BR Heimat


22

2015 Glocken läuten die Weihnacht ein

Wer offenen Sinns und - gerade zu Weihnachten - offenen Herzens dem Glockenklang nachspürt, dem wird dessen ernste Schönheit zur heiligen Musik. Auch wenn er als Selbstverständlichkeit des Alltags von vielen nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, geht es dabei doch um ein Faszinosum:

Von: Georg Impler

Stand: 24.12.2015 | Archiv

Ein Gebilde von Erz und Feuer steigt aus Lehm, Staub, Glut und Lärm und besitzt auf einmal die unerklärliche Macht an unseren tiefsten Seelengrund zu rühren. Und gerade in der Weihnacht, wer kann sich da dem frommen Zauber des "tiefen Summens und des hellen Tons" verschließen? Manche Menschen erkennen am Glockenklang sogar den Meister.

Meisterglocken aus fünf Jahrhunderten

Vor 870 Jahren wurde im Kloster Niederaltaich Bayerns älteