pflegemitteln, um Kleidung oder Schuhe zu imprägnieren. Egal, ob es sich dabei um Pumpsprays, Treibgas oder Schaum handelt, in den Mitteln steckt jede Menge Chemie. Dafür muss man sich noch nicht mal die Inhaltsstoffe ansehen, das kann man förmlich riechen.  

Tatsächlich hat ein Check, den die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Anfang 2017 durchgeführt hat, gezeigt: Bei 11 von 15 untersuchten Imprägniermitteln war gar nicht aufgeführt, ob besonders schädliche per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) drin sind. Die Industrie liebt PFC, wegen ihrer besonderen Eigenschaften. PFC sind  nämlich wasser-, fett- und schmutzabweisend und zugleich chemisch und thermisch stabil. Ideal also für den Einsatz in zahlreichen Produkten, wie in Textilien oder schmutzabweisenden Teppichen.

Die Stoffgruppe der PFC umfasst mehr als 800 Stoffe, die aber leider in der Natur gar nicht vorkommen, also künstlich vom Menschen hergestellt worden sind. Die Kohlenstoffketten der PFC haben verschiedene Längen und können nicht abgebaut werden. Auch Filteranlagen oder Ähnliches können der PFC nicht Herr werden. Deshalb verbleiben sie auch für sehr lange Zeit in der Natur und können sich zudem im Organismus und entlang der Nahrungskette anreichern. PFC wirken sich negativ auf die Fortpflanzung auf und können Krebs auslösen.

Schuhe imprägnieren

Die meisten Schuhe sind bereits imprägniert, wenn sie die Fabrik verlassen und an die Geschäfte ausgeliefert werden. Die Schuh- und Lederwarenindustrie verweist jedoch darauf,  dass die Wirkung nicht unbegrenzt anhält. Vorbeugend, wird auf der Internetseite geraten, "sollte daher nach dem Schuhkauf - je nach Empfindlichkeit des Leders/Materials - ein oder sogar zweimal imprägniert werden".

Lederschuhe imprägnieren

Ob das tatsächlich notwendig ist, muss jeder für sich entscheiden. Richtig ist, dass Lederschuhe länger halten, wenn sie richtig und gut gepflegt werden. Ansonsten wird Leder mit der Zeit rissig und spröde. Wenn Schuhe feucht sind, sollten sie mit saugfähigem Material (Zeitungspapier) ausgestopft und langsam getrocknet werden, also nicht direkt auf oder an der Heizung. Zur richtigen "Pflege" gehört auch, die Schuhe nur einen Tag zu tragen und dann zu wechseln. So können insbesondere Lederschuhe die durchs Tragen gespeicherte Feuchtigkeit wieder abgeben.  

Bei Glattledern kann ohnehin gut auf Sprays verzichtet werden. Pumpsprays oder Wachse, die man verteilt, die sind aus gesundheitlicher Sicht sowieso deutlicher besser geeignet. Rauhlederschuhe sind meistens "durchgefärbt", von daher gesehen reicht es oft, Rauh- und Wildleder mit einer Bürste von Staub und Schmutz zu säubern. Erst danach sollten die Schuhe imprägniert werden, da gerauhte Leder natürlich feuchtigkeitsanfälliger sind. Für Rauhleder gibt es auch spezielle Kupferdraht-Bürsten, um das Material nach dem Ausbürsten oder feuchter Reinigung wieder aufzurauhen. Außerdem kann man spezielle Radiergummis benutzen, um Schrammen wieder zu entfernen. Diese speziellen Radiergummis können auch für die hellen Sommersohlen (Schichtleder, helle PU- oder Rubrexsohlen) verwendet werden.

Gerade bei Outdoor-Schuhen bieten verschiedene Hersteller mittlerweile den Service und imprägnieren ihre Produkte für ein paar Euro professionell nach. Ob es solche Möglichkeiten gibt, sollte man bereits beim Kauf im Fachhandel erfragen.

Outdoor-Kleidung imprägnieren

Je besser Outdoor-Kleidung Wanderer oder Bergsteiger auch vor extremer Nässe oder Schmutz schützt, desto mehr PFC ist drin. Leider kümmert das viele Käufer nicht, beklagt Manfred Santen von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: "Es gibt wenig Bewusstsein, da nochmal nachzufragen, wie wird denn so eine Funktionalität überhaupt erreicht." Die imprägnierenden Eigenschaften von PFC sind nämlich einerseits funktional hervorragend, andererseits ist seit Jahren bekannt, dass PFC ein künstlicher und gefährlicher Stoff ist, der in der Natur nicht abgebaut werden kann.

Christoph Schulte, vom Umweltbundesamt (UBA) in Dessau erklärt: "Die Kläranlage ist gegen perfluorierte Chemikalien machtlos. Die sind nicht biologisch abbaubar. Und passieren die Kläranlagen, landen dann im Gewässer und werden mit den Gewässerströmen verbreitet." PFC kann mittlerweile selbst in den entlegensten Winkeln der slowakischen Hohen Tatra oder den Schweizer Alpen nachgewiesen werden.

Doch viele Schönwetter-Wanderer, die allenfalls mal in einen heftigen  Schauer kommen, rüsten sich manchmal aus wie für eine Polarexpedition. Weniger ist da mehr, meint Stefan Thum, Koordinator für Innovation, Umwelt und Technologie beim Bayerischen Textilverband (BTV): "Es gibt die ökologisch imprägnierte Jacke, die für den Alltag sehr gut geeignet ist und es gibt natürlich auch die Spezialkleidung, die für den Extrembereich ausgelegt ist."

