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Die Psychologie der Wahrnehmung Die Psychophysik

Stand: 02.11.2016

Männchen auf einer Wippe | Bild: colourbox.com

Ein relativ früh entstandenes Teilgebiet der Wahrnehmungspsychologie ist die Psychophysik. Bereits 1860 publizierte Gustav Theodor Fechner (1801 - 1887) die "Elemente der Psychophysik" und legte damit einen gewichtigen Grundstein für diese Wissenschaft, die sich mit den Zusammenhängen zwischen physischen Reizen und psychischem Erleben befasst.

Gustav Theodor Fechner

Fechner betrachtete dabei die menschlichen Wahrnehmungsleistungen auf eine ähnliche Art und Weise, wie wir auch im Alltag über Messgeräte (z. B. eine Personenwaage) sprechen.

Dynamikbereiche der Wahrnehmung

Jede Art von Wahrnehmung findet in einem bestimmten Dynamikbereich statt. Die Einschätzung der Schwere eines Gegenstandes ist uns von wenigen Milligramm bis hin zu 70, 80, 90 oder - je nach Muskelkraft - noch mehr Kilogramm möglich. Zum Vergleich: Die meisten Personenwaagen haben einen Dynamikbereich zwischen 2 und 150 kg. Je nach Sinnesrezeptor kann der Dynamikbereich unserer Wahrnehmung schwanken. Für Gewichte ist er relativ klein, für das Empfinden von Lautheit jedoch bildet er zwischen dem leisesten noch wahrnehmbaren Geräusch und dem lautesten noch nicht schmerzhaften Schall eine billionenfache Steigerung an Schalldruck ab.

Intervalle und Schwellen der Wahrnehmung

Wann nehmen wir Farben als unterschiedlich wahr?

Unsere Wahrnehmungsleistungen unterliegen allerdings einer eingeschränkten Genauigkeit, wie jedes physikalische Messinstrument auch. Das Unsicherheitsintervall definiert dabei einen Bereich von physikalisch verschiedenen Reizen, die wir psychologisch, d. h. im Erleben, als gleich wahrnehmen. In anderen Worten gesagt, muss z. B. eine Eiche ein Stück über unser Unsicherheitsintervall hinaus wachsen, damit wir sie als größer erleben.

Nun wird eine Eiche in der Regel nicht kleiner, aber andere Objekte können sich in beide Richtungen verändern, so dass ein Unsicherheitsintervall aus Unterschiedsschwellen (auch Ebenmerklichkeiten genannt) nach unten und oben besteht. Verändert sich ein Reiz über die Unterschiedsschwelle hinaus, dann nehmen wir diese Veränderung wahr, ansonsten nicht.

Wie sich psychisches Erleben messen lässt

Wie das Beispiel der Eiche bereits andeutet, hängt die Größe der Unterschiedsschwellen von der Größe des Ausgangsreizes ab. Muss der ebenmerkliche Reizzuwachs bei einer Eiche recht groß sein, so reicht bei einem Bonsai-Baum bereits ein kleiner neuer Ast aus, damit er als gewachsen erscheint.

Das Webersche Gesetz

Die Abhängigkeit der Unterschiedsschwellen vom Ausgangsreiz ist in einem mittleren Gültigkeitsbereich konstant und wurde von Ernst Heinrich Weber (1795-1878) im Weberschen Gesetz festgehalten:
∆S / S = k
(∆S = Veränderung eines Stimulus, S = Ausgangsstimulus, k = Konstante) 

Ernst Heinrich Weber

Fechner, dem das Webersche Gesetz bekannt war, erkannte in einer schlaflosen Nacht früh am Morgen des 22. Oktober 1850, dass Weber in gewisser Weise das "Urmeter der Psychologie" gefunden hatte: die Konstanz der Ebenmerklichkeit. Alles was nun zu tun war, ist Meter an Meter zu legen - oder psychologisch ausgedrückt - Ebenmerklichkeit an Ebenmerklichkeit, und schon lässt sich psychisches Erleben messen.

Das Fechnersche Gesetz

Aus seinen Überlegungen leitete Fechner die folgende Funktion ab, die heute als "Fechnersches Gesetz" bekannt ist:
E = c * log (S/S0)
Die Stärke einer Empfindung E ist der Logarithmus der Stärke des Reizes S bezogen auf seine Stärke an der Absolutschwelle multipliziert mit einer sinnesspezifischen Konstante c. Mit dieser Formel lässt sich für jeden Reiz das psychologische Empfinden berechnen.

Der Weber-drei-Schalen-Versuch

Der Weber-drei-Schalen-Versuch zeigt auf beeindruckende Weise, wie stark unsere Wahrnehmung durch vorherige Erfahrungen beeinflusst wird. Für die Durchführung benötigen Sie drei Schalen. Eine wird mit sehr kaltem Wasser gefüllt, eine weitere mit sehr heißem und die dritte schließlich mit Wasser in Zimmertemperatur.

Eiskaltes Händchen

Halten Sie nun bitte für etwa ein bis zwei Minuten jeweils eine Hand in die Schale mit kaltem Wasser und die andere Hand in diejenige mit dem heißen Wasser. Danach tauchen Sie beide Hände in die Schale mit dem Wasser in Zimmertemperatur. Je nachdem, ob die eine oder andere Hand zuvor im kalten oder heißen Wasser war, erleben Sie jetzt eine unterschiedliche Temperatur des zimmerwarmen Wassers.

Wenn sich der Körper an die Umwelt anpasst

Die Erklärung dieses Phänomens: Unsere Wahrnehmung der Temperatur des Wassers "adaptiert" mit der Zeit, d. h. sie passt sich an die jeweilige Temperatur an. Ausgehend von diesem neuen Anpassungsniveau erscheint das zimmerwarme Wasser dann entweder kalt oder warm. Diesen physiologischen Mechanismus der Adaptation kann man auch in einem sehr heißen Sommer bzw. einem extrem kalten Winter gut beobachten. Nach einigen Tagen extremer Temperaturen hat sich unser Körper daran angepasst.


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