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Die Gamshütte im Zillertal öffnet Ende des Winterschlafs

Was muss alles im Vorfeld passieren, damit unser Hüttenessen auf den Tisch kommt? Hüttenwirtin Corina Epp muss zum Saisonbeginn am 15. Juni die Gamshütte in den Zillertaler Alpen aus ihrem Winterschlaf wecken.

Von: Jonas Breitner

Stand: 07.06.2024

Raus aus dem Winterschlaf: Die Gamshütte im Zillertal öffnet | Bild: BR; Jonas Breitner

Freitagmittag, Ende Mai, im Zillertal: Corina Epp steht auf einem schlammigen Parkplatz, der Regen prasselt auf ihre Jacke. Um sie herum drei Helfer der DAV Sektion Otterfing und ihr Hund Fritzi. Sie haben eine Mission: Die Gamshütte aus dem Winterschlaf wecken und fit machen für die Saison. Dafür muss einiges getan werden. Ob alles klappt, weiß die 39-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Gemeinsam steigen wir auf. Der matschige Wanderweg führt an entwurzelten Bäumen vorbei. Je höher wir kommen, desto schlechter wird das Wetter. Aus Regen wird Schneeregen wird Schnee. Weiße Flocken bedecken die grünen Nadelbäume. Es ist Ende Mai und es schneit, doch die Hüttenwirtin nimmt‘s mit Humor.

Gamshütte: Eine urige Schutzhütte auf 1930 Metern

Weiter oben lichtet sich der Wald und wir stehen an einem Berghang, komplett in Weiß. Die Gamshütte liegt auf 1930 Metern. Nach einem letzten steilen Stück kommt hinter dem Hang die Hütte zum Vorschein.

Ben baut im Sauwetter einen Zaun

Zunächst müssen wir den Strom anschalten. Die Gamshütte wird zum Großteil mit Solarenergie versorgt. Doch heute ist daran nicht zu denken. Der Blick durchs Fenster offenbart: Nichts. Eine weiße Wolkenwand umgibt uns. Wir betreten den Heizungsraum – und haben Glück: Die Batterie ist noch fast vollgeladen. „Da können wir Material mit der Seilbahn hochfahren und auch einen Kaffee kochen,“ freut sich Corina.

Erster Gast, erster Schnaps

Im ersten Stock in einer gemütlichen Stube: helles Holz, eine urige Eckbank und mehrere Bilder von Frida Kahlo begrüßen uns. Wir schüren ein Feuer und stellen unsere Schuhe vor den Ofen - da kommt auch schon der erste Gast: Der Lagerhaus Toni ist vom Tal hochgestiegen, um zu sehen, ob die Hütte schon offen ist. Das wird belohnt: Für ihn gibt’s den ersten Meisterwurz-Schnaps der Saison.

Die Gamshütte in winterliche Kulisse im Mai

Nach der Verabschiedung, einem Kaffee und Zimtschnecken geht es an die To-Do Liste von Corina. Die ist lang, der Tag kurz. Wir schippen Schnee, bauen Bänke auf, saugen die Bettenlager, und fahren Material-Seilbahn. Der ehrenamtliche Helfer Ben steht am Hang im Nieselregen und versenkt einen Metall-Stab in den Boden. Das Sauwetter sieht Ben gelassen: Er sei zwar schon ziemlich nass, dafür freue er sich aber umso mehr, auf die warme Stube. Mit der Hand auf dem kalten Metallpfahl fügt er hinzu: „Am Ende des Tages sieht man, was man gemacht hat. Und die Gäste können kommen.“

Säcke voller Fäkalien in der Kläranlage

Die Schutztür wird von freiwiliigen Helfern der Sektion Otterfing abgebaut

Während sich der Tag dem Ende zuneigt, wartet die wohl undankbarste Aufgabe: Die Kläranlage muss gesäubert werden. Ben und eine weitere Helferin schlüpfen in weiße Ganzkörper-Overalls, ziehen sich Gummihandschuhe, Gummistiefel und Atemmasken an. Sie sehen aus wie Seuchen-Bekämpfer. In diesem Outfit steigen sie in eine Anlage im Hang, die aussieht wie ein Bunker.

Drinnen hängen vierzehn schwere Säcke mit Fäkalien. Die Hütte hat ihr eigenes Abwasser System. Das Abwasser fließt durch dicke Rohre in die Säcke, alle Feststoffe verbleiben dort, und trocken über den Winter aus. Die Säcke schneidet Ben mit einer Laubschere von den Rohren, schleppt sie hinaus und hievt sie in einen großen Transport-Sack. Dann werden neue Filter-Säcke eingehängt und nach einer Stunde ist es geschafft.

Ausblick auf das Tal und die Saison

In der Hütte sitzen die Helfer auf der Eckbank und lassen den Tag ausklingen. Corina pachtet die Hütte schon in der siebten Saison. Die Gamshütte hat nur 35 Schlafplätze und keine warme Dusche. Corina schätzt gerade diese Begrenzung des Hüttenlebens.

Winter im Mai

Die 39-Jährige steht am Fenster, ihr Hund Fritzi sitzt neben ihr auf der Bank. Beide Blicken in das von Wolken durchzogene Tal. Was schätzt die Hüttenwirtin am Leben hier oben? „Ich find’s schön, dass alles begrenzt ist und dass man trotzdem so viel zur Verfügung hat. Dass man da lernt, dass man gar nicht so viel braucht für so ein cooles Leben“, sagt Corina lachend.

Am nächsten Morgen geht es dann wieder an die To-Do Liste. Während die letzten Arbeiten laufen, zieht Corina Bilanz: Der Strom ist da, die Seilbahn läuft, Gas geht, und auch der Generator funktioniert. Zum Ersten Mal bei der Eröffnung gehe nichts schief: „Ich hoffe, dass die Saison einfach so weiter flutscht.“


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