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Jahrestag Oktoberfest-Attentat Die dunkelste Stunde

Ein schwarzer Tag in der Geschichte Münchens: Bei einem Bombenanschlag auf der Wiesn werden 13 Menschen, unter ihnen der Täter, getötet, 211 zum Teil schwer verletzt. Heute fand am Haupteingang zum Festgelände eine Gedenkveranstaltung statt.

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 26.09.2016 | Archiv

Oktoberfest während der Trauerfeierlichkeiten 1980 für 24 Stunden unterbrochen | Bild: picture-alliance/dpa

26. September 1980 – ein Tag mit vorbildlichem Wiesn-Wetter geht zu Ende, bald schließen die Zelte. Um 22.21 Uhr findet die bierselige Stimmung ein jähes Ende. Mit einem fürchterlichen Knall explodiert beim Haupteingang eine Bombe.

Attentäter Gundolf Köhler, 21-jähriger Student mit Kontakten in die rechtsextreme Szene

Wo zuvor noch hunderte Besucher die Theresienwiese verließen, liegen jetzt Tote und Verstümmelte, Verletzte schreien um Hilfe. In einem Umkreis von 30 Metern gibt es 211 Verletzte und 13 Tote. Unter ihnen auch der Attentäter selbst: der 21-jährige Geologiestudent Gundolf Wilfried Köhler aus Donaueschingen, der gerade durch eine Prüfung gefallen und früher Anhänger der neonazistischen, kurz zuvor verbotenen "Wehrsportgruppe Hoffmann" gewesen war. Viele Opfer werden mehrfach operiert und bleiben doch für den Rest ihres Lebens gezeichnet.

München gedenkt

Zum Jahrestag des Attentats haben Politiker, Vertreter der Gewerkschaftsjugend des DGB und Angehörige gemeinsam an die Opfer erinnert. "Es ist immer noch der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik", sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei der jährlichen Gedenkenveranstaltung. "Es ist ein barbarischer Akt, der, insbesondere was die Hintergründe und die Drahtzieher betrifft, leider immer noch nicht vollständig aufgeklärt ist." Zu dem Gedenken am Haupteingang zum Festgelände wurde erstmals der Lieferverkehr zum Volksfest eingestellt.

Die Bombe aus dem Papierkorb

Kurz nach der Explosion: Feuerwehr und Festbesucher kümmern sich um einen Verletzten.

Die Bombe mit fast 1,5 Kilogramm TNT hatte Köhler in einem Abfalleimer platziert, der an einem Verkehrsschild beim Haupteingang befestigt war – Grund dafür, dass es seither keine Papierkörbe mehr auf der Wiesn gibt. Das Oktoberfest wurde unterbrochen – für einen Tag.

Verwirrter Einzeltäter oder vernetzter Rechtsterrorist?

Wer ist verantwortlich für den schwersten Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte? Eine zeitweise 100 Beamte umfassende Sonderkommission zum Wiesn-Attentat befragte 1.800 Zeugen, kam aber zu keinem weiter reichenden Tatverdacht. Die Bundesanwaltschaft legte den Fall nach zwei Jahren zu den Akten. Köhler sei ein von einer Persönlichkeitskrise und Unzufriedenheit mit dem System getriebener Einzeltäter, lautete die Begründung.

Mitglieder der "Wehrsportgruppe Hoffmann" 1978 auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann in Ermreuth bei Nürnberg

Offizielle Version ist immer noch, dass Köhler als Einzeltäter die Bombe zündete. Bis heute gibt es jedoch Zweifel, ob er den Anschlag tatsächlich allein geplant und begangen hat. Opfer-Angehörige vermuten, dass Rechtsterroristen hinter dem Terrorakt standen. 

DDR-Spione beobachteten die rechte Szene in der BRD

Ulrich Chaussy | Bild: BR/Gerhard Blank zum Audio Ulrich Chaussy über den Anschlag "Neonazis schon zuvor im Visier der Ermittler"

Till Seiler im Gespräch mit dem BR-Journalisten Ulrich Chaussy, der sich jahrzehntelang mit dem Oktoberfest-Attentat beschäftigt hat. [mehr]

Ein neues Licht auf die Ereignisse warf 2008 Tobias von Heymann mit seinem Buch "Die Oktoberfest-Bombe". Der Autor hat Stasi-Akten gewälzt und herausgefunden, wie intensiv DDR-Spione die rechte Szene der Bundesrepublik observierten und sogar Geheimdienstaktivitäten beobachteten. Bezüge zwischen Neonazis und dem Wiesn-Attentat werden nahegelegt, Beweise fehlen allerdings. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy, der auf neue Erkenntnisse durch heutige DNA-Analyse hoffte, erfuhr von der Bundesanwaltschaft, dass die gesammelten Asservate (Verwahrstücke, die als Beweismittel dienen können) inzwischen vernichtet wurden.

Ermittlungen zu früh abgeschlossen?

Hinterbliebene und Überlebende erheben bis heute Vorwürfe: Ministerpräsident Franz Josef Strauß – in jenen Wochen Kanzlerkandidat der Union – hatte die Gefährlichkeit der rechtsextremen "Wehrsportgruppe Hoffmann" zuvor heruntergespielt und ihr Verbot durch Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) kritisiert. Jetzt brauchte die bayerische Polizei einen schnellen Erfolg. Wurden die Ermittlungen zu früh abgeschlossen? Der damalige Leiter der Mordkommission, Josef Ottowitz, sieht das anders: "Wo nichts ist, kann man auch nichts finden", meint er und vertritt damit die These vom Einzeltäter.

Unter Erfolgsdruck: der damalige bayerische Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß

Der damalige Opferanwalt Werner Dietrich dagegen glaubt fest an Aussagen von Zeugen, die den Attentäter in Begleitung gesehen haben wollen. Dietrich meint, der Anschlag könne in einem größeren Zusammenhang gestanden haben: Köhler könnte ein rechtsradikales Attentat zwei Monate zuvor auf den Bahnhof von Bologna zum Vorbild genommen haben, bei dem 85 Menschen starben. Falls sich neue Aspekte ergeben, will Dietrich den Fall neu aufrollen lassen. Das scheint nun passiert zu sein.

Neue Spur nach Freigabe der Attentat-Akten

Der BR-Journalist Ulrich Chaussy arbeitet mit dem Anwalt Werner Dietrich seit Jahren daran, die wahren Hintergründe des Oktoberfest-Attentats aufzudecken. Der Film "Der blinde Fleck" von 2014 erzählt davon. Nun gewinnt der Fall neue Brisanz: 34 Jahre hatten die Behörden die Akten zum Oktoberfest-Attentat unter Verschluss gehalten. Vor kurzem durfte sie der Anwalt nun einsehen. Seine Entdeckung bei Spur 253: Es gibt rätselhafte Versäumnisse bei den Ermittlungen.

Mahnmal erinnert an die Opfer

Seit dem ersten Jahrestag des Attentats erinnerte eine bronzene Stele des Laufener Bildhauers Friedrich Koller an die Opfer. Der Künstler hat 2008 das Denkmal neu gestaltet. Alle früheren Versuche, das Mahnmal im Wiesngetümmel zu schützen, waren fehlgeschlagen. Lieferwagen und Betrunkene hatten die Stele beschädigt. Ein Podest, eine Steinwand und ein eingezäuntes Blumenbeet sollten Sicherheitsabstand schaffen – ohne Erfolg. Das Beet wurde als Mülleimer benutzt.

Mahnmal für die Opfer des Oktoberfest-Attentats am Eingang der Wiesn

Um die Würde der Gedenkstätte am Haupteingang wieder herzustellen, wurde nach viel Hin und Her im Rathaus Koller mit der Überarbeitung beauftragt. Vom alten Ensemble ist nur die Stele übriggeblieben – und mit ihr die Inschrift zum Gedenken an die Opfer. Eine rostige, durchlöcherte Stahlwand um die Stele herum wirkt wie von einer Explosion zerfetzt. In den Boden sind 13 Stahlsplitter eingearbeitet, für jedes Todesopfer einer. "Dieser Mantel aus Stahl ist Metapher für Schutz, ja für Demokratie", erläutert der Künstler, "dieser Mantel wurde verletzt, er zeigt die Wunden."

Rechte Gewalttaten in Bayern


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