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Bildrechte: picture-alliance/dpa Ingo Wagner

Auszug aus dem Gespräch mit Cornelia Zetzsche

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Gespräch mit Wassermann-Preisträgerin Barbara Honigmann

Sie ist eine große Chronistin des Alltags. Wie die in Ostberlin als Tochter von Kommunisten geborene Barbara Honigmann das Judentum und Straßburg für sich entdeckte. Ein Gespräch über das Leben und Schreiben der Autorin. Von Cornelia Zetzsche

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Die Schriftstellerin und Malerin Barbara Honigmann ist 1949 in Ost-Berlin geboren: als Tochter jüdischer Emigranten, die nach dem Krieg bewusst in „das andere Deutschland“, in die sowjetische Zone zurückkehrten. Ihr Vater: Journalist im Londoner Exil, kam nach Ost-Berlin, um „ein neues Deutschland“ aufzubauen, blieb aber heimatlos in der DDR. Ihre Mutter war eine Wiener Kommunistin, unter anderem verheiratet mit dem Meisterspion Kim Philby, der als Agent in England für die Sowjetunion arbeitete. Am Sonntag erhält sie den Jakob Wassermann-Preis. Ein guter Grund für Cornelia Zetzsche, mit Barbara Honigmann über ihr Leben als Jüdin in der DDR, ihren Umzug nach Straßburg und ihr Schreiben zu sprechen.

Cornelia Zetzsche Barbara Honigmann, Jakob Wassermann, der einstige Bestseller-Autor aus Fürth, hat seine Identität als Deutscher und Jude, notgedrungen, immer wieder thematisiert. Was bedeutet Ihre deutsch-jüdische Herkunft für Sie? War das Ihr Schreibimpuls ? Eigentlich sind Sie ja auch Malerin.

Ich bin zum Schreiben verhältnismäßig spät gekommen, über das Theater: Ich habe ja Theaterwissenschaft studiert, habe am Theater als Dramaturgin gearbeitet und mich auch mal als Regisseurin versucht. Da bin ich aber wirklich gescheitert - und Gottseidank schnell, so dass ich verstanden habe, das ist nicht mein Beruf. Es war aber doch eine große Liebe von mir, das Theater, und das Schreiben ist erst gekommen als Brücke zum Theater: Ich habe zuerst szenische Sachen geschrieben: Zuallererst, als ich noch am Deutschen Theater in Berlin war, hat Adolf Dresen im Rahmen eines Kleistfestival eine Inszenierung gemacht von „Der zerbrochene Krug“ und „Prinz von Homburg“, und dafür habe ich so eine Montage entlang an Kleists Biografie geschrieben, das war eigentlich meine erste Arbeit. Zuerst war es einfach der Wille zur Gestaltung, und das ging erst über das Theatralische, dann ging es über das Malen. Durch das Malen bin ich eigentlich zum Wort gekommen, und das stimmt, dass ich mich dann von Anfang aus diesem autobiografischen Stoff gespeist habe und das Gefühle hatte, ich hätte da viel zu erzählen (lacht).

Alle Literatur lebt von autobiografischen Erfahrungen, alle Erinnerung ist Phantasie, könnte man sagen. Wie halten Sie's mit der Wirklichkeit?

Wie halte ich es mit der Wirklichkeit? Naja, man kann ja aus gar nichts anderem schöpfen als aus der Wirklichkeit, was anderes gibt es ja auch gar nicht, und die formt sich in einem natürlich um, was ich sehe, sehen Sie ja schon wieder ganz anders. Und was ich erlebe, erleben mein Nachbar oder sogar mein Mann und meine Kinder oder ganz nahe Menschen auch wieder ganz anders, und das formt sich dann auch noch um, und das wird man dann wieder so darstellen, () dass die da irgendetwas wiedererkennen, nachdem sie es selber auch schon wieder umgeformt haben.

1984, da gab es die DDR noch, gingen Sie mit Ihrer Familie nach Straßburg, um jüdisches Leben zu leben, das in der DDR nicht geduldet wurde. Warum taten Sie das, und wie war das?

In der DDR gab es wenige Juden, es gab eine ganz kleine jüdische Gemeinde, aber es gab kein jüdisches Leben im Sinne eines intellektuell oder religiös anregenden Lebens. Deswegen sind wir nach Straßburg gekommen, eine Stadt, von der man uns erzählt hat, dass es hier so etwas alles gibt: ein reges jüdisches Leben und ein klassisches Gemeindeleben und Denkschulen mit Jeshivas, und da sind wir auch nicht enttäuscht worden. In Straßburg gab es damals gibt es auch heute viele Versuche, das Judentum nicht neu zu erfinden aber einfach neu zu sehen, ihm einen Sinn zu geben, der für uns sinnfällig ist, Texte zu lesen, schwierige Texte zu lesen, die man nicht einfach so wie einen Roman oder wie ein Buch aufschlagen kann.

Im Erzählband „Roman eines Kindes“ beschreiben sie diesen Umzug nach Straßburg als dreifachen Todessprung inwiefern?