Seit den ersten Tests verschiedener Umweltschutzorganisationen, wie Greenpeace, und den alarmierenden PFC-Testergebnissen hat sich nämlich einiges getan. Es gibt mittlerweile sehr viele Funktionsjacken und –Hosen, die ohne PFC auskommen und trotzdem gut vor Wind und Wetter schützen. Aber, sagt Manfred Santen von Greenpeace, die Verbraucher haben oft ganz bestimmte Ansprüche. Gore-Tex-Produkte zum Beispiel: "Das ist ein guter Punkt. Gore-Tex wird deswegen gekauft, weil die Verbraucher der Meinung sind, darunter geht gar nichts. Das brauchen wir. Und wir sind der Meinung, Gore-Tex ist natürlich von der Funktionalität her super, aber man braucht es nicht für alle Ansprüche. Denn erstens gibt es Alternativen, die ohne Fluor in der Herstellung auskommen und genauso so dicht und atmungsaktiv sind, "zweitens hat sich das Angebot deutlich vergrößert, so dass der Verbraucher heute ein breites Segment an ökologisch imprägnierten Jacken zur Verfügung hat", sagt Stefan Thumm vom Textilverband.

Viele Verbraucher sind sich auch irgendwie sicher: Diese Imprägnierung ist schnell weg, nutzt sich ab sozusagen. Von wegen: Wenn Sie Ihre neu gekaufte Jacke, sagen wir vier Mal im Jahr waschen – und das ist viel - hält die Imprägnierung trotzdem weit über zehn Jahre, bestätigt Stefan Thumm: "Das heißt, die Imprägnierung ist so gut, dass sie über die Lebensdauer eines Textil, also da rechnet man mit 50 Wäschen, eigentlich gut hält." Und selbst dann: Sie müssen nicht unbedingt zur Flasche greifen!

Imprägnieren OHNE Imprägnierspray - Tipps

Imprägnierschutz in der Kleidung lässt sich viel einfacher wiederherstellen, weiß Stefan Thumm vom Textilverband: "Bügeln zum Beispiel. Bei sehr moderater Temperatur. Das reicht schon aus und diese Imprägnierungen funktionieren dann wieder." Das muss man sich natürlich trauen, denn leider steht auf vielen Outdoor-Textilien ausdrücklich drauf, dass Bügeln verboten ist. Ganz Vorsichtige können aber zum Beispiel noch ein Küchenhandtuch drüber legen. Oder sie benutzen einen Trockner, nach der Wäsche. Auch diese Wärme kann, in gewissen Grenzen, die imprägnierte Schicht wieder auffrischen.

Übrigens, wenn es eine Stelle gibt, die bei Outdoorkleidung besonders beansprucht wird, dann sind es die Schulterstücke von Jacken, wenn die Rucksackriemen darüber scheuern und den Imprägnierschutz schneller auflösen. Wenn schon Imprägniermittel eingesetzt werden, reicht es oft, nur diese Stellen an der Schulter zu besprühen.

Ökologisch einwandfreie Imprägniersprays gibt es nicht

Wie bereits erwähnt, führen viele Hersteller gar nicht auf, ob in den Produkten die gefährlichen PFRC enthalten sind. Von daher gesehen, haben die Verbraucher nur die Möglichkeit, auf Mittel zurückzugreifen, auf denen ausdrücklich steht, dass KEINE PFC enthalten sind, wenn sie sich umweltbewusst verhalten wollen. Allerdings sollte man sich nicht täuschen lassen, nur Hinweise wie "Frei von Fluorcarbonen" oder "OFC frei" garantieren das. Produkte, die lediglich ausweisen, dass "PFOA" oder "PFOS" (die besonders schädlichen, langkettigen PFC) nicht im Spray sind, müssen trotzdem nicht generell frei von PFC sein. Kurzkettige PFC sind nach wie vor erlaubt, aber letztlich für die Verbreitung in der Umwelt genauso schädlich.

Die Stiftung Warentest hat 2015 Imprägniermittel untersucht. Immerhin acht von 20 erhielten das Gesamturteil „gut“. Testsieger war der „Nässe Blocker“ von Deichmann (250 ml – 7,95 €) vor „Imprägnol“ von Brauns-Heitmann (400 ml – ca. 3,49 €).

Grundsätzlich gilt: Je weniger Mittel eingesetzt werden, desto besser. Und lieber zwei, drei Mal dünn versiegeln, als einmal dick drauf sprühen. Auf keinen Fall sollten Sprays drinnen angewendet werden. Viele unterschätzen die Gefahr, die von den Mitteln für die Gesundheit ausgeht. "Sprays produzieren Aerosole, das ist immer irgendwas Schmutz- und Wasserabweisendes, was man dann in  die Lunge einatmet und dann werden die Lungenbläschen auch imprägniert, und das will man eigentlich nicht", sagt Manfred Santen von Greenpeace.  

Flüchtige PFC aus Imprägniersprays verteilen sich aber auch draußen über Luftströmungen in die Atmosphäre. PFC können auch an Partikel adsorbieren und so über weite Strecken in der Luft transportiert werden. Über Niederschlagsereignisse gelangen PFC wiederum in Boden und Grundwasser.

Leere Spraydosen kommen in die Gelbe Tonne und werden dort entsorgt. Angebrochene oder gar volle Spraydosen gehören auf den Wertstoffhof.

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