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Christian Schloyer Jump 'n' Run Gedichte

Lyrik, die wie ein Jump'n'Run-Spiel funktioniert: Der gebürtige Erlanger Christian Schloyer hat Gedicht und Computerspiel komponiert und in seinem Gedichtband "Jump'n'Run-Gedichte" veröffentlicht.

Von: Dirk Kruse

Stand: 12.12.2017 | Archiv

Buchcover: Jump 'n' Run von Christian Schloyer | Bild: Poetenladen Verlag / Foto: BR-Studio Franken

So einen Gedichtband wie diesen des Nürnberger Lyrikers Christian Schloyer hat es noch nicht gegeben. Schlägt man eine beliebige Seite auf, sieht man nicht das Gewohnte: Nämlich ein Gedicht in Zeilen, die chronologisch von oben nach unten gelesen werden. Stattdessen Fragmente des Gedichtes wild über die Doppelseite verteilt. Und dazwischen Pfeile, Leitern und Treppen, die dem Leser den Weg weisen. Einen Start und ein Ziel gibt es auch. Doch viele unterschiedliche Möglichkeiten lesend dorthin zu gelangen. Optisch erinnert das an das alte Computerspiel "Donkey Kong" von Nintendo aus den 80er Jahren, bei der eine Figur auf verschiedene Plattformen springen und laufen musste, um ein Ziel zu erreichen. "Jump and Run" heißen diese Computerspiele. Konsequenterweise hat Christian Schloyer seinen Gedichtband auch so genannt.

"Die Jump 'n' Run-Spiele gibt es auch heute noch. Und noch eine Anmerkung: Jump 'n' Run versteht keiner außerhalb Deutschlands - ähnlich wie Handy. Überall anders heißen die Dinger Platform Games. Die gibt es heute noch mit unglaublich graphischem Aufwand. Nur damals hatte der Computer diese Möglichkeit noch nicht. Da musste man von Level zu Level umblättern. Da wurde der Bildschirm neu aufgebaut. Und das war für mich die ideale Form, um sie in ein Buch zu verwandeln und diesen Bildschirmneuaufbau mit Umblättern gleichzusetzen."

Autor Christian Schloyer

Bei Christian Schloyer wird man, obwohl man ein analoges Buch in Händen hält, nicht zum Leser, sondern zum Spieler.

"Hallo, Player One. Du bist in eine Welt geworfen ohne Sinn. Du findest Donkey Kong, machst ne Prinzessin oder einen Prinzen hin (zur Schnitte oder Schnecke). Nur eine Bitte: Press Play on Tape! & bring den Affen um die Ecke. Nun finde deinen Weg, hüpf rein! & renn! Fang ihn ein, den Sinn - der Affe! Letztes Leben! Der Sinn ist kalter Kaffee."

Zitat aus Jump 'n' Run

Der lesende Spieler folgt nun Pfeilen, erklimmt Treppen oder rutscht Leitern hinunter von Textblock zu Textblock und kreiert sich so sein eigenes Poem. Damit betreibt Christian Schloyer die Auflösung des klassischen Gedichts. Er nennt es auch nicht mehr so. Wie in einem Computerspiel heißt es jetzt Level. Das Gedicht "Flammen" auf Level 10 etwa liest sich in seiner schnellsten Version so.

"du wachst auf in einem faulen
gähnen & es strecken sich
die bäume grün & blau
der himmel (der zieht weiter)."

Zitat aus Jump 'n' Run

Je nachdem, welchen Weg der Leser einschlägt, kann es aber auch diese Version werden.

"du wachst auf in einem faulen
frieden hängt käs müd unterm horizont
die Sonne
schlägt
außen vor der stadt
die bäume grün & blau
der himmel (der zieht weiter)."

Zitat aus Jump 'n' Run

Und es gibt noch etwa zehn weitere, viel längere Varianten dieses Gedichts auf Level 10. Tatsächlich liegt jeder Doppelseite oder jedem der 64 Levels in "Jump 'n' Run" ein Ursprungsgedicht zugrunde.

"Mir geht es nicht darum das Rätsel zu schaffen: Wer findet den Weg durchs Ursprungsgedicht? Mir geht es um eine Art Flirren. Dass wenn man sich länger mit so einem Text beschäftigt und immer wieder verschiedene Wege geht, dann keine gültige Version im Kopf bleibt, sondern ein Konglomerat aus Versionen. Damit gerät das Gedicht in einen anderen Status. Denn ich fand die Ursprungsgedichte im Vergleich zu diesen Möglichkeiten nicht mehr so interessant. Es ist allerdings tatsächlich möglich in den allermeisten der Gedichte einen Weg zu finden, der alle Textblöcke miteinbezieht. Und dieser Weg dürfte dann dem Ursprungsgedicht entsprechen oder sehr nahe kommen."

Autor Christian Schloyer

Info & Bewertung:

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Christian Schloyer: Jump 'n' Run, Leipzig 2017, Poetenladen Verlag, 160 Seiten, 21,80 Euro, ISBN 978-3-940691-86-6

Von Level zu Level werden die Gedichte, die immer auch eine Prise Humor haben, finsterer bis hin zu Irrenhaus-Poemen oder apokalyptischen Phantasien. Christian Schloyers Gedichte sind komplex und erschließen sich auch dem lyrikliebenden Leser nicht auf Anhieb. Aber sein spielerischer Zugang ist ein genialer Schachzug, um die Angst vor moderner Lyrik zu nehmen. Manchmal bekommt man richtig Lust dazu, seine Regeln zu brechen und Leitern oder Treppen auch mal in entgegengesetzter Richtung zu folgen.

"Der Regelverstoß ist natürlich schon - ich darf jetzt nicht sagen erlaubt, sonst wäre die Regel sinnlos - aber bis zu einem gewissen Grad miteinkalkuliert. Ich rechne gerade bei diesen Einbahnstraßenschildern damit, dass die Lust in eine falsche Richtung zu gehen, so groß ist, dass man das hin und wieder mal tun wird."

Autor Christian Schloyer

Christian Schloyers "Jump 'n' Run" ist ein einmaliger Gedichtband, der ebenso spielerisch wie genussvoll für moderne Lyrik wirbt, und ein optisches, akustisches und haptisches Erlebnis ist.

Zur Person: Christian Schloyer

Der 1974 in Erlangen geborene und heute in Nürnberg lebende Christian Schloyer ist einer der bedeutendsten Lyriker der jüngeren Generation aus Franken. Er gewann u.a. den open mike in Berlin, den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt und den Münchener Lyrikpreis. Darüber hinaus initiierte er die Autorengruppen Wortwerk in Erlangen und Nürnberg, organisiert die Nürnberger Lyriknacht und arbeitet mit in den Redaktionen der fränkischen Literaturzeitschriften "Laufschrift" und "Blumenfresser". Gedichtbände veröffentlicht Christian Schloyer nur spärlich alle fünf Jahre. Nun ist sein dritter Lyrikband "Jump 'n' Run" erschienen, der etwas ganz Besonderes ist. Er funktioniert beim Lesen wie ein Computerspiel.


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