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Karl Valentin Kein Volkssänger wie der Weiß Ferdl

Stand: 31.05.2004 | Archiv

Weiß Ferdl (Aufnahme von 1948) | Bild: picture-alliance/dpa

Valentin wurde zu einer Zeit geboren, als München die Hochburg der Volkssänger in Deutschland war. Um 1900 konkurrierten in der bayerischen Metropole, die damals schon eine halbe Million Einwohner zählte, rund 800 Volkssänger um die Gunst des Publikums. Ihr Talent konnten sie in rund 100 Münchner Singspielhallen zeigen - Amüsierlokale, in denen es neben Bier und Schweinsbraten auch Lieder, Couplets, humoristische Solo-Einlagen und Bauernkomödien zu konsumieren gab.

Brettl-Humor: Lachen über Klischees

Die Salon-Humoristen zeigten in erster Linie "dem Volk vom Maul abgeschaute" Nummern - oft derbe, aber harmlose Späße mit meist genauso harmloser Qualität. Dem Publikum, das vorwiegend aus Arbeitern, Handwerkern und Soldaten bestand, dienten die Spektakel zur Belustigung und als Ventil, aufgestauten Dampf abzulassen. Man konnte über den tyrannischen Hausdrachen, den dummen Bauern oder die schikanöse Obrigkeit lachen. Politisch Lied war allerdings ein garstig Lied und das sexuelle sowieso.

Karl Valentin als Friedensengel (Aufnahme von 1918)

Die berühmtesten Münchner Volkssänger waren "Papa" Geis, der von Valentin verehrte Karl Maxstadt und Weiß Ferdl in seinem ureigensten Revier: dem Hofbräuhaus. In den 1930er-Jahren ging die etwa 100-jährige Ära der Volkssänger in München langsam zu Ende. Sie konnten mit dem Kino nicht mehr mithalten.

Revolution auf der Volksbühne: Parodie

In den Wirtshäusern wurde eine Welt auf die Bretter gebracht, wie sie Valentin aus seinem Münchner Au-Viertel kannte, mit rummelplatzreifen Kraftmeiern und stadtbekannten Hagestolzen - so genannten Originalen, die allerdings mit zunehmender Verstädterung verschwanden. Valentin selbst hat sich immer als Volkssänger bezeichnet - und doch hat er diese Welt weit hinter sich gelassen. Von Anfang an wählte er zu ihr die Position der Distanz: Kaum ein Volkskomiker abgesehen von Valentin wählte Ironie und Parodie als Stilmittel. So veralberte er zum Beispiel das "Loreley-Lied". Sein frühester erhaltener Stummfilm "Karl Valentins Hochzeit" (1912) ist eine bissige Satire auf die Ehe.

Valentin im "Alpensängerterzett"

Das erste Bühnenstück mit parodistischem Einschlag schrieb Valentin 1913: Das "Alpensängerterzett" nahm die vielen "Tiroler" Combos aufs Korn, die damals in München auftraten und genauso wenig aus Tirol kamen, wie die TV-Volksmusikanten heutzutage Volksmusik machen.

Kurz nach dem "Alpensängerterzett" folgte das erste Konzept von "Tingeltangel", einem Bühnenprogramm, das später auch die berühmte "Orchesterprobe" enthalten sollte. Darin verspottete er die teilweise unsäglichen Darbietungen drittklassiger Vorstadttheater.

Bert Brecht war begeistert

Valentin begnügte sich bei der Dekoration nicht auf die stereotypen Bauernstuben, sondern bestand auf eigenen Bühnenbildern, die er zum Teil selbst herstellte. In seinen Stücken bezog er diese Requisiten bewusst mit ein und durchbrach für die Zuschauer so die Illusion dargestellter Wirklichkeit. Zum Beispiel faltete er am Ende des "Alpensängerterzetts" die mitgebrachte Bergkulisse zusammen und ging damit von der Bühne. Solche Illusionskiller gefielen auch Bert Brecht, der selbst später für sein episches Theater forderte, die Dekoration "muss mitspielen". Brecht besuchte nachweislich ab 1919 Valentin-Aufführungen in München. Beide Künstler lernten sich auch persönlich kennen und drehten 1922 gemeinsam einen Film: "Mysterien eines Frisiersalons".

Bert Brecht (mit Flöte), Karl Valentin (Mitte), Liesl Karlstadt (mit Zylinder)

Brecht schätzte an Valentin vor allem auch, dass dieser sich mit seinen Rollen nicht identifizierte. Vielmehr spielte er sie mit Distanz, durchaus mit einem Augenzwinkern zum Zuschauer. Auch für Brecht war derjenige Schauspieler ideal, der nicht in seiner Rolle aufging.

Improvisations-Genie

Folgerichtig gab Valentin der Improvisation großen Raum. Hier schöpfte er durchaus aus dem Vortragsstil der Volkssänger, die ihre Texte gern extemporierten. Valentin brachte zu den Proben keine ausgefeilten Dialoge mit, sondern Rohmanuskripte. Jeder gute Vorschlag wurde akzeptiert, Valentin selbst änderte oft spontan seinen Entwurf. In Liesl Karlstadt, mit der er seit 1913 zusammenarbeitete, hatte er eine kongeniale und schlagfertige Partnerin, die jederzeit in der Lage war, sich auf neue Situationen einzustellen. Dieses Talent verließ die beiden auch auf der Bühne nicht. Augenzeugenberichten zufolge bestand der Reiz ihrer Vorstellungen mindestens zu 50 Prozent aus genialer Schauspielerleistung und unwiderstehlicher Bühnenpräsenz, die manch mittelmäßigen Text vergessen ließen. Zudem hat sich Valentin die Rollen auf den Leib geschrieben. Seine Stücke funktionieren nur äußerst selten, wenn sie mit anderen Schauspielern auf die Bühne gebracht werden.

Avantgardist ohne Interesse an der Avantgarde

Aufgrund seiner Stilmittel und seiner Vortragstechnik gehörte Valentin - ohne bewusst danach zu streben - zu den damals modernsten Bühnenautoren und -interpreten. Auch später so renommierte Autoren wie Brecht oder Samuel Beckett amüsierten sich bei seinen Vorstellungen und ließen sich auch für ihre eigene Arbeit anregen.

Valentin selbst ignorierte die zeitgenössischen Produktionen komplett, obwohl mit Schwabing eines der damaligen literarischen Zentren Deutschlands um die Ecke lag. Doch Valentin hatte kein Interesse am Bohème-Leben. Er besuchte auch so gut wie nie ein Volks- und noch weniger ein gehobenes Theater. Neuer Kunst begegnete er mit der typisch kleinbürgerlichen Haltung "moderner Krampf". Im tiefsten Inneren trauerte er der so genannten "guten alten Zeit" nach und versuchte, diese privat durch eine umfangreiche Sammlung von Fotoansichten des alten München zu "retten".


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