Franken - Buchtipps


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Sabine Weigand Helga - Mein Weg vom Mann zur Frau

In den Büchern von Sabine Weigand spielen starke Frauen immer eine Rolle. Ihr neues Buch dreht sich aber nicht um eine Heldin aus dem Mittelalter, sondern um eine Frau aus dem 20. Jahrhundert: Helga F. aus Nürnberg und ihr Weg vom Mann zur Frau. Von Corinna Mielke

Von: Corinna Mielke

Stand: 24.11.2016 | Archiv

Buchtipp "Helga F." von Sabine Weigand | Bild: BR-Studio Franken/Vera Held

Helga sitzt mir gegenüber, im rosa-beige geblümten Oberteil, schmale Goldkette, dicke haselnussbraune Haare, fesselnder grau-grüner Blick. Eine Frau mit Ausstrahlung, der man ihre 85 Jahre nicht glauben möchte. Neben ihr eine deutlich zierlichere alte Frau: Edith.

Sie ist vor kurzem bei Helga eingezogen. Mit Wärme blickt Helga zu ihr hinüber: "Das mei Edith wieder bei mir ist, nie hätte ich daran gedacht. Niemals hätte ich da dran gedacht." Edith nickt lächelnd, die beiden wirken glücklich. Happy End wenn man so will. Helga und Edith haben schon einmal fast 20 Jahre zusammengelebt. Damals war Helga noch Hermann und Edith seine Ehefrau. Bis sie sich trennten, weil Hermann sich endgültig von seiner männlichen Identität trennte und fortan als Helga weiterlebte.

Sie hatte es nicht mehr ausgehalten als Mann, weil es sich falsch anfühlte, Bier zu trinken, grob daherzureden, der Bedienung auf den Po zu klatschen. Zwei Söhne hat Hermann mit Edith in die Welt gesetzt, auf die Helga heute stolz ist. Aber heimlich lief Hermann in Frauenkleidern herum.

"Dieses Phänomen, das ich in mir ghabt hab, des ist wie ein Krebs. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Da vergisst man in dem Moment - wenn der Höhepunkt erreicht wird - da vergisst man alles. Da vergisst man seine Familie. Da hab ich meine Söhne vergessen. Ich hab nur noch gedacht: Ich will frei sein. Ich will frei leben können."

Helga F.

Als ihr endlich durch einen Zeitungsartikel dämmerte, was eigentlich mit ihr los war, wollte sie so schnell wie möglich die männlichen Merkmale loswerden. Sie nahm auf eigene Faust Hormone.

"Jeden Früh bin ich nach dem Aufwachen sofort vor den Spiegel gerannt. Jeden Früh hab ich gedacht, heut sieht man was! So blöd war ich. Natürlich hat man nix gesehen. Keinen Busen, keine weibliche Figur, nix. Alles war wie sonst auch. Ich kann gar nicht mit Worten sagen, wie enttäuscht ich war. Alle Hoffnung hatte ich in die Hormone gesetzt, aber da war keine Wirkung."

Zitat aus dem Buch

Transsexualität wurde damals gerade erst als Phänomen bekannt. Für die operative Geschlechtsanpassung  musste Hermann 1971 nach Casablanca reisen, zu einem der ersten spezialisierten Ärzte weltweit. Helgas dringendster Wunsch wurde erfüllt:

"Das männliche Geschlechtsteil, das hat mich furchtbar gestört. Also das muss weg! Und da hab ich schon in frühester Kinderzeit mir die Frage gestellt: Warum bin ich so? Ich müsste doch da unten rund sein. Ich hab auch versucht, es zu entfernen. Mit der Rasierklinge damals. Ich hab gemeint, das geht ganz einfach. Da nimmst des Teil und schneidest des weg. Dann bist erlöst. Wie man halt als Kind denkt. Da war ich gerade fünf oder sechs Jahre alt."

Helga F.

Als Sabine Weigand Helga kennen lernte war ihr sofort klar, wie sie das Buch aufziehen wollte.

"Als ich die Helga kennengelernt habe, habe ich sofort gewusst das kann kein auktorialer Erzähler sein, also das kann nicht in der dritten Person erzählt werden. Das kann nicht rückblickend erzählt werden oder von außen. Sondern da muss man die Helga hören. Und dann hab ich beschlossen, ich lass die Helga erzählen. Ich schreib das in der Ich-Form. Ich versuche so wenig wie möglich an ihrer typischen Sprache zu verändern."

Sabine Weigand, Autorin

Info & Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Helga - Als es noch keine Worte dafür gab. Mein Weg vom Mann zur Frau",  Krüger Verlag , 288 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-8105-2525-3

Dass das Buch nah am Dialekt geschrieben ist, bewirkt – so ist das nun mal mit dem Fränkischen – dass die Dramatik der Lebensgeschichte, ganz unauffällig daher kommt. Absurde Erfahrungen mit dem Anderssein in einer Gesellschaft, in der man weder medizinisch noch juristisch mit Transsexualität umgehen konnte. Wohlgemerkt erst zwei, drei Jahrzehnte her.

Das romanhafte Schicksal, der - im wahren Sinn des Wortes - Heldin, kommt verpackt in Schürzle, Blüsle, Bürschle und Wernerle. Aber um der Geschichte willen lohnt es sich, dran zu bleiben am Buch, auch wenn man mit der eine Art Monolog markierenden Sprache zunächst nicht so viel anfangen kann. Selbstmordversuch, die Tests vor der OP, die Annullierung der ersten Ehe als einfach nicht möglich, Helgas Beruf als Taxifahrerin, der so mancher an die Wäsche wollte, die Liebe als Umoperierte - erschütternde Dinge verplaudert das Buch täuschend schlicht. 

"Helga - Als es noch keine Worte dafür gab. Mein Weg vom Mann zur Frau" heißt das Buch. Diesen Weg hat die Heldin mit ungeheurer Stärke und Gottvertrauen gesucht. Die Zeichen lesen, die Gott schickt, nennt Helga es. Und dann was daraus machen wenn man einen Einfall hat. Helga, Edith und Sabine Weigand wollen mit dieser Geschichte Transsexuellen Mut machen:

"Ich würde denen raten: Sie sollen offen sein. Sie sollen nicht sagen: 'Das ist ein Geheimnis'. Wie ich des damals gesagt hab: 'Das ist ein Geheimnis. Das will ich mit in den Tod nehmen.' Man muss sich durchsetzen. Ich hab das ja auch gemacht."

Helga F.


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