BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Lernen 4.0 Digitalisierung in der Bildung

Digitales Lernen ist ein großes Thema, das durch die Corona-Pandemie noch stärker ins Bewusstsein gerückt ist. Die Politik will in den kommenden Jahren viele Milliarden Euros investieren - und zwar für alle Schularten.

Stand: 22.10.2020

Wie verändert sich Lernen durch Digitalisierung grundsätzliche? Und wie verändert die Digitalisierung Lernkonzepte hörbehinderter Kinder? Wie kann Lernen 4.0. für sie in Zukunft aussehen? Und: Brauchen gebärdensprachlich aufwachsende Kinder künftig vielleicht sogar einen ganz anderen Unterricht? Sehen statt Hören-Moderatorin Anke Klingemann hat recherchiert, Informationen und Erfahrungen eingesammelt.

Ein Rückstand

Homeschooling in der Corona-Pandemie – die Erfahrungen mit dem Fernunterricht im letzten Schuljahr waren äußerst unterschiedlich. Vorweg: Allen fehlten die sozialen Kontakte und der direkte Austausch. Für einige Lehrer gehörloser Kinder und Jugendlicher war das Ende des Präsenzunterrichts erst einmal ein Schock: Sie verschickten stapelweise Papier, um zu unterrichten. Andere fanden mit Videokonferenzen schnell ein gutes Mittel, um Lerninhalte auszutauschen. Doch bei manchen hielt die Internetverbindung dem Online-Unterricht nicht stand. Das Fazit der Experten viel bitter aus: Was die Digitalisierung in der Bildung betrifft, ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern im Rückstand.

Papierloses Lernen

Doch mit welchen digitalen Techniken lernen Schülerinnen und Schüler mit Hörbehinderung denn heute schon? Die Ernst-Adolf-Eschke-Schule in Berlin gilt im Bereich der digitalen Bildung als „Vorzeigeschule“. Mit Apps und PCs geht lernen hier papierlos – und ist dazu noch spannend und abwechslungsreich.

"Die ganze digitale Technik ist natürlich bei gehörlosen Schülern enorm vorteilhaft, weil man viele gebärdensprachliche Dinge mit Videoverfilmung und Tablets und Smartboards im Unterricht einsetzen kann. Man kann viel stärker visualisieren, was ja ein Grundprinzip unserer Schulen ist. […] die Neuen Medien spielen immer mehr in der Gesellschaft eine Rolle und gerade seit den letzten Jahren ist es enorm wichtig, dass wir die Schüler da gut vorbereiten."

Schulleiter Ulrich Möbius, Ernst-Adolf-Eschke-Schule

Technik alleine genügt nicht

5 Milliarden Euro stellt die Politik mit dem Digital-Pakt für die Schulen zur Verfügung. Doch das Geld wird eher zögerlich abgerufen. Woran hapert es? Es ist nicht damit getan, die Technik und Ausstattung zur Verfügung zu stellen –es braucht auch Fortbildungskonzepte für die Pädagogen. Und die Schulen benötigen auch noch anderweitig Unterstützung: Es fehlt an Personal, das die Technik einrichtet und wartet - Administratoren so wie sie auch in allen anderen größeren Firmen üblich sind.

Bedürfnisorientiertes Lernen

Anke Klingemann mit einer VR-Brille

Wie nun könnte digitales Lernen und digitale Teilhabe für Menschen mit Behinderung in einer inklusiven Gesellschaft in Zukunft aussehen? Um eine Antwort darauf zu bekommen, besucht Anke Klingemann ein "Zukunftslabor" im bayerischen Eichstätt. Hier darf die Moderatorin gleich eine VR-Brille aufsetzen und damit in virtuelle Welten abtauchen. Eine spannende Angelegenheit. Der Institutsleiter hat genaue Vorstellungen, was die Zukunft bringen sollte.

