Franken - Buchtipps


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Thomas Medicus Nach der Idylle

Der 1953 in Gunzenhausen geborene Journalist und Schriftsteller Thomas Medicus gehört zu den interessantesten Sachbuchautoren in Deutschland. Für sein Buch ist er auf Deutschlandreise gegangen und berichtet "aus einem verunsicherten Land".

Von: Dirk Kruse

Stand: 27.03.2018 | Archiv

Buchcover: Nach der Idylle, Thomas Medicus | Bild: rohwohlt Berlin; Foto: BR-Studio Franken/Staudenmayer

Es war in Berlin-Charlottenburg als der Spaziergänger Thomas Medicus ein Graffito entdeckte. "Wer ist dieser Deutschland?", stand dort nicht ganz grammatikkundig auf eine Häuserwand gesprayt. Eine Frage, die den Autor und Journalisten fortan nicht mehr losließ. Also begab er sich im vergangenen Jahr auf eine Reise durch Deutschland, um der Frage nachzugehen, was das eigentlich für ein Land ist, in dem wir leben.

"Ich wollte schon die sogenannte Provinz in all ihren Bestandteilen und Himmelsrichtungen beschreiben. Das war mir wichtig und hat ein bisschen was mit meiner Herkunft zu tun. Ich wollte diesem oft auch abschätzigen Blick des Großstädters auf die Provinz etwas entgegenstellen und sagen: Vielleicht wart ihr da noch gar nicht richtig. Ihr müsst vielleicht mal etwa nach Ochsenfurt fahren und es euch anschauen. Und es war mir wichtig, Orte und Menschen vorzustellen, die man sonst leicht mal übersehen würde, aber die es auch einmal verdient haben, gewürdigt zu werden."

Autor Thomas Medicus

Thomas Medicus, der im mittelfränkischen Gunzenhausen geboren und aufgewachsen ist, aber schon lange in Berlin lebt, setzte sich also in den Zug und fuhr los: von Süd nach Nord und von Ost nach West. Genauer gesagt vom Tegernsee bis nach Flensburg und von Görlitz bis nach Aachen. Mit diversen Abstechern per Regionalbahn natürlich auch nach Franken, wo er etwa die Schönheit des Altmühltals besingt oder in Nürnberg zu dem erstaunlichen Schluss kommt, das diese Stadt vom Flair her eigentlich am Mittelmeer liegt. Medicus sieht auf seiner Reise die unterschiedlichsten Dinge, aber auch immer wieder das gleiche: deindustrialisierte und zersiedelte Landschaften, Neubauwohngebiete an vielen Stadt- und Dorfrändern und das Auto als des Deutschen liebstes Kind. Und noch etwas erkennt der Autor als typisch deutsch: den Kunststoffrollladen.

"Kunststoffrollläden sind offenbar das Leitmotiv deutscher Bau- und Lebenskultur, der gemeinsame kleinste Nenner deutscher Eigenheime nicht nur im ländlichen Raum. (…) Rollläden lassen sich per Knopfdruck bedienen, mit Zeitschaltuhr und Smartphone steuern, und schön fährt der Elektromotor die Lamellenpracht herunter. Landauf, landab leben Leute, die die lichten bodentiefen Fenster ihrer Wohnungen und Häuser mit mannshohem Grünzeug verbarrikadieren und noch vor Sonnenuntergang die Schotten dichtmachen. Die Außenwelt ist die Feindin der Innenwelt, und die Innenwelt wird zur fensterlosen Burg."

Zitat aus 'Nach der Idylle'

Thomas Medicus: Nach der Idylle

In den gut beobachteten Reisepassagen, die im Präsens geschrieben sind, spöttelt der Autor gern auch mal oder kritisiert genüsslich Zeitgeistphänomene wie den Coffee to go. In seinen essayistischen Passagen analysiert Thomas Medicus gekonnt Themen wie Individualverkehr versus Verkehrskollaps oder antidemokratische Tendenzen seit der Wiedervereinigung. Am großartigsten in "Nach der Idylle" sind aber seine ausführlichen Portraits von Menschen in Deutschland. Keine zufälligen Reisebekanntschaften, sondern Menschen, die er bewusst aufsucht. Eine Pfarrerin in Neumünster, eine Hochzeitsplanerin in Leipzig, eine ehemalige Steinbruchbesitzerin in Pappenheim, das vom Einwohnerschwund bedroht ist.

