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Inklusion

RESPEKT Inklusion

Stand: 10.08.2020 12:37 Uhr

  • Seit 2008 ist das Recht auf Inklusion in einer UN-Konvention gesetzlich festgeschrieben.
  • Grundlage dieses völkerrechtlichen Vertrages ist ein neues Verständnis von Behinderung: Menschen mit Beeinträchtigungen sind nicht behindert, sie werden behindert. Daraus leiten sich Handlungsanweisungen ab, für alle Lebensbereiche.
  • Inklusion bedeutet, dass Menschen mit Behinderung überall genauso teilhaben können wie alle anderen. Deutschland ist weit davon entfernt, die selbst gesetzten Inklusionsziele zu verwirklichen.
  • Barrierefreiheit ist für Inklusion wichtig. Damit sind nicht nur Rampen gemeint, sondern etwa auch die Lesbarkeit von Internetseiten für Blinde.

Inklusion ist mehr als Integration. Denn Integration bedeutet, Menschen in ein bestehendes System aufzunehmen. Inklusion dagegen setzt ein gemeinsames System für alle Menschen voraus, in dem niemand ausgegrenzt wird. Unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, Alter oder Behinderung.

Zu wenig Inklusion im Alltag

Inklusion ist ein Menschenrecht. Menschen mit Behinderung haben einen Anspruch darauf, in allen Bereichen der Gesellschaft gleichberechtigt teilhaben zu können. Sogar durch einen völkerrechtlichen Vertrag ist dieses Recht in fast allen Staaten der Welt garantiert. Theoretisch. Praktisch wird es Menschen mit Behinderung aber immer wieder verweigert.

Viel zu oft müssen Menschen mit Behinderung Förderschulen besuchen. Sie finden nur Jobs in Behindertenwerkstätten oder nur Heimplätze statt geeigneter Wohnungen auf dem freien Markt. Schwierig ist auch, dass in Deutschland jedes Bundesland die Inklusion anders umsetzt. Generell sind zum Beispiel Lehrer*innen durch ihr Studium nicht ausreichend vorbereitet auf inklusiven Unterricht. So bleibt viel an den Eltern hängen.

"Das heißt, wenn wir die Einzelintegration wollen, müssen wir einen Großteil selber stemmen. Das kann man natürlich nur, wenn man viel Zeit investiert. Also ich denke mir immer, Inklusion muss man sich auch leisten können. Jemand, wo beide Eltern berufstätig sind den ganzen Tag, wo vielleicht die finanziellen Mittel nicht ausreichend sind, der wird natürlich immer den Weg ins Förderzentrum wählen."

Martina Frühwald, Mutter von Leo, der eine spastische Behinderung hat

Was braucht es für echte Inklusion?

Barrierefreiheit ist enorm wichtig, damit Menschen mit Behinderung wie alle anderen am (öffentlichen) Leben teilnehmen können. Das bedeutet nicht nur Rampen oder Aufzüge statt Treppen, sondern auch Verkehrsampeln, an denen sich sehbehinderte Menschen orientieren können, Formulare in leichter Sprache oder Vorträge, die auch gehörlose Menschen verfolgen können. Wichtig sind Aufklärung und Ausbildung - damit Nichtbehinderte besser mit Behinderungen anderer umgehen lernen. Ein Problem ist auch, dass Barrierefreiheit etwa von Produkten für private Unternehmen nicht verpflichtend ist. Zum Beispiel haben Blinde große Schwierigkeiten mit Waschmaschinen, die Informationen nur noch über digitale Displays vermitteln und die keine tastbaren Knöpfe haben.

"Also das Erste, was ich machen würde, ist, dass ich wirklich alle dazu verpflichten würde, dass sie barrierefrei bauen, dass sie barrierefreie Geräte entwickeln, dass sie barrierefrei die Banken bauen ohne Stufen am Eingang, dass Menschen mit Behinderung reinkommen. Das wäre das Erste, was ich machen würde. Und dann würde ich dafür sorgen, dass wir viel mehr Menschen auch in den Ministerposten hätten, die eine Behinderung haben oder Menschen mit Migrationshintergrund. Ich würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass es mehr Vielfalt gäbe."

Verena Bentele, Paralympics-Siegerin, VdK-Präsidentin

Arbeitsplätze statt Behinderten-Werkstätten

Die meisten Menschen mit Behinderungen arbeiten in Werkstätten. Diese wurden in den 1960er-Jahren ins Leben gerufen, um vor allem geistig behinderten Menschen Arbeit zu ermöglichen. Dort bekommen sie aber keinen Lohn, sondern nur ein Taschengeld von 180 Euro pro Monat, weil sie nicht als Arbeitnehmer*innen gelten, sondern als Teilnehmer*innen einer Reha-Maßnahme. Nach Vorgabe der UN-Behindertenrechtskonvention sollten Werkstätten abgeschafft werden. Stattdessen soll der Staat durch Fördermaßnahmen Menschen mit Behinderung den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen.

"Ich kann nur Menschen mit Behinderung, wo immer sie auch sitzen, was immer sie auch machen, motivieren: Erhebt eure Stimme, setzt euch ein für eure Belange und für die Belange anderer Menschen mit Behinderung. Ihr könnt immer was erreichen und je mehr ihr seid, je lauter ihr seid, desto mehr wird die Politik auch auf euch hören."

Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung

Wo es bei der Inklusion überall noch hakt

  • Mangelnde Inklusion beginnt schon beim Schulbesuch: Die meisten Kinder mit Behinderung gehen auf eine Förderschule.
  • Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten müssen per Gesetz 5% der Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Die Quote wird in der Realität nur von 40% aller Unternehmen erfüllt.
  • Nur 2 von 100 Wohnungen in Deutschland sind annähernd barrierefrei, und nur drei Viertel aller Bahnhöfe.

Gemeinsam individuell

Menschen wie Verena Bentele oder Johannes Hund wünschen sich, dass man sie nicht in erster Linie als (Menschen mit) Behinderung sieht. Denn das ist genauso diskriminierend, wie ständig auf eine Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Akzent oder sein Herkunftsland reduziert zu werden. Jeder Mensch hat Talente und Schwächen. Eine tolerante, inklusive Gesellschaft ist also eine, die offen ist für alle Besonderheiten, die Menschen mitbringen und die sie nicht gleich in eine Schublade steckt. Oder in Gesprächen nur darüber redet, statt über Hobbys, Lieblingsserien oder Urlaubsziele. Wer durch eine körperliche oder geistige "Besonderheit" geprägt ist, möchte - wie andere Menschen auch - mehr leben als nur den Umgang mit dieser Besonderheit.

"Ich denke mal, Inklusion fängt da an, wo man dieses ganze 'derjenige ist anders, weil …' ausblenden kann. Man sagt: Okay, wenn es hier um Job geht, geht es halt darum: den Job. Wenn es um die Partnerschaft geht, geht es halt um das und nicht um das, was sonst noch der Mensch ist, wo er herkommt, welche Hautfarbe, Behinderungen, Religion, was auch immer."

Johannes Hund, IT-Unternehmer mit Querschnittlähmung

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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