Franken - Buchtipps


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Adam Scharrer Aus der Art geschlagen

"Aus der Art geschlagen - Fränkische Dorfgeschichten" von Adam Scharrer enthält realistische Erzählungen vom fränkischen Dorfleben um 1900. Das harte Leben, das dort beschrieben wird, wirkt wie aus einem Dritte-Welt-Land, ist aber Heimatgeschichte und nur ein paar Generationen von uns entfernt.

Von: Dirk Kruse

Stand: 04.07.2008

Buchcover Aus der Art geschlagen, Adam Scharrer | Bild: Kleebaum Verlag

Aus dem armen Hirtenjungen wurde ein bedeutender Arbeiterschriftsteller, der von den Nazis verfolgt wurde, als überzeugter Kommunist nach Russland ins Exil ging, und 1948, vor genau 60 Jahren hoch im Norden in Schwerin starb. Wenn Sie einen seiner vielen Romane lesen wollen, haben Sie Pech gehabt. Im Buchhandel werden Sie da kaum fündig, da müssen Sie es schon im Antiquariat versuchen. Es gibt aber eine Möglichkeit diesen außerordentlichen Schriftsteller kennenzulernen. Denn der Bamberger Kleebaum-Verlag hat ein verdienstvolles Büchlein mit Fränkischen Dorfgeschichten von Adam Scharrer herausgebracht.

"Nebel sammelt sich schon über dem Weiher. Die Rinderherde blökt in den Abend, drängt nach den Ställen. Der Hirt wartet auf seine Frau, die, hastig tappelnd, den Wiesenweg heraufkommt. 'Kommst halt gar so spät, Bärbel', begrüßt er sie. Nun, da sie vor ihm steht, schwanger, erschöpft, so müde, klingt Teilnahme aus seiner Frage. 'Es fällt mir halt schon recht schwer, Franz. Ich hab' den Schubkarren mit den Rüben bald net mehr heim'bracht. Das Kreuz, das Bücken.' Sie sagt das wie bedauernd, atmet schwer, setzt sich auf einen Baumstumpf."

Buchzitat

Dorfleben ohne Idylle

So beschreibt Adam Scharrer seine Eltern und auch er selbst kommt in dieser Passage vor, als noch ungeborener Säugling. Was er da beschreibt, das fränkische Dorfleben vor gut 100 Jahren, ist keine Idylle. Das Leben des Hirten im Nürnberger Land ist karg und hart. Das kleine Hirtenhaus in Kleinschwarzenlohe, in dem Adam Scharrer als Ältester von 16 Geschwistern am 13. Juli 1889 geboren wird, steht noch heute an der befahrenen Dorfstraße. Die Wendelsteiner Heimatdichterin Gudrun Vollmuth, die sich intensiv mit Leben und Werk Adam Scharrers beschäftigt hat, ist mit hierhergekommen.

"Es hat praktisch nur zwei Zimmer gehabt. Sicherlich waren Stallungen angebaut. Auch war der Dachboden nicht ausgebaut, sondern da war Stroh. Da haben früher die Kinder geschlafen. Dort war es kalt und nicht gut zu heizen. Er beschreibt auch das Essen. Es gab immer Wassersuppe - 'Wasserschnalzen' sagt man bei uns. Das waren heißes Wasser, ein bisschen Brot und ein bisschen Salz drauf und manchmal ein bisschen Schmalz, aber selten. Das Essen bestand hauptsächlich aus Kartoffeln. Und wenn es ganz schlecht ging, aß man die Kartoffeln ohne Salz, weil der Nickel-Groschen für das Salz fehlte."

Die Wendelsteiner Heimatdichterin Gudrun Vollmuth

Hunger, Kinderarbeit und bittere Tränen

Häufig leiden die Geschwister auch Hunger, denn nicht immer reicht der Lohn aus, um alle satt zu machen. Trotz der vielen Arbeit, bei der alle mit anpacken müssen. Kinderarbeit war üblich. Schon mit fünf Jahren muss der kleine Adam einen Fulltimejob machen, als Gänsehirt des Dorfes. Den ganzen Tag allein auf den Gänseanger verbannt, weint er oft bittere Tränen und ist froh, als er endlich in die Schule darf. Das bedeutet: nur noch nachmittags Gänse hüten.

"Auch der Hopfen machte uns manchen Strich durch die Rechnung. An ihm hing die Arbeit eines ganzen Sommers. Kurz vor der Ernte wurde er – öfter als einmal – von einer Krankheit angefallen und vernichtet. Oft war er – bei guter Ernte und gerade deswegen – so billig, dass es sich kaum verlohnte, ihn abzupflücken. Wir saßen, auch die kleinen Geschwister, die die ersten Jahre in die Schule gingen, nach der Tagesarbeit bis nachts um zwölf Uhr und pflückten, kämpften verzweifelt mit dem Schlaf-, und der Erlös war gleich Null."

