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Die rätischen Inschriften am Schneidjoch Kastrie Etunu war hier

Immer wieder zieht es uns hinaus in die wunderbare Natur in den Bergen – durchatmen, den Kopf freibekommen abseits der menschengemachten Gegenden und Landschaften. In den Brandenberger Alpen gibt es dafür einige eher selten begangene Touren mit großartigem Blick auf den Wilden und Zahmen Kaiser, auf Rofan und die Isartaler Berge. Unberührte Natur, wohin das Auge blickt! Doch der erste Eindruck täuscht.

Von: Andreas Pehl

Stand: 12.07.2024

Rätische Inschriften am Schneidjoch  | Bild: BR; Andreas Pehl

Von wegen Natur pur. Die Almen hier sind seit Jahrhunderten bewirtschaftet, wer genau hinschaut, der erkennt: Fast überall hat der Mensch hier seine Spuren hinterlassen.

Waren hier vor vielen tausend Jahren die Menschen ganz ähnlich unterwegs?

In den Brandenberger Alpen wird die „jahrtausendealte Kulturlandschaft Alpen“ vielleicht noch deutlicher als anderswo in den Voralpen. Denn der Abstieg vom Schneidjoch in Richtung Gufferthütte führt an einer vergitterten Höhle vorbei, eher ein kleines Felsdach. An der Rückwand der Grotte sickert aus einem Riss im Felsen Wasser. Die rechte Wand ist über und über mit Schriftzeichen bedeckt, die an eine Art Keilschrift erinnern. Manches ist gut lesbar wie zum Beispiel Jahreszahlen, andere Teile bleiben rätselhaft. Auf einem Schild steht der Hinweis, dass es sich um Rätische Inschriften handelt. Damit kennt sich Corinna Salomon aus Wien gut aus. Die historische Linguistin hat sich auf Runen und Rätische Alphabete spezialisiert. Die Inschriften am Schneidjoch stammen von den Rätern, die in ihrer Schrift, einer Alphabetschrift, etwas in den Fels geschrieben haben. Erst in den 1990er Jahren konnte die Schrift entschlüsselt werden, durch einen direkten Vergleich mit bekannten etruskischen Inschriften aus Mittelitalien.

Europäisches Kulturgut – doch was ist das eigentlich?

Schon immer waren die Berge von einem dichten Netz an Handelsrouten zwischen dem Mittelmeerraum und Zentraleuropa durchzogen. Auf diesem Weg kam ab dem 6. Jh. vor Christus die Alphabetschrift von den Griechen über die Römer und Etrusker nach Norden. Am Schneidjoch und auch, wie erst kürzlich entdeckt, bei Oberammergau entstanden rätischen Inschriften. Doch obwohl sie lesbar sind und verstanden werden, geben sie ihre Geheimnisse nicht ganz Preis. Was wurde vor über 2000 Jahren hier in dieser Idylle in den Fels geritzt? Es sind Weiheinschriften, weshalb die Inschrift am Schneidjoch inhaltlich eher unspektakulär bleibt. Die Person, die in der Inschrift genannt ist, ist Kastrine, der Sohn von Etunu, also „Kastrie Etunu“ - ziemlich unbekannt, da im Umfeld der Grotte keinerlei Beifunde entdeckt wurden.

Der Ort gibt viele Fragen auf.

Auch die anderen Inschriften sind Doppelnamen. Waren es Hirten, die hier Zuflucht suchten und sich im Fels verewigt haben? Wiese aber konnten die rätischen Hirten schreiben? Oder war Kastrie Etunu ein Geschäftsreisender? Allerdings liegt die Höhle abseits aller bekannten Wege. Und warum ist ganz hinten, am Felsspalt, eine der Inschriften so angebracht, dass man sie nur dann gut lesen kann, wenn man aus der Tiefe des Berges durch den Spalt nach draußen blickt? War die Grotte ein lokales Heiligtum der Räter? Viele Fragen bleiben offen. Um sie zu beantworten, braucht es Geduld, viel archäologisches Forschungsglück und außerdem offene Augen bei allen, die in den Bergen unterwegs sind. Denkmalämter und Universitäten freuen sich über Meldungen neuer Felsritzungen.

Ein kleiner Hinweis am Weg.

Noch bleiben die rätischen Inschriften zwischen Gufferthütte und Schneidjoch ein faszinierendes Rätsel für Archäologen und die Bergsteiger. Nur eines ist sicher - sie erinnern daran, dass die wunderbare Natur in den Bergen auch eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft ist.


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