"Anfang der 1980er-Jahre versammelten sich die Jugendlichen im Ort noch an festen Treffpunkten, es gab genügend Familien mit wenigstens zwei Kindern. Heute kehrt fast jeder der immer weniger werdenden Teenager, sobald die Ausbildung abgeschlossen ist, dem Ort den Rücken. (…) Nirgendwo machen sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse deutlicher Bemerkbar als in der Provinz."

Zitat aus 'Nach der Idylle'

"Ich konnte natürlich in dem Buch in diesen Passagen schreiben, was ich schon immer mal schreiben wollte und habe mir aber in den anderen Passagen verboten, meine Figuren zu denunzieren. Das wollte ich auf keinen Fall, sondern es war der Versuch, das zu objektivieren. Wie leben Leute? Jeder von uns trägt ja irgendeine Mikrogeschichte mit sich herum. Das ist Familiengeschichte, die immer anteilig verbunden ist mit der jeweiligen Zeitgeschichte. Ich habe versucht, diese unterschiedlichen Schichten auseinanderzunehmen und darzustellen."

Autor Thomas Medicus

Info & Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Thomas Medicus: Nach der Idylle. Reportage aus einem verunsicherten Land, Berlin 2017, Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19.95 Euro, ISBN 978-3-87134-831-0

Thomas Medicus ist ein kluger Autor, der sich in den Bereichen Kultur, Geschichte und Gesellschaft bestens auskennt. Er hat einen unbestechlichen, aber immer auch empathischen Blick. Und er nimmt die Menschen und ihre Geschichten ernst, über die er auf dieser Deutschlandreise schreibt. Wenn er das unter Einwohnerschwund leidende Görlitz als die wohl schönste Stadt Deutschlands preist, möchte man da sofort hinreisen und es überprüfen. Wenn er Kassel zuerst als hässlich empfindet, dann aber den Charme und den Aufbruchswillen der alten Bundesrepublik entdeckt, beschließt man auch dort demnächst einmal Station zu machen. Was "Nach der Idylle" aber am meisten auszeichnet ist der besondere Stil des Autors. Thomas Medicus gelingt es aus einer Reportage beinahe ein Stück Literatur zu machen. Man liest dieses literarische Sachbuch mit großem Gewinn, auch wenn der Autor auf die Frage "Wer ist dieser Deutschland?" die Antwort schuldig bleibt.

"Nein. ich wollte auch keine geben. ich wollte, dass man sich als Leser durch die Vielzahl der Eindrücke selbst eine Meinung verschafft und ein Bild zusammensetzt. das kann dann jeder zusammensetzen wie er mag. Also es ist eine schwierige Angelegenheit."

Autor Thomas Medicus

Stichwort: Thomas Medicus

Der 1953 in Gunzenhausen geborene und aufgewachsene Journalist und Schriftsteller Thomas Medicus gehört zu den interessantesten Sachbuchautoren in Deutschland. Für seine besondere Mischung aus Sachbuch und erzählender Prosa wurde er erst im vergangenen November mit dem Sonderpreis des August-Graf-von-Platen-Literaturpreises in Ansbach ausgezeichnet. Nach Büchern über seinen Großvater - einen NS-General und die Flugpionierin Melitta von Stauffenberg erschien 2014 mit "Heimat. Eine Suche" ein Buch über seine Heimatstadt Gunzenhausen im Dritten Reich und der Nachkriegszeit. In seinem neuesten Buch "Nach der Idylle" ist Thomas Medicus auf Deutschlandreise gegangen. "Reportage aus einem verunsicherten Land", heißt das im Rowohlt Verlag erschienene Buch im Untertitel.


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