Franken - Buchtipps


9

Leonhard F. Seidl Der falsche Schah

Der Roman des Fürther Autoren Leonhard F. Seidl spielt zu großen Teilen in Rothenburg ob der Tauber. Er war dort 2020 der 1. Literaturstipendiat des Kriminalmuseums und der Bildungsstätte Wildbad.

Von: Dirk Kruse

Stand: 21.01.2021 15:54 Uhr | Archiv

Der Fürther Autor Leonhard F. Seidl ist vor allem für seine politischen Kriminalromane wie "Genagelt" oder "Fronten" bekannt. Mit seinem fünften Roman "Der falsche Schah" hat er allerdings das Genre gewechselt und einen Schelmenroman vorgelegt.

"Im hermetisch abgeriegelten Bahnhof von Rothenburg fährt derweil der Zug auf die Sekunde genau pünktlich um 22:35 Uhr ein. Da soll noch einmal jemand was über die Bahn sagen. Pfeilgrad hält er an der Markierung, die zuvor für ihn hingepinselt worden ist, nicht, dass der Lokomotivführer noch an dem roten Teppich vorbeifährt. Aus unzähligen Birnen brennen 4.000 Watt runter, dass sich der Schah vorkommt wie daheim in der Großen Salzwüste. Eine mit rotem Samt ausgeschlagene Treppe wird ans Abteil hingefahren, nicht, dass der Schah und die Farah morgen Muskelkater haben. Zahllose Blitzlichter flammen auf, Film- und Fernsehkameras surren."

Zitat aus dem Roman

Der Schah von Persien und seine dritte Ehefrau, Kaiserin Farah Diba, besuchen Rothenburg ob der Tauber? Das klingt märchenhaft, ist aber wahr. Auf Staatsbesuch in Deutschland Ende Mai 1967, ein paar Tage bevor der Student Benno Ohnesorg auf einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossen wird, rollt der Sonderzug mit dem Tross des Schahs in der weltbekannten fränkischen Touristenstadt ein. Als der Fürther Autor Leonhard F. Seidl während seines Literaturstipendiums des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg auf dieses Ereignis stößt, hat er sofort die Idee für einen neuen Roman.

"Der Besuch eines Kaisers, des Schah Mohammad Reza Pahlavi, in der mittelalterlichen Stadt Rothenburg, das ist natürlich eine Steilvorlage für einen Schriftsteller. Und daraus hat sich auch gleich die Form des Schelmenromans ergeben, weil das etwas Potemkinsches hat."

Der Autor Leonhard F. Seidl im Interview


Der 44-jährige Leonhard F. Seidl recherchiert vor Ort in Rothenburg, unterhält sich mit Zeitzeugen und ein knappes Jahr später liegt dieser Schelmenroman nun vor. In "Der falsche Schah" geht es um einen bayerisch-fränkischen Doppelgänger des Schahs. Der heißt Bartholomäus König, ist am selben Tag wie der Schah von Persien geboren und sieht ihm auch noch verdammt ähnlich. Wie Reza Pahlavi hatte er einen Vater, der überzeugter Hitleranhänger war. Doch anders als der Schah, der eine despotische Herrschaft aufbaut, wird aus dem Doppelgänger ein aufrechter Demokrat, der sein Leben in dem des Schahs gespiegelt sieht.

"Durch seine Mutter, die eine große Neue Revue-Leserin ist und die einen Salon Soraya in Rothenburg eröffnet, bekommt er hautnah mit, was es Neues am Königshaus gibt. Seine Mutter ist plötzlich begeistert, dass der Schah mehrere Frauen hat. Und der Vater König bekommt schon Speichelfluss bei dem Gedanken. Aber eigentlich ist es in dieser biederen kleinbürgerlichen Welt natürlich nicht okay, wenn der Vater König mehrere Frauen hätte. Aber beim Schah ist es halt in Ordnung - in der Zeit des Wirtschaftswunders, wo sich gerade vieles verändert."

Der Autor Leonhard F. Seidl im Interview

Wie das Leben von Bartholomäus König in München und Rothenburg verläuft, warum er sogar Farsi lernt und wie er es schafft dem echten Schah die Identität zu rauben, davon handelt dieser bizarr-komische und politisch-wache Roman. Dieser Teil der Geschichte wird in einem bajuwarisch angehauchten, üppig barockem Stil erzählt, der nicht jedermanns Sache sein dürfte und ein wenig an Günter Grass erinnert. Den zweiten Erzählstrang, in dem der Doppelgänger in die Fänge misstrauischer Agenten des brutalen SAVAK-Geheimdienstes gerät, die ihn im Rothenburger Kriminalmuseum mit mittelalterlichen Folterinstrumenten traktieren, hat Leonhard F. Seidel im Ton moderater gehalten.

"Da war für mich eine große Herausforderung: Wie stelle ich Folter dar ohne es lächerlich zu machen. Nachdem ich auch Mitglied des P.E.N.-Zentrums bin würde es mir fernliegen Folter lächerlich zu machen. Leider werden immer noch viele Menschen gefoltert. Da musste ich dann halt an der Sprache arbeiten. Sprich den bayerischen Sprachduktus zurückfahren, der ja durchaus etwas Klamaukhaftes hat. Und da ging es mir auch um die Frage: Wie verhalten sich Menschen Obrigkeiten gegenüber und was macht sie zu Folterern."

Der Autor Leonhard F. Seidl im Interview

Info & Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah, München 2020, Volk Verlag, 192 Seiten, 13,90 Euro, ISBN 978-3-86222-335-0

Ob Bartholomäus Königs Identitätsraub tatsächlich gelingt und der echte Schah in der geschlossenen Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Ansbach sein Leben fristen muss, wird hier natürlich nicht verraten. Leonhard F. Seidls "Der falsche Schah" ist ein im Großen und Ganzen gelungener Schelmenroman, bei dem einen oft das Lachen im Halse steckenbleibt.


9

Kommentare

Inhalt kommentieren

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein: