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Bücher Buchtipps aus der Oberpfalz

Jede bayerische Region hat ihre eigenen brillanten Autorinnen und Autoren oder ist der Handlungsort für spannende Bücher. Buchhändlerin Sabine Abel gibt diesmal Leseempfehlungen aus der Oberpfalz. Ein spannender, preisgekrönter Krimi zu einem realen Mordfall, ein Roman über die Gastarbeiterinnen in den Siebzigerjahren, ein Heimatkrimi und eine schräge, lustige Geschichte über das Erwachsenwerden - da sollte für jeden die passende Lektüre dabei sein!

Published at: 11-6-2024

Sabine Abel | Bild: BR

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Dieser Roman erzählt einen realen Fall nach, der sich im Jahr 1922 zugetragen hat und nie gelöst wurde. Wir befinden uns im Deutschland der Nachkriegszeit. Tannöd ist der Name eines weit abgelegenen Einödbauernhofes in der Oberpfalz. Hier haben sich grausige, schreckliche Morde ereignet. In einer Nacht wurde die gesamte Bauernfamilie Danner und die gerade frisch auf dem Hof angekommene Magd ermordet. Die Einwohner des nächstgelegenen Dorfes sind entsetzt und stehen vor einem Rätsel: Was hat sich auf dem Hof zugetragen?
Die Spurensuche beginnt. Dafür lässt Andrea Maria Schenkel unterschiedliche "Zeugen" sprechen und schiebt einige Dokumente in die Suche nach dem Mörder der Danners ein. Angestoßen wird die Erzählung von einem unbekannten Ich-Erzähler, der als Kind seine Ferien in Tannöd verbracht hat, und nun als erwachsener Mann hierher zurückkehrt. Auch er will wissen, was geschehen ist. Später tritt dieser Erzähler völlig in den Hintergrund. Stattdessen kommen die einzelnen Dorfbewohner zu Wort und geben ihre Version der Geschichte wieder. Selbstverständlich hat jeder seine eigene Sichtweise und Vermutungen zu der Mordnacht. Die Krämerin aus dem Ort erzählt viel Klatsch und Tratsch, der Pfarrer hat eine religiös geprägte Erklärung parat. Die Autorin gibt den jeweiligen "Zeugenaussagen" auch völlig individuelle Sprechweisen und Tonfälle. Ganz nebenbei erfährt man so Details aus der Dorfgemeinschaft. Im Wechsel mit den Dorfbewohnern schildert Andrea Maria Schenkel auch immer wieder Szenen von der Mordnacht aus der Perspektive der einzelnen Opfer.
Puzzleteil für Puzzleteil werden die Leser so auf die Spur des Mörders gelockt.

"Dieser Krimi ist wirklich ein Meisterwerk. Nicht umsonst hat die Autorin dafür diverse Preise eingeheimst. Zum Glück ist das Buch nur 120 Seiten lang, mehr an Spannung und Grusel könnte ich beim besten Willen nicht aushalten."

Sabine Abel

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Weiden in der Oberpfalz ist eine bayrische Kleinstadtidylle. Die Bewohner sind wohlhabend, die Wirtschaft brummt. Es gibt Wohltätigkeitsveranstaltungen für Geflüchtete, ein Gymnasium und den Sportverein mit seiner sehr erfolgreichen Tennisabteilung, die sogar das Landesfinale der Jugend gewinnt. Die Jugendmannschaft erlangt dadurch so viel lokale Prominenz, dass sie sogar für eine Anti-Drogen-Kampagne eingesetzt wird. Ab dem neuen Schuljahr hängen überall in der Kleinstadt Plakate mit dem Bild der Jugendlichen und der Aufschrift 'Geh ans Limit! Ohne Speed! '.
Auch Benedikt Jäger gehört zur Jugendmannschaft. In den Augen seiner Eltern ist er ebenso ein wahres Vorzeigeexemplar. Mit seinen 16 Jahren ist er einer der wichtigsten Spieler im Tennisclub und auch in der Schule sticht Benedikt durch seine tadellosen Leistungen heraus.
Nur sieht die Wirklichkeit leider ganz anders aus. Anstatt sich um die Schule zu kümmern, verbringt Benedikt die meiste Zeit mit seinen Freunden Vince und Prechtl auf dem sogenannten 'Butterhof'. Hier kann man sehr günstig Crack und Speed und alle anderen nur erdenklichen Drogen bei Crystal-Mäx kaufen und sie dann auch gleich auf dem abgelegenen Hof konsumieren. Dass seine Noten alles andere als herausragend sind, verbirgt Benedikt durch ein ausgeklügeltes Fälschungssystem, mit dem er nicht nur die Unterschrift seiner Eltern auf den Schulaufgaben nachmacht, sondern auch ganze Schulaufgaben fälscht, die er dann seinen erfolgsverwöhnten Eltern zu Hause vorlegt. Je mehr Platz die Drogen in Benedikts Leben einnehmen, umso steiler geht es in der Schule bergab. Mit immer neuen Tricks und Lügen und mit einer ihm schon selbst beinahe unheimlichen kriminellen Energie, versucht er, den schönen Schein zu wahren.
Alles wird anders, als die Jungs erfahren, dass der Drogendealer und Unterweltkönig Crystal-Mäx Flüchtlingsheime bauen will und dafür auch noch Spendengelder kassiert.

"Dieser Roman spielt mit vielen Klischees, die man von Kleinstädten in der Provinz im Kopf hat. Der schöne Schein, der auf Biegen und Brechen gewahrt werden muss, der oberflächliche Umgang miteinander. Manipulationen, Fälschungen und Schauspielerei sind das Handwerkszeug, mit dem man in dieser Gesellschaft gut durchkommt, das haben Benedikt und seine Freunde schnell gelernt. Zumindest schafft man es so eine gewisse Zeit lang. Benedikts Blick auf seine Eltern, seine Lehrer, seine Freundin und natürlich auch auf seine Freunde sind großartig geschildert, das Tempo im Buch ist hoch und so verspricht dieser Roman top Unterhaltung für alle Altersgruppen."

Sabine Abel

Lotte Kinskofer: Heimvorteil - Oberpfalz Krimi

Heimvorteil ist der erste Fall von insgesamt vier Fällen, die Lotte Kinkskofer rund um den Regensburger Sportreporter Thomas Reitinger erzählt. 
Thomas Reitinger ist zu Besuch in seinem oberpfälzer Heimatort. Hier ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Von hier ist er aber auch gleich nach der Schule weggegangen. Je länger Thomas dort ist, umso deutlicher fällt ihm wieder ein, wieso das damals so war. Aber auch sein momentanes Leben ist nicht gerade leicht. Seine Ehe steckt in einer Krise, seine Frau geht wohl schon seit einiger Zeit ihre eigenen Wege. Beruflich steckt er in einer Sackgasse. Immer wieder die gleichen Themen, immer wieder die gleichen Interviews. Irgendwie ist er das alles leid und hat keinerlei Herausforderungen in Sicht.
Eigentlich kommt ihm da der Mord am Fußballtrainer seines Heimatdorfes ganz gelegen. Sein Chef rät ihm, seinen 'Heimvorteil' zu nutzen, vor Ort zu bleiben und von den polizeilichen Ermittlungen zu berichten. Aber wenn Thomas Reitinger schon mal einen Heimvorteil hat, könnte er ihn doch auch gleich für eigene Ermittlungen nutzen, oder?
Schließlich kennt er jede Ecke und jede Seele im Dorf. Schnell stellt er fest, dass der Trainer bei allen Bewohnern des Ortes sehr unbeliebt war. War er zu ehrgeizig? Waren bei seinen Trainingsmethoden etwa auch Dopingmittel im Spiel? Oder ist das alles nur Dorftratsch? Was hat der Tod des Dorfpfarrers damit zu tun? Hängen beide Todesfälle zusammen? Zumindest was die Mordwaffe angeht, scheint es einen Zusammenhang zu geben. Bei seinen Ermittlungen muss Reitinger weit in die Vergangenheit zurückblicken. Nicht immer zu seinem Vergnügen.
Als Thomas Reitinger dann auch noch seine Jugendliebe wieder trifft, scheint das Chaos komplett.

