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Günter Berger Wilhelmine von Bayreuth – Leben heißt eine Rolle spielen

Das Leben der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth war ungemein schillernd und ergreifend. Vom Bayreuther Literaturwissenschaftler Günter Berger gibt's nun eine neue Biographie.

Von: Dirk Kruse

Stand: 15.02.2019 | Archiv

Als die 22-jährige preußische Königstochter Wilhelmine an der Seite ihres frischvermählten Gatten, dem Bayreuther Erbprinzen Friedrich, die fränkische Provinz betritt, übertrifft das ihre schlimmsten Erwartungen. In ihren Memoiren lässt sie an den Landadeligen, die ihr ihre Aufwartung machen, kein gutes Haar.

"Kinderschreckvisagen verdeckt von einer Art mottenzerfressener Perücken, in denen sich Läuse ebenso altehrwürdiger Herkunft wie die ihren seit undenklichen Zeiten eingenistet hatten. Ihre sonderbaren Gestalten waren mit Kleidungsstücken ausstaffiert, die den Läusen an ehrwürdigem Alter in nichts nachstanden. Man hätte sie für Bauernlümmel halten können."

Zitat aus der Biographie

Von ihrer Mutter ein Leben lang darauf vorbereitet ins englische Königshaus einzuheiraten, vermählt ihr zorniger und brutaler Vater, der preußische König Friedrich Wilhelm I., Wilhelmine kurzerhand nach Bayreuth. Dieser dynastische Abstieg war ein Schock für die hochgebildete und äußerst standesbewusste Königstochter, zumal sie sich mit ihrem sparsamen, frömmlerischen und kulturfernen Schwiegervater überhaupt nicht verstand.

"Nicht nur ihre Geldsorgen, sondern auch ihr ausgeprägter Wille zur Macht ließen Wilhelmine dem Tod ihres Schwiegervaters entgegenfiebern. Voller Ungeduld schrieb sie in diesem Sinn fast genau einen Monat vor seinem Ableben an den Bruder Friedrich nach Berlin: 'Unser Kranker hat noch keine Lust das Feld zu räumen. Ich warte ungeduldig auf die Entscheidung über sein Schicksal.'"

Zitat aus der Biographie

Als Wilhelmines Schwiegervater endlich stirbt und ihr Mann Markgraf wird, macht sie aus dem verschlafenen Bayreuth schon bald einen Musentempel und eine würdige Residenzstadt. Die Eremitage, das Neue Schloss, der Felsengarten Sanspareil und das erst vor einigen Jahren zum Weltkulturerbe erklärte Barocke Opernhaus sind die steinernen Zeugnisse ihres Wirkens.

Wilhelmine, die mehrere Sprachen beherrschte, komponierte, musizierte, philosophierte und dichtete, wollte kulturell unbedingt mit anderen Höfen konkurrieren, sagt ihr Biograph Günter Berger.

"Ich halte sie weniger für eine besonders begabte Künstlerin, sei es im Bereich der Musik oder gar im Bereich der Malerei. Sondern ich halte sie für eine geniale Organisatorin. Sie hat es geschafft mit relativ bescheidenen Mitteln ein immerhin konkurrenzfähiges Ensemble von Opernsängern und insbesondere auch von Schauspielern des Sprechtheaters zusammenzustellen und eben auch zusammenzuhalten."

Autor Günter Berger

In seiner Biographie über Wilhelmine von Bayreuth mit dem treffenden Untertitel "Leben heißt eine Rolle spielen" hat der ehemalige Bayreuther Romanistikprofessor Günter Berger zahlreiche Originalquellen ausgewertet und Neues entdeckt. So kann er mit so manchem Vorurteil über die Merkgräfin aufräumen, die sich in ihren spöttischen Memoiren gern als Opfer stilisierte. So weist Berger etwa glaubwürdig nach, dass Wilhelmine nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch handelte. Etwa wenn es um Bündnis- und Militärverträge mit Frankreich ging.

"Da können wir aus der Korrespondenz zwischen ihr und dem Bruder herauslesen, dass sie sich aktiv in diese Verhandlungen eingemischt hat. Sie wollte höhere finanzielle Forderungen aus der französischen Seite herausholen und hat das Friedrich nicht nur als Forderungen ihres Gatten überbracht, sondern als ihre eigenen. Das war also nicht im Rahmen der normalen politischen Korrespondenz, sondern im Rahmen der familiären Korrespondenz zwischen ihr und ihrem Bruder."

Autor Günter Berger

Und Berger entlarvt auch das äußerst freundschaftliche, ja herzliche Verhältnis von Wilhelmine zu ihrem Bruder Friedrich dem Großen teilweise als Märchen. Der Preußenkönig war äußerst machtbewusst, konnte hart und abweisend sein und fuhr seiner angeblichen Lieblingsschwester häufiger in die Parade. Gerade Wilhelmines eigenmächtiges Handeln, erboste Friedrich häufiger.

"Er wird Wilhelmine zehn Jahre nach ihrem Tod im Park von Sanssouci ein Monument der Freundschaft widmen, den Freundschaftstempel mit überlebensgroßer Sitzstatue Wilhelmines, ein steinernes Zeugnis seiner Verehrung für die Schwester und zugleich ein für die Ewigkeit bestimmtes Zeugnis für seinen Anspruch auf Deutungshoheit, mit der er für Jahrhunderte erfolgreich die Reduktion ihrer Rolle auf die seiner Lieblingsschwester in Gang setzte."

Zitat aus der Biographie

Info & Bewertung

Wertung: 3 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Günter Berger: Wilhelmine von Bayreuth. Leben heißt eine Rolle spielen, Regensburg 2018, Verlag Friedrich Pustet, 240 Seiten, 24.95 Euro, ISBN 978-3-7917-2820-9

Diese neuen Aspekte in Wilhelmines Leben herausgearbeitet zu haben, ist das große Verdienst dieser Biographie. Interessant ist auch der Ansatz das Leben der Markgräfin nicht chronologisch, sondern nach Themenfeldern zu beschreiben. Doch führt dieses Prinzip leider mitunter zu Doppelungen oder dem wiederholten Anreißen von Themen, die später dann doch nicht ausführlich genug behandelt werden. Und der Stil des Autors mit langen Nebensatzkonstruktionen und mitunter betulichen Formulierungen wirkt arg professoral. Aber wer die Geduld aufbringt, sich auf diesen Stil einzulassen, wird sich bald daran gewöhnen und reich belohnt. Insgesamt lesenswert und informativ.


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