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"Wir haben es alle gewusst" Zeuge der Zeit: Dr. Walter Grein

Warum wählte der eigene Vater Adolf Hitler? Wie sah das Leben eines Jugendlichen in München während der NS-Zeit aus? Und: Wie konnte man sich inmitten der Nazi-Diktatur eine andere Meinung bewahren? Der 98-jährige Dr. Walter Grein erzählt in der Reihe „Zeuge der Zeit“ am Sonntag, 3. November, um 21.45 Uhr in ARD-alpha von seinem bewegten Leben voller Eigensinn, Glück und Zivilcourage.

Stand: 29.10.2019

Dr. Walter Grein | Bild: BR

Walter Grein war 17 Jahre alt, als er in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 während der Novemberpogrome Zeuge des Naziterrors wurde. In dieser Nacht entschied er, sich vom NS-System abzuwenden. Wie die meisten jungen Männer wurde aber auch Walter Grein zur Wehrmacht eingezogen. Er wurde an die Ostfront geschickt und erkrankte an Amöbenruhr. Das war sein Glück: Von nun an wurde er vom Dienst befreit und studierte in München Medizin – im Umfeld der Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

Walter Grein war im Gerichtssaal anwesend, als Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt wurden. „Während des Verhörs hat Sophie Scholl eine Zigarette geraucht. Und da hat der oberste Richter geschrien: ‚Machen Sie sofort Ihre Zigarette aus! Eine deutsche Frau raucht nicht!´ Dann war die Verhandlung und sie wurden zum Tod durchs Schafott verurteilt. Sie waren unglaublich tapfere Menschen. Ich habe sie einfach bewundert“, erinnert er sich.

Walter Grein entging mehrmals selbst nur knapp einer Anklage wegen Hochverrats. 1944 rettete er einen Piloten der US-Armee, der von deutschen Flaks abgeschossenen wurde und den fanatisierte Nazis lynchen wollten. Leben zu retten wurde seine Berufung: Nach Kriegsende wurde er Facharzt für Gynäkologie und Chirurgie, arbeitete als Arzt in Saudi-Arabien und ging für viele Jahre ins westafrikanische Togo, wo er eine Hebammenschule und die Gynäkologiestation aufbaute.

„Wenn ich keine Zivilcourage habe, kann ich auch keine Achtung vor mir selbst haben. Die Selbstachtung bedingt einfach, dass ich der Gerechtigkeit willen auch bereit bin, mich einzubringen. Dann wird auch die Welt anders, wenn ich bereit bin, Verantwortung für andere zu übernehmen“, sagt er im Gespräch mit Filmautorin Michaela Wilhelm-Fischer.


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