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Karl Valentin Kein Unternehmerglück

Stand: 31.05.2004 | Archiv

Karl Valentin vor dem Schild "Eingang zum Panoptikum" | Bild: SZ Photo / Scherl

Nachdem Valentin als "Skelettgigerl" einem größeren Publikum zugänglich wurde, engagierte ihn 1908 der Besitzer des "Frankfurter Hofs" in der Schillerstraße. Karl Valentin - wie er sich nun endgültig nannte - trat nun mehrere Jahre lang in einer der renommiertesten Singspielhallen auf und war fortan Tagesgespräch in München. Der "Frankfurter Hof" war noch aus einem anderen Grund folgenreich: Valentin begegnete dort Liesl Karlstadt.

Die 25-jährige Bühnenpartnerschaft der beiden begann 1913 mit dem "Alpensängerterzett", dann ging es Schlag auf Schlag: 1915 folgte das Bühnenprogramm "Tingeltangel" mit dem Sketch "Die Orchesterprobe". 1922 fand im "Germaniabrettl" die Uraufführung des wohl bekanntesten Stücks des Komikerpaares statt: "Der Firmling". Valentin war nun so bekannt, dass auch große Theaterhäuser wie die Kammerspiele um ihn warben. Er hatte zwar Bedenken, ob sein Programm neben den klassischen Dramen bestehen könne. Doch die Zweifel waren schnell ausgeräumt.

Lichtbildreklame von Karl Valentin | Bild: Valentin-Erbengemeinschaft / RA Fette

Valentinsche Lichtbildreklame

Seine Nachtvorstellungen waren ständig ausverkauft. Dabei behielt er auch in den Kammerspielen seine kauzige Tradition bei, die Aufführungen mit teils witzigen, teils weniger gelungenen Lichtbildreklamen einzuleiten.

Gastspiele in Wien, Zürich und Berlin

Valentin benutzte weniger authentischen Dialekt als eine Art Kunstsprache mit bayerischem Akzent - in manchem ähnlich dem Theater von Ödön von Horváth oder Marieluise Fleißer. Das war wohl mit ein Grund, dass er als einer der wenigen Volkskomiker damals weit über die bayerischen Grenzen hinaus bekannt wurde. Ab 1923 ging er mit Karlstadt regelmäßig auf Tournee, zunächst nach Wien und Zürich.

Auf dem Höhepunkt: Valentin und Karlstadt (links) geben Autogramme.

Die größten Auswärtserfolge feierten die beiden allerdings immer wieder in Berlin. Dort wurde Valentins Komik unter anderem von Kurt Tucholsky gewürdigt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Valentin kein lokales Phänomen war, das über bayerische Grenzen hinaus nicht hätte verstanden werden können.

Durch Film und Tonträger bis heute präsent

Das Gespann war nicht nur für die Bühne aktiv. Valentin erkannte von Anfang an die Bedeutung der neuen Konservierungstechniken. Er war sogar einer der ersten Filmpioniere Münchens. Viele seiner Dialoge ließ er auf Schallplatte pressen und eine Reihe von Regisseuren drehten mit ihm und Karlstadt Filme nach deren Bühnenarbeiten - mit ein Grund dafür, dass beide heute noch derart bekannt sind.

Ende der 1920er-Jahre war Valentin wohlhabend.

Seine große Chance war vor allem der ab 1930 aufkommende Tonfilm, in dem nicht nur Slapstick-Gags, sondern auch seine meisterhaften Dialoge zum Tragen kamen.

Produktive Jahre

Ab den 1920er- bis Mitte der 30er-Jahre waren Valentin und Karlstadt ungeheuer produktiv: Mit "Die Raubritter von München", "Der Bittsteller", "Das Brillantfeuerwerk", und "An Bord" entstanden einige der wichtigsten Arbeiten.

Heutzutage sind noch 29 Filme und 12 Fragmente erhalten. Nach Meinung des Valentin-Biografen Helmut Schulte hätten es noch viel mehr sein können, wenn die deutsche Filmindustrie Valentins Bedeutung erkannt hätte. Der Gerechtigkeit halber muss aber auch gesagt werden, dass Valentins Querköpfigkeit so manchen Regisseur abschreckte.

Schauerliches Scheitern mit Gruselkabinett

Valentin - ein gewiefter Geschäftsmann, dem alles gelingt - könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Als er 1931 im "Goethesaal" in der Leopoldstraße sein eigenes Theater aufmachte, begann eine unglückliche Serie von gescheiterten Projekten. Schon kurz nach der Eröffnung schikanierten ihn die Behörden mit derart hohen Auflagen, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt und mehrere Wochen lang nicht mehr auftreten konnte.

Valentin-Karlstadt-Musäum

Im Münchner Isartor

Einige Valentinsche Kuriositäten aus dem Panoptikum haben überlebt und sind noch heute im Valentin-Musäum im Münchner Isartor zu sehen - zum Beispiel der berühmte Nagel, an den Valentin seinen Schreinerberuf hängte, der liegende Stehkragen oder die wunderbare Eisplastik, von der leider nur eine Schüssel Wasser übrig geblieben ist.

Das größte Fiasko erlebte er allerdings mit seinem Panoptikum-Projekt. Valentin - inzwischen finanziell gut gestellt - investierte fast sein gesamtes Vermögen in ein Gruselkabinett, das er 1934 in den Kellerräumen eines Hotels eröffnete. Unglücklicherweise überredete er Karlstadt, auch ihre Ersparnisse dafür herauszurücken. Vielleicht lag es an den gewöhnungsbedürftigen Öffnungszeiten des Schauerkellers (19 bis 24 Uhr), vielleicht war er auch einfach nicht so witzig, wie Valentin dachte - jedenfalls scheiterte das Projekt auf der ganzen Linie. Schon 1935 musste er es wieder schließen, das Geld war weg. Karlstadt, zu jener Zeit sowieso in einer depressiven Lebensphase, unternahm einen Selbstmordversuch. Das Ende ihrer Zusammenarbeit mit Valentin deutete sich an.

Krieg beendet Valentins Karriere

Das Kuriositätenkabinett erlebte 1939 noch einmal ein kurzes Revival in Form einer "Ritterspelunke". Valentin eröffnete die Mischung aus Kellerkneipe, Schauer-Panoptikum und Kabarett im Färbergraben. Dort führte er auch erstmals seine dreiaktige Mittelalter-Soap "Ritter Unkenstein", eine Persiflage auf Ritterdramen, auf. Anstelle von Karlstadt stand nun Annemarie Fischer mit Valentin auf der Bühne.

Das Haus in Planegg bei München, in dem Valentin von 1940 bis zu seinem Tod wohnte (Aufnahme von 2003)

Im März 1940 erlebte die "Ritterspelunke" zwar noch das 100. Jubiläum des "Unkenstein", aber mit dem 2. Weltkrieg ging die Karriere des Komikers endgültig zu Ende. 1941 zog er sich zunächst in den Münchner Stadtteil Grünwald, 1943 mit der Familie in den Vorort Planegg zurück. Mit einer Ausnahme kurz vor seinem Tod trat er nicht mehr auf.


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