Kultur - Gesellschaft


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Front Deutscher Äpfel Die Rechten? Zum Totlachen!

Springerstiefel, Nazi-Scheitel, Stechschritt - wenn man die "Front deutscher Äpfel" bei einer Demo erlebt, muss man schon genau hinhören, was sie skandieren: "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft! Apfelsaft!" Ironie ist ihre Waffe gegen Rechts.

Von: Ulrike Köppen

Stand: 27.10.2011 | Archiv

Ein Demonstrant schüttelt verwundert den Kopf: Die schwarz gekleidete Gruppe, angeführt von einem Megafonträger mit schnarriger Stimme, gleicht den Rechten zwar bis aufs sauber gescheitelte Haupthaar. Statt eines Hakenkreuzes prangt auf ihrer Armbinde jedoch ein schwarzer Apfel auf rotem Grund. Moment mal, ein Apfel? Das "urdeutsche Obst", wie sie sagen, steht im Zentrum ihrer Symbolik, die sie sich von den Rechten abschauen und satirisch verfremden. Unfreiwilliger Namensgeber ist der ehemalige NPD-Bundesvize Holger Apfel.

Der "bestangezogene schwarze Block"

Die "Front deutscher Äpfel" bei einer Demonstration in Magdeburg 2009.

Erfunden hat diese "Mission gegen braunes Fallobst" der Leipziger Aktionskünstler Alf Thum. Heute ist die Front Deutscher Äpfel (FDÄ) in vielen deutschen Städten vertreten, unter anderem in München und Bamberg. Bei Nazi-Demos mischen sie sich als "bestangezogener schwarzer Block" unter die Gegendemonstranten. Ihr Slogan: "Wir sind schlau, pfiffig und frisch geduscht." Statt "Nazis raus" zu brüllen, proklamieren sie per Megafon den Weg zum Boskopismus gegen das Weltbananentum. Damit übertönen sie nicht nur die Rechten, sondern sorgen auch bei den Gegendemonstranten für ausgelassene Stimmung. Ihre Botschaft: Über Nazis darf man auch lachen.

Storch Heinar und ein Waschwunder

Storch Heinar wurde bald zum allgegenwärtigen Symbolbild gegen Rechts.

Satire gegen Rechts hat Tradition und die FDÄ reiht sich unter große Namen ein, etwa Charly Chaplins "Der große Diktator" und Helge Schneiders Hitler-Satire. Diese Protestform lebt derzeit neu auf. Die Initiative Endstation Rechts hat mit ihrem Storch Heinar einen echten Marketing-Coup gelandet. Der zerzauste Vogel mit Stahlhelm und Hitlerbärtchen ist die satirische Verdrehung der Modemarke Thor Steinar, die unter Rechten beliebt ist. 2010 musste sich das Nürnberger Landgericht mit einer Klage gegen diese angebliche Verballhornung auseinandersetzen und gab den Erfindern der Satirestorchs Recht. Seither lebt Storch Heinar auf vielen Kapuzenpullovern, T-Shirts und Tassen weiter und hat sogar einen Kumpel dazugewonnen: Bennito Storcholini.

Die Nazi-Aussteigerorganisation Exit hat in diesem Sommer ein weiteres Kapitel in der Marketinggeschichte gegen Rechts geschrieben: Bei einem Konzert der Nazi-Szene wurden kostenlos sogenannte Trojaner-Shirts verteilt, deren rechte Slogans nach dem ersten Waschen verschwanden. Sichtbar wurden dafür die Kontaktdaten von Exit zusammen mit der Aufforderung, auszusteigen.

Ernste Themen, ernste Mienen?

Immer schon wird unter linken Organisationen um die richtige Protestform gegen Rechts gerungen: Ulli Jentsch von der Antifa-Organisation Apabiz etwa verwahrte sich in einem Interview gegen zuviel Ironie: "Wenn man die Rechtsextremen nur verharmlost, wird man ihnen nicht gerecht." Diese Gefahr befürchtet der Münchner Protestforscher Daniel Habit für die Obst-Aktionen der FDÄ nicht: "Verharmlosend ist es immer nur dann, wenn man die Satire nicht erkennen kann. Und wenn man genau hinsieht, kommt die Botschaft mehr als deutlich rüber."

"Bei jeder Art von Demonstration geht es zunächst darum, Sendezeit zu bekommen."

Protestforscher Daniel Habit

Pop-Kultur statt Straßen-Demo

Böse-Buben-Blicke: der Bamberger Gau der FDÄ

Habit sieht in kreativen Protestformen einen klaren Trend: "Die klassische Straßen-Demo hat an Reiz verloren hat. Jetzt kann man sehen, wie all diese Protestgruppen auf den Zug der Postmoderne und der Pop-Kultur aufspringen." Und das ist medienwirksam: "Die Front deutscher Äpfel liefern mit einem relativ geringen Personenaufwand gute, kritische Bilder. Sie haben sich sehr gut positioniert auf dem Markt der Aufmerksamkeiten."

Daniel Habit

Daniel Habit unterrichtet am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universtität München. Im April 2011 hat er dort das Forschungskolloquium "Dagegen! Formen und Funktionen von Widerständigkeit und Protest" organisiert.


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