"Die virtuelle Schule sollte auf alle Fälle besser als heute auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. […] Im Moment haben wir noch […] alle lernen zu jeder Zeit das Gleiche – und die virtuelle Schule sollte das ändern. Die virtuelle Schule sollte Lieschen an der Stelle abholen, wo Lieschen ist, und Mäxchen an der Stelle, wo Mäxchen ist. Das wäre eine super Sache."

Johannes Grapentin, Institutsleiter Zukunftslabor

Die virtuelle Schule sollte sich an die Bedürfnisse der Schüler*innen, an deren Niveau, an deren Kompetenzen anpassen, so seine Meinung. 

Persönlicher Kontakt bleibt wichtig

Und wie sieht das die Wissenschaft? Sollte digitales Lernen einen festen Platz in der Gehörlosen-Pädagogik einnehmen? Die Mischung macht’s, meint Prof. Claudia Becker von der HU Berlin. Die angehenden Pädagogen erlernen hier bereits die digitalen Möglichkeiten im Unterricht für gehörlose Menschen - trotzdem findet Prof. Becker den direkten und persönlichen Kontakt wichtig für alle Schüler*innen.

Ein besonderes Konzept

In Aachen schließlich findet Moderatorin Anke Klingemann ganz besondere Informationen zum Lernen 4.0: Da geht es zum einen um die digitale Technik im Unterricht der Zukunft. Aber es geht auch um eine neue Art von Lernen. Wissenschaftler von SignGes an der RWTH Aachen haben für gebärdensprachliche Schülerinnen und Schüler ein besonderes Konzept entwickelt. Denn Gehhörlose haben laut deren Forschung eine andere „Wissensorganisation“ als Menschen, die die Lautsprache nutzen: Während Hörende eher beim Allgemeinen anfangen und dann ins Detail gehen, ist das bei Gehörlosen umgekehrt. 

"Gebärdensprache nutzt immer den Raum. Sie organisiert Wissen im Raum. Sie kategorisiert dadurch ganz anders. Wir kategorisieren hierarchisch oder eben linear. Dass taube Menschen das anders machen, das hat eben damit zu tun, dass sie eine andere Sprache verwenden, die es ihnen ermöglicht, Wissen anders zu organisieren. Also, das Wissen wird eben dreidimensional, mehrdimensional, netzwerkartig organisiert."

Dr. Klaudia Grote, Deaf Gain Lab, SignGes/RWTH Aachen

Und das hat Konsequenzen – sowohl für den Unterricht als auch die Erstellung von Unterrichtsmaterialien.

"Deaf-Didaktik basiert auf der Grammatik und Struktur der Gebärdensprache. Dies muss sich im Unterrichtskonzept widerspiegeln. Entscheidend ist dabei: der Lehrer ist DGS-kompetent und DGS Unterrichtssprache. Außerdem müssen die 3 Bereiche – Körper, Raum und Denken – immer im Unterricht präsent sein. Aufgaben können durch DGS-Videos gezeigt werden. Bildergeschichten können Inhalte visuell darstellen und Animationen in Präsentationen können Bewegungen verständlich werden lassen. Das alles geschieht immer auf Basis der Gebärdensprach-Struktur und -Grammatik. Das macht „Deaf-Didaktik“ aus und das fördert im Unterricht das Verständnis."

Bastian Staudt, Deaf Gain Lab – SignGes/RWTH Aachen

Gebärdensprache verknüpft mit digitalen Medien - diese Art des Unterrichts wird bereits an der LVR-David-Hirsch-Schule in Aachen getestet. Mit großem Erfolg, wie Moderatorin Anke Klingemann bei ihrem Besuch feststellen kann.

Ein Fazit

Digitalisierung in der Bildung ist eine große Herausforderung in Deutschland - auch an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Hören. Corona-Krise und Homeschooling haben gezeigt: Manches klappt, manches nicht. Deshalb wird in der Politik, an den Schulen und in der Wissenschaft vieles weiter oder auch anders gedacht. Es bleibt spannend!


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