"Die Lösung des Falls bleibt spannend bis zur letzten Seite. Zwar lebt dieser Krimi von seiner Regionalität, er bietet aber noch viel mehr. Die Figuren sind gut gezeichnet, die Handlung ist witzig und klug erzählt. Ein Krimi-Genuss - nicht nur für Oberpfalz-Fans."

Sabine Abel

Gün Tank: Die Optimistinnen - Roman unserer Mütter

Mit 22 Jahren kommt die Türkin Nour Anfang der siebziger Jahre als Gastarbeiterin nach Deutschland, genauer gesagt in die Oberpfalz. Hier wird sie in einer Gemeinschaftsunterkunft mit zahlreichen Frauen aus ganz Europa untergebracht und arbeitet in einer Porzellanfabrik. Schnell gewinnt Nour neue Freundinnen aus Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Marokko und Tunesien. Nour hatte gedacht, sie würde einen Arbeitsplatz in einer Großstadt erhalten. Am liebsten wäre sie nach Paris gegangen. Sie ist gebildet und in sehr weltlichen, modernen Verhältnissen aufgewachsen. Die lockeren Türkinnen aus Istanbul, die Miniröcke und die Haare offenen tragen, sind mehr als verwundert über die einheimischen Frauen im Dorf, die sich mit Röcken übers Knie kleiden und meistens Kopftücher tragen.
Die Arbeitsbedingungen für die Gastarbeiterinnen in der Fabrik sind fragwürdig, ihre Bezahlung ist miserabel und liegt weit hinter der der Männer zurück. Auch im Wohnheim sind die Lebensbedingungen eine Zumutung, zu viert teilen sie sich zehn Quadratmeter. Außerdem wollen die Frauen unbedingt Deutsch lernen.
Eines Tages entdeckt Nour einen Grabstein auf dem katholischen Friedhof im Dorf, auf dem einer Organisatorin eines Frauenstreiks im Thüringen der zwanziger Jahre gedacht wird. Die Streikführerin wurde hier begraben - ganz in der Nähe der Fabrik, in der Nour arbeitet. Für Nour ist klar: was die Frauen in den Zwanzigerjahren schafften, muss auch fünfzig Jahre später möglich sein. Gemeinsam mit ihren Freundinnen und Kolleginnen kämpft sie ab sofort für bessere Arbeits- und Wohnbedingungen und für Deutschkurse während der Arbeitszeit. Sie fordern 'Sprache! Bildung! Lohn!' und schreiben das auf Ostereier, die der engagierte Pfarrer segnet. Die Frauen lassen nicht locker und veranstalten sogar einen Generalstreik.
Später zieht Nour nach Berlin, arbeitet für die Gewerkschaft und setzt sich weiterhin für die Rechte der Frauen, speziell für die Rechte der Migrantinnen ein. Wir erfahren Nours Geschichte von ihrer Tochter Su Gabriele, die in Westberlin aufgewachsen ist und sich erinnert.

"Gün Tank hat mit diesem Buch den Gastarbeiterinnen der ersten Generation ein Denkmal gesetzt. Anhand der Lebensgeschichte ihrer Mutter und vieler anderer Frauen, die in den Siebzigern nach Deutschland kamen, erzählt sie Nours Geschichte und damit die einer ganzen Generation Arbeiterinnen, die maßgeblich am Wirtschaftswachstum von Deutschland beteiligt war, die aber nie Beachtung fand."

Sabine Abel

Viel Freude beim Lesen wünschen Sabine Abel und "Wir in Bayern"!


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