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Linke Feinde, rechte Freunde In der Ideologiefalle

Die extreme Linke sah in ihm einen "Faschisten", für die extreme Rechte war er ein Hoffnungsträger. Beide projizierten ihr Wunschdenken auf Franz Josef Strauß - und tappten in die Ideologiefalle einer politischen Figur mit Neigung zu Grenzüberschreitungen.

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 05.08.2015 | Archiv

Überklebte und übermalte Plakate von Franz Josef Strauß während des Bundestagswahlkampfs im Ruhrgebiet 1979 | Bild: Lothar Kucharz/Süddeutsche Zeitung Photo

"Strauß war ein Nazi." In den 1960er und 70er Jahren waren solche Aussagen wohlfeil. In linken Kreisen galten viele als "Faschist", die nicht die Gesinnung mit einem teilten - Demokrat hin oder her. Man hätte es besser wissen können und "Strauss" nicht mit SS-Runen schreiben müssen. Doch der Zeitgeist wollte es so.

Faschismus-Keule

Die Faschismus-Keule zu schwingen war für die 68er-Generation Teil der Auflehnung gegen "die Alten". Die Wahrheit ist: Strauß zündelte oft ganz weit rechts. Ein Nazi war er nicht. Das Verhalten des katholisch Erzogenen als Soldat der Wehrmacht belegt das Gegenteil: Widerstandskämpfer nein - aber er bewies Mut zur Auflehnung ohne Rücksicht auf seine Unversehrtheit.

"Ohne dass es mir vielleicht bewusst war, ging es in diesen Jahren wohl darum, die eigene Identität zu wahren [...]. Es war die Auflehnung der Kreatur gegen eine Ordnung, die mir zutiefst zuwider war. [...] Wenn man heute die Wahrheit sagt über jemanden, kann der höchstens beleidigt sein, damals war die Wahrheit, war jedes offene Wort lebensgefählich."

Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen

Grenzüberschreitung (1)

Strauß und DDR-Machthaber Erich Honecker am 24. Juli 1983 in Ost-Berlin

Das offene Wort pflegte der Individualist Strauß zeit seines Lebens. Es dürfe rechts neben der CSU keine demokratisch legitimierte (!) Partei geben, sollte er Jahre später sagen. Dass es anders kam, daran war er selbst schuld: Die Republikaner - wenngleich extremistisch - entstanden, weil Strauß den Milliardenkredit mit der DDR eingefädelt hatte. Diese Grenzüberschreitung verziehen ihm die CSU-Rechtsausleger um Franz Schönhuber nicht.

Grenzüberschreitung (2)

Auf der anderen Seite: Strauß' ostentative Sympathie für das rassistische Botha-Regime in Südafrika - wichtiger Baustein für die Konstrukteure des "nazistischen" Feindbildes FJS. Ebenfalls eine Grenzüberschreitung - nicht nur für Linksaußen. Und auch das: Strauß hatte den Extremisten Armin Mohler als Berater engagiert. Nur hatte dieses Skandal-Potenzial schon damals kaum jemand registriert.

De Gaulle, Strauß und der Rechtsextremist

Mohler - Exponent der sogenannten Neuen Rechten - verkörperte den intellektuellen Rechtsextremismus und träumte von einer konservativen Revolution: Parlamentarismus und Pluralismus waren ihm zuwider, sein Ziel ein blockfreies Deutschland unter autoritärer Herrschaft. In Charles de Gaulle erblickte Mohler den Prototypen eines autarken Nationalismus, der Pakte mit anderen Nationen nicht zuließ. War Strauß ein Gaullist? Mohler erhoffte sich das und schöpfte seine Zuversicht aus manch nationalistischen Tönen seines Chefs:

"Man muss die nationalen Streitkräfte nutzen, egal wie reaktionär sie sind. So hat es Charles de Gaulle auch getan."

Franz Josef Strauß

Gaullist oder Atlantiker?

Strauß machte ihn zu seinem Berater: Rechtsextremist Armin Mohler

Die Wahrheit ist: Strauß war kein Gaullist, sondern Atlantiker. Für die Gründergeneration der Bundesrepublik (Konrad Adenauer oder Kurt Schumacher) und deren unmittelbare Nachfolger (Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt) stand die Westbindung nach den totalitären Erfahrungen des Nationalsozialismus und der frühen DDR außer Frage. Der Glaube, diese Bindung vor allem an die USA mit Strauß' Hilfe kappen zu können, war die Ideologiefalle, in die Mohler tappte.

Zerrbilder

Das Feindbild USA kultivierte sowohl die Linke als auch die Rechte. Der Hass der einen auf Strauß war insofern nachvollziehbar, die Hoffnungen der anderen nicht. Beide zeichneten ein Zerrbild: Es blendete aus, dass Strauß zwar oft wenig Skrupel kannte, der Grenzgänger im Kern aber stets Anhänger der freiheitlichen Demokratie war.


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