Textzitat

Dazu kommen Rohheit und Brutalität, die Adam Scharrer in seinen Büchern akribisch beschreibt. Körperliche Züchtigung wurde gedankenlos ausgeübt. Von den Eltern, von einem sadistischen Lehrer oder vom Lehrherrn, bei dem Adam das Dreherhandwerk lernt.

"Er beschreibt ja auch seine Lehrzeit in Lauf bei der Firma Konrad, deren Nachfahren es heute noch gibt, dass der Meister seine Lehrlinge immer geschlagen hat. Da ist er x-mal durchgegangen, weil er es hat nicht ertragen können. Das beschreibt Scharrer ganz realistisch in seinen Romanen. Und der Lehrherr schlug auch seine Ehefrau. Und einmal waren die Verwandten hier und sagten: So schlimm wie der Adam Scharrer das beschrieben hat, war der Opa nicht. Der hat die Oma zwar verhauen, aber die war keine vierzehn Tage im Krankenhaus, es waren nur zehn Tage."

Die Wendelsteiner Heimatdichterin Gudrun Vollmuth

Ausstellung in Wendelstein

In der Gemeindebücherei von Wendelstein hat Gudrun Vollmuth ein Dichterzimmer und eine Ausstellung über Leben und Werk Adam Scharrers eingerichtet. Dort erfährt man von seinen Wanderjahren durch Deutschland, die Hinwendung zum Kommunismus, seinem ersten pazifistischen Roman "Vaterlandslose Gesellen", in dem er seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg verarbeitet, später von der Verfolgung des Arbeiterschriftstellers durch die Nazis, vom Exil in der Sowjetunion, seiner Rückkehr nach Mecklenburg und seinem publizistischen Nachleben in der DDR. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurden seine Bücher gedruckt, während sie hier vergessen wurden. Sogar eine Adam-Scharrer-Briefmarke gab die DDR 1989 zum hundertsten Geburtstag noch heraus. Von dort stammt auch der originale Schreibtisch im Wendelsteiner Dichterzimmer.

"Mit unserem Bürgermeister war ich 1989 in Schwerin. Da waren Scharrers Gegenstände von 48 noch eingelagert: ein Schreibtisch, den wir hier jetzt haben, und ein riesiger Bücherschrank voller Bücher. Für einen Hirtenjungen aus Franken war das erstaunlich, was er alles gelesen hat. Aber das Merkwürdige ist: den Schreibtisch haben wir später bekommen. Doch die Dame aus dem Kulturreferat musste uns eine traurige Mitteilung machen. Schwerin hat nach der Wende einen Kulturreferenten aus dem Westen bekommen, dessen erste Handlung es war, den Bücherschrank eigenhändig zu zersägen. Also, den haben wir nicht mehr, aber wahrscheinlich hätten wir ihn hier gar nicht hereingebracht."

Die Wendelsteiner Heimatdichterin Gudrun Vollmuth

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Aus der Art geschlagen - Fränkische Dorfgeschichten" von Adam Scharrer. Herausgeber: Bernd G. Bauske und Gudrun Vollmuth. Kleebaumverlag Bamberg.

Die Geschichten haben nicht den höchsten literarischen Rang, aber was Scharrer beschreibt ist packend und erweckt Mitgefühl ohne sentimental oder kitschig zu werden. Dieses Buch ist eine Abenteuerreise in die unsere Vergangenheit. Und zu tränenschwer ist diese Kennenlern-Ausgabe eines wichtigen fränkischen Autors auch nicht.

Denn dem Büchlein ist eine launige Schilderung Oskar Maria Grafs beigegeben, in dem er seine Begegnung mit dem völlig humorlosen Scharrer im Zug nach Moskau beschreibt – ein altbajuwarisch-fränkisches Zusammentreffen.

Oskar Maria Grafs über Adam Scharrer

"Seine Bücher kannte ich aus Deutschland und aus der Emigration. Ich schätzte ihn sehr. Er war ein unschematischer, eigener Mensch. Was er schrieb, war sehr unterschiedlich, aber stets echt. Besonders liebte ich aber Adam, weil er mürrisch war. Ein mürrischer, raunzerischer Mensch ist unterhaltlich. Er wird zur reinen, ungeschwächten Lustbarkeit, wenn man es versteht, ihn immer mehr in Rage zu bringen."


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