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Nach Sturz, Verletzung oder Geburt Schmerzen am Steißbein – das hilft!

Plötzlich schmerzt es im Bereich des Pos. Jede Bewegung wird zur Qual – beim Sitzen, Laufen oder auch beim Treppensteigen. Das kann am Steißbein liegen. Welche Ursachen kann das haben? Und welche Therapie kann helfen?

Von: Antje Maly-Samiralov

Stand: 13.01.2020

Steißbein-Schmerzen | Bild: picture-alliance/dpa

Das Steißbein mit der lateinischen Bezeichnung "Os coccygis" bildet den letzten Abschnitt der Wirbelsäule, gewissermaßen die Spitze. Es besteht aus drei bis sechs miteinander verwachsenen Wirbelkörpern, die von einer dünnen Knochenhaut, dem Periosten, ummantelt sind. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, entspricht das Steißbein dem knöchernen Rudiment des ursprünglichen Schwanzes.

Frauen sind häufiger betroffen – vor allem nach Geburten

Steißbeinschmerzen: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Normalerweise spürt man das Steißbein nicht. Es lässt sich auch nicht so gut ertasten wie das darüberliegende, deutlich prominentere Kreuzbein. Wenn sich der Steiß bemerkbar macht, dann meist schmerzvoll. Von Steißbeinschmerzen, sogenannten "Kogzygodynien", sind weitestgehend Frauen betroffen. Sie leiden etwa fünfmal so häufig darunter wie Männer, vor allem nach schweren Geburten.

Steißbein-Schmerzen: Alles andere als Einbildung

Privatdozent Dr. Achim Benditz hat sich auf die Diagnose und Behandlung von "Kokzygodynien" spezialisiert. Dabei hat er die Erfahrung gemacht, dass Patienten, die unter Steißbeinschmerzen leiden, häufig nicht ernst genommen werden. Mitunter wird ihnen sogar unterstellt, sich die Schmerzen einzubilden.

"Die Kokzygodynie wird als Krankheitsbild oft nicht ernst genommen, auch wenn Betroffene über Schmerzen und Beeinträchtigungen im Alltag klagen. Die Patienten haben oft eine regelrechte Odysee hinter sich, mitunter vier bis fünf Jahre. Sie laufen von Arzt zu Arzt, ohne dass sie Hilfe erfahren. Die Ursachenforschung ist oft schwierig."

Privatdozent Dr. med. Achim Benditz, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Facharzt für Allgemeinchirurgie, Orthopädische Klinik für die Universität Regensburg, Asklepios-Klinikum Bad Abbach

Auch wenn sich die Diagnosestellung schwierig gestaltet, gibt es Ursachen, die häufiger auftreten und daher ins Kalkül gezogen werden sollten.

Häufige Ursachen von Steißbein-Schmerzen

Häufig sind die Ursache Traumen infolge von Stürzen auf das Gesäß und damit einhergehende Prellungen, Stauchungen, Brüche und Haarrisse. Mitunter liegen solche Verletzungen schon Jahre zurück und machen erst viel später Beschwerden am Steißbein. Das kann beispielsweise eintreten, wenn man längere Zeit auf einem harten Untergrund sitzt. Menschen, die sehr schlank sind und nur über eine geringe Pufferfläche durch die Pobacken verfügen, können sich das Steißbein regelrecht wund sitzen.

Auch anatomische Veränderungen im Beckenraum und damit einhergehende Reizungen des Steißbeins können zu Schmerzen führen. Weil das Steißbein eng mit Strukturen des Beckens aber auch der Wirbelsäule verbunden ist, können schon geringfügige Spannungen oder Verhärtungen in diesen Regionen zu Irritationen am Steißbein führen. Darüber hinaus gibt es angeborene Fehlstellungen des Steißbeins.

Felicitas van de Weyer, Osteopathin und Physiotherapeutin aus München, weiß aus langjähriger Erfahrung, das Steißbein-Beschwerden diffus ausfallen, vor allem im Hinblick auf die Ursachenforschung. Deshalb testet sie vor Beginn einer Behandlung, wie das Steißbein des betroffenen Patienten auf Bewegung reagiert. Diese Form der Differentialdiagnostik gibt ihr Aufschluss darüber, welche angrenzenden Strukturen die Mobilität des Steißbeins einschränken.

"Das können beispielsweise Verhärtungen und Verspannungen des Beckenbodens oder der Beckenbänder sein, die mit dem Steißbein verwachsen sind. Auch Blockaden in der Wirbelsäule oder dem Iliosakralgelenk können die Beweglichkeit des Steißbeins einschränken und Reizungen an der Knochenhaut verursachen."

Felicitas van de Weyer, Osteopathin, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin, Therapiezentrum Heribert Mitsch, München

Schmerzen durch schmerzhafte Knochenhautentzündung

Die Schmerzen, die Patienten empfinden, rühren von der dünnen Knochenhaut her, die äußerst empfindlich ist. Durch mechanische Beeinträchtigung oder Überbelastung des Steißbeins kommt es zu einer permanenten Reizung der Knochenhaut, die sich infolgedessen entzünden kann.

Das Steißbein ist von einer Knochenhaut überzogen. Wird sie gereizt und entzündet sich, führt das oft zu Schmerzen.

Dass Frauen deutlich häufiger davon betroffen sind, liegt unter anderem daran, dass sich die Beckenbänder während einer Schwangerschaft lockern. Der veränderte Hormonstatus führt zu einer Laxation der Bänder und einer Absenkung des Beckenbodens, damit Platz für das heranwachsende Baby geschaffen wird. Dadurch verändert sich auch die Spannung am Steißbein, was zu mechanischen Reizungen führen kann. Im Fall einer schweren Geburt kann es passieren, dass die Steißbeinspitze regelrecht weggedrückt wird, was zu erheblichen Schmerzen für die betroffenen Frauen führt.

Durch die direkte Nähe zum Darm können selbst chronische Verstopfungen Beschwerden am Steißbein verursachen. Der permanente Druck gegen den Steiß kann die Knochenhaut auf Dauer empfindlich reizen.

Sitzring, Cortison und Schmerzmittel können helfen

Wer beginnende, noch erträgliche Steißbeinschmerzen hat, sollte jede mechanische Reizung vermeiden. Das gilt vor allem für sportliche Belastungen. Durch die Verbindung zu Bändern, Muskeln und Sehnen des Beckenraums sowie der Wirbelsäule und die extrem hohe Nervendichte in dieser Region können Bewegungen dieser Strukturen die Reizung der Knochenhaut verschlimmern. Ein Sitzring entlastet den Steiß, weil er den Druck vom Po nimmt. Die Betroffenen hängen dann gewissermaßen mit dem Steiß in der Luft, während Pobacken und Oberschenkel auf dem Ring aufliegen.

Dr. Achim Benditz empfiehlt, möglichst frühzeitig eine Behandlung mit Cortison und Schmerzmitteln einzuleiten. Diese werden idealerweise unter Röntgenkontrolle direkt am Steißbein injiziert, um den Entzündungsherd einzudämmen und die Schmerzen erträglich zu halten.

"Idealerweise macht man die Spritzen in den ersten sechs Wochen, damit keine Chronifizierung eintritt und die Patienten kein Schmerzgedächtnis entwickeln."

PD Dr. med. Achim Benditz

Wie schnell hilft welche Therapie?

Wurde die "Kokzygodynie" durch eine Überbelastung, etwa durch langes Sitzen, hervorgerufen, kann eine Entlastung mithilfe des Sitzrings sowie die medikamentöse Therapie schnelle Abhilfe schaffen. Liegen jedoch anatomische Ursachen zugrunde, etwa Verhärtungen der Beckenbänder, eine Verdrehung des Steißbeins oder anderweitige Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates, ist eine physiotherapeutische Behandlung angezeigt. Diese sollte spätestens dann einsetzen, wenn sich die Beschwerden sechs Wochen nach erstmaligem Auftreten der Schmerzen nicht verbessert haben.

Beweglichkeit des Steißbeins

Im Übergang vom Kreuzbein ist das Steißbein beweglich. Es passt sich den menschlichen Bewegungen an und klappt beispielsweise beim Hinsetzen leicht nach innen, beim Aufstehen geht es in seine Ausgangsposition zurück. Bei manchen Patienten ist das Steißbein jedoch in sich beweglich, sowohl nach innen als auch nach außen. Diese anatomische Besonderheit kann auf Dauer zu Reizungen führen.

Wann hilft eine OP?

Greifen konservative Methoden wie Physiotherapie und Schmerzbehandlung nicht, rät Dr. Achim Benditz zu einer operativen Entfernung des Steißbeins. Je nachdem, wie stark die Mobilität ausfällt, wird das gesamte Steißbein oder nur die Steißbeinspitze aus der Knochenhaut geschält. Die Knochenhaut wird danach wieder vernäht.

Dr. Benditz nutzt dafür eine Technik, bei der nicht in der Poritze, sondern in den Pobacken geschnitten wird. Damit werden Wundheilungsstörungen in einem Körperbereich vermieden, der nur schwer sauberzuhalten ist. Die allermeisten der operierten Patienten sind nach einem solchen Eingriff beschwerdefrei.


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