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Herz & Psyche Warum sich Kardiologen für die Psyche interessieren

Das Herz ist ein Symbol für die Liebe - Sitz von Gefühlen, der „Seele“ des Menschen, so heißt es seit Jahrhunderten. Riesenmissverständnis – behaupteten Mediziner dagegen: mehr als ein Muskel, der Blut pumpt, ist da nicht. Aber inzwischen sehen das auch Mediziner und Wissenschaftle etwas anders

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 13.09.2016

Lebkuchenherz mit Aufschrift: Liabs Herzl | Bild: BR

Genau da bahnt sich eine revolutionäre Wende an: Kardiologen, Psychokardiologen, Experten für Psychosomatik und Psychotherapie entdecken immer mehr Zusammenhänge zwischen dem Muskel und der Psyche. Und der Liebe…

Herz & Psyche: Wenn das Herz „bricht“ - Broken Heart-Syndrom

Dass ein Herz – und das ganz real – auch „brechen“ kann, erfuhr Eleonore Römer vor 2 Jahren. Ihr Haus war im Bau, eine stressige Zeit, dann kam ein heftiger Streit mit dem Architekten dazu- da fing ihr Herz plötzlich an, verrückt zu spielen.

"Und auf dem Weg nach Hause, wir wohnten damals nicht weit von hier, unserer Baustelle, und bis ich da ankam, hab ich ein Brennen im Hals gehabt, nicht nur im Hals sondern in der Brust, ich war ganz erschrocken."

Eleonore Römer, Broken Heart Patientin

Herz und Psyche: krankes Herz und Beschwerden ohne organischen Befund?

Obwohl sich ihr Herz zunächst wieder zu beruhigen schien, ging sie am nächsten Tag zum Hausarzt. Der machte ein EKG und schlug sofort Alarm: Verdacht auf akuten Herzinfarkt. Im Herzzentrum, in das Eleonore Römer mit dem Krankenwagen eingeliefert wurde, begannen die Kardiologen sofort, nach der lebensbedrohlichen Verengung der Herzkranzgefäße oder einem Blutgerinnsel zu suchen.

Herz und Psyche: Röntgenbild einer aufgeblähten Herzkammer. Ärzte sprechen vom Broken-Heart-Syndrom

Doch sie fanden nichts. Stattdessen sahen sie, dass die linke Herzkammer aufgebläht war wie ein Ballon – für Kardiologen ist das ein eindeutiger Hinweis auf ein „Gebrochenes Herz“. Privatdozent Dr. med. Christof Burgdorf, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie im Herz-und Gefäßzentrum Bad Bevensen, hat sich in Studien mit dem Phänomen beschäftigt – das übrigens erst seit der Einführung der modernen Herzkathetertechnik so klar diagnostiziert werden kann.

"Wir injizieren das Kontrastmittel mit dem Katheter und finden, dass im Bereich der Herzvorderwand, der Herzspitze und auch der angrenzenden Seitenwand, das Kontrastmittel sich sammelt und eben nicht aus dem Herzen ausgeworfen wird, so wie das bei einem gesunden Herzen der Fall wäre. Und das ist ein typisches Zeichen von Broken Heart Syndrom."

Privatdozent Dr. med. Christof Burgdorf, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Herz-und Gefäßzentrum Bad Bevensen

Herz & Psyche: Krankes Herz durch psychisches Trauma?

Broken Heart, das bedeutet, die Ursache für das Syndrom scheint in der Psyche zu liegen. Ein „Gebrochenes Herz“: Bei einer Studie hat Dr. Burgdorf bei nahezu jedem zweiten Fall ein psychisches Trauma in der Vorgeschichte gefunden – Stress, psychisch und körperlich.

"In der Tat glauben wir, dass es ursächlich bei diesen Patienten zu einer inadäquat hohen Ausschüttung von Stresshormonen kommt und diese Stresshormone direkt an der Muskulatur einen Schaden setzen. Den sehen wir dann in Form von so einer Ballonierung."

Privatdozent Dr. med. Christof Burgdorf, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Herz-und Gefäßzentrum Bad Bevensen

Doch es gibt noch viel zu klären. Zum Beispiel,  warum es zu 90 Prozent Frauen trifft und warum erst nach den Wechseljahren? Und wie kann man derartige Ereignisse verhindern? Fragen, die die Wissenschaft derzeit nicht beantworten kann - noch nicht.

Psychische Belastungen: Neuer Ansatz bei Diagnose und Therapie von Herzerkrankungen?

Herz und Psyche: Welche und wieviel Stresshormone sind bei psychischen Belastungen im Blut?

Ulm, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Privatdozentin Dr. med. Christiane Waller nimmt einem Soldaten Blut ab für ein Forschungsprojekt, das grundlegende Fragen zum Zusammenhang von Herz und Psyche klären soll. Ein spannendes Feld für die Forscherin, die zunächst als Kardiologin und später auch als Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie tätig war.

"Es ist wichtig, diese Zusammenhänge zwischen Psyche und Herzerkrankungen zu verstehen. Weil wir wissen durch große Studien, dass mindestens ein Drittel aller Ursachen für Herzinfarktentstehung psychosozialer Natur sind. Wir kennen nur bis heute nicht ausreichend die biologischen Mechanismen."

Privatdozentin Dr. med. Christiane Waller, Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie

Forschung Herz und Psyche: Wie wirken sich psychische Belastungen langfristig auf das Herz aus?

Aber wie kann man das messen und erforschen? Im sogenannten „Stressraum“ werden die Soldaten systematisch unter Stress gesetzt. Ein Bewerbungsgespräch und dann auch noch eine schwierige Rechenaufgabe, unter Zeitdruck, mit Publikum! Blutdruck und hormonelle Werte zeigen: Durch solche psychosozialen Faktoren lässt sich der Stresslevel sehr effektiv erhöhen, viel effektiver als mit körperlicher Belastung, wie es in herkömmlichen kardiologischen Studien bisher üblich war. Und so zeigen sich auch die Auswirkungen auf die Herzgesundheit viel deutlicher.

Herz & Psyche: Wie Herzerkrankungen und psychosoziale Belastungen zusammenhängen

Herz und Psyche: Wie funktionieren die biologischen Mechanismen?

Ein Ergebnis der Forschung von Dr. Waller: Es ist das Zusammenspiel von verschiedenen Stresshormonen, das bei Herz-Kreislauf-Patienten gestört sein könnte. Durch chronischen Stress schütten sie wahrscheinlich jahrelang große Mengen Cortisol aus, ein Hormon das entzündungshemmend wirkt, aber auch Ablagerungen in den Gefäßen fördert.

"Und irgendwann kommt es dazu, das konnten wir zeigen, und wir wissen noch nicht genau warum, dass diese Achsen, diese Cortisol-Stress Achse sich erschöpft. Und dann haben wir die Situation, dass dauerhaft unter Stress, und auch akuter Stresslast, zu wenig Cortisol ausgeschüttet wird, und dann haben sie die Situation, dann haben sie diese Fette in der gefäßwand, und zuwenig Cortisol an den Gefäßwänden und dann können solche Ablagerungen diese Plaques aufreißen und ein Herzinfarkt kann entstehen."

Privatdozentin Dr. med. Christiane Waller, Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie

Herz & Psyche: Schutzfaktor Liebe?

Aber warum werden manche trotz jahrelangem Stress nicht herzkrank? Was schützt das Herz vor Stress? Vielleicht…Liebe? Dass Menschen in stabilen Partnerschaften weniger herzkrank werden, ist bekannt.  Aber warum?

"Und da sind wir auf der Suche nach den Hormonen, die das vermitteln. Und da gibt es im Moment ein sehr heiß diskutiertes Hormon, das Oxytocin, was ein ganz wesentlicher Vermittler dieser Prozesse ist, was wir auch in unseren Forschungen vermehrt finden können."

Privatdozentin  Dr. med. Christiane Waller, Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie

Herz und Psyche: Schützt das Hormon Oxytocin das Herz?

Oxytocin, das Kuschel- oder Bindungshormon, spielt eine wesentliche Rolle in der Liebe zum Kind und zum Partner. Aber kann man aus „Liebe“ eine Therapie machen? Eine Psycho-Therapie zum Beispiel?

Herz & Psyche: Forschung für neue Therapien

Herz und Psyche: Psychotherapie bei Herzerkrankungen?

Prof. Christian Schubert, Arzt und Psychotherapeut, hat den Begriff der Psychoneuroimmunologie geprägt. Er berichtet von ersten Erfolgen einer psychotherapeutischen Behandlung von körperlichen Erkrankungen. Bei den Herzerkrankungen gibt es allerdings noch wenig Forschungen dazu, welche Therapien sinnvoll und wirksam sein könnten, um eine Linderung oder gar Heilung von Herzerkrankungen zu erreichen.

Denn die Psychotherapie hat sich bisher ja vor allem mit der Behandlung von psychischen Krankheitsbildern beschäftigt – diese Konzepte lassen sich natürlich nicht ohne weiteres auf körperliche Erkrankungen übertragen:

"Ich denke, wenn genauso viele Gelder in Forschungen gesteckt werden, wie momentan in der biochemischen, molekularbiologischen Forschung, in der reduktionistischen Forschung, wenn die nun  frei werden würden für psychosomatische oder auch psychotherapeutische Forschung, dann würden wir solche Fragen, wie kann man herzkranke Menschen langfristig psychotherapeutisch behandeln und auch heilen, sicher beantworten können."

Univ.-Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Arzt und Psychologe, Labor für Psychoneuroimmunologie, Univ.-Klinik für Med. Psychologie undPsychotherapie Innsbruck

Auch auf der Seite der Kardiologen gibt es eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Psyche. Bereits heute sind Krankheitsbilder wie zum Beispiel die sogenannte „Postinfarkt-Depression“ bei Herzinfarkt-Patienten bekannt. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat eine Arbeitsgruppe „Psychosoziale Kardiologie“ ins Leben gerufen, die sich mit der psychokardiologische Grundversorgung von Herz-Kreislaufpatienten beschäftigt.

Herz und Psyche: stabile Beziehungen schützen

Klar ist: all die Beschäftigung mit der Psyche kann einen akuten Herzinfarkt nicht heilen, aber vielleicht entstehen doch in diesem Zusammenhang irgendwann neue Ideen zur Prävention und Therapie des vielleicht sensibelsten  Muskels im menschlichen Körper.


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