Na ja, das ist ein bisschen dramatisch ausgedrückt, das war mein Hang zum Theater wahrscheinlich. Aber es war nicht einfach nur einen Umzug in eine andere Sprache - das war es auch -, und das ist auch heute noch schwierig, ehrlich gesagt, weil ich ja nie wirklich gearbeitet habe und mich nebenbei irgendwie in die Sprache eingewöhnt habe. Und dann war es ein Umzug aus einem ganz areligiösen in ein jüdisch religiöses Umfeld, und einer von Osten nach Westen, der Unterschied war frappierend. Es waren also sozusagen drei große Wechsel, die man gleichzeitig verkraften musste. Aber das hat sich alles unter friedlichen Bedingungen abgespielt, also das kann man nicht vergleichen mit einem wirklichen Exil.

Straßburg, ein Zentrum jüdischer Orthodoxie, wurde ihr zweites Zuhause. Wie haben Sie als Tochter überzeugter Kommunisten überhaupt zum Judentum gefunden?

Na ja, das sieht man ja an Wassermann sehr gut: Man ist als Jude geboren, das hat man nicht gewählt, so wie man nicht gewählt hat, dass man als Mädchen oder als Junge zur Welt kommt, nicht wahr, oder in welche Familie oder in welcher Sprache. So, und dann wird einem klar, dass es eine Art von Auszeichnung ist (lacht), mit der man eigentlich erst mal gar nichts anfangen kann, und das ist halt ein bisschen wenig. Und dann habe ich versucht -und einige ganz wenige Leute um mich herum auch -, irgendeinen Sinn darin zu finden, und den Sinn da zu suchen, wo das Innere des Judentums eben stattfindet: in den Büchern und in den Schriften. Und das hält ein dann für den Rest des Lebens auf Trab.

Was hat sie angezogen am Judentum, dass Sie so eine Kehrtwende gemacht haben?

Da war eine Leere, und diese Leere habe ich versucht zu füllen. Ich bin ja nicht mehr aus der Generation, wo man so Kommunist war. Bei meinen Eltern hatte sich das auch schon sehr abgekühlt, ehe ich mit 13, 14 Jahren anfing, mich zu orientieren. Und ja was mich dann eigentlich angezogen hat, das war, als ich angefangen habe mich ein bisschen dafür zu interessieren, was Judentum noch sein kann außer eben Erinnerung an die Shoa und Antisemitismus und das übliche, und da hat sich eine große geistige Welt vor mir ausgebreitet die ich angefangen habe in kleinen Schritten zu begehen, ich will nicht sagen zu durchschreiten aber doch irgendwie zu erforschen.

 „Chronik meiner Straße“, heißt ihr jüngstes Buch, auch andere Bücher von ihnen sind eine Art Chronik. Sie sind eine Chronistin des Alltäglichen, eine sehr präzise Beobachterin, mit der Kunst der Reduktion, mit der Kunst, das Große im Kleinen zu sehen und zu schildern. Wie würden Sie selber Ihre Poetologie beschreiben?

Wo ich mich anlehne und auch angeregt fühle, das ist eine ganz kleine Literatur des Anvertrauens. Es gibt ja diese Bezeichnung „die kleine Literatur“, die von Kafka kommt, der sich auch so am Rande sieht. Dann nehme ich für mich diesen Begriff der „ganz kleinen Literatur“, eben der Literatur von jüdischen Frauen, die mit Glückel von Hameln im 17.Jahrhundert anfängt und über Rahel Varnhagen bis zu den verschiedenen Tagebüchern von Etty Hillesum und anderen geht, die eben nicht ganz Literatur sind, die zum Teil auch nicht deutsch sind, Die große Literatur, der große Erzählfluss, das ist alles nicht meine Art, nicht meine Form. Insofern ist Chronik nicht ganz falsch oder sogar richtig. „Chronik meiner Straße“ sind Aufzeichnungen, Beobachtungen aus den über dreißig Jahren, die ich in dieser Straße wohne. Biografien, Lebensgeschichten, Fragmente von Lebensgeschichten, Splitter von Lebensgeschichten habe ich da aufgesammelt und dann wieder zusammengefügt, ohne dass sie jetzt so richtig in ein großes, ein wirklich gefügiges Werk zusammenpassen, sondern eben eine Chronik darstellen.

Gelegentlich kommen Sie noch nach Berlin. Wie ist denn ihr Blick auf Deutschland heute auf Juden in Deutschland? Es gibt hier ja eine massive Antisemitismus-Debatte, es gibt brennende israelische Flaggen, kriegen Sie das mit?

 Naja, das kriege ich schon mit, klar, indem ich einfach Nachrichten höre oder fernsehe. Ich meine, der Antisemitismus ist nun wirklich überhaupt nicht neu, und den gibt's von rechts und von links und, ehrlich gesagt, ich kriege das mit, und ich nehme das zur Kenntnis, aber ich vertiefe meine Kenntnisse auch nicht, weil es nichts auf der Welt gibt, was mich so langweilt wie Antisemitismus.

Sie schreiben nach wie vor auf Deutsch. Die Stadt Fürth ehrt Sie nun mit dem Jakob-Wassermann-Preis. Wie, Barbara Honigmann, ist Ihre Beziehung zur Jakob Wassermann?

Ich fühle mich stark von ihm angesprochen, vor allem von dem Bekenntnisbuch „Mein Weg als Jude und Deutscher“, weil das für mich eine ganz vitale Fragestellung ist. Ich sehe das alles anders, also mich entsetzt es fast, wenn ich sehe, wie sehr er ringt um die Liebe der Deutschen, um seinen Platz unter den Deutschen, also das tut mir unheimlich weh. Aber, wie gesagt, ich fühle mich davon sehr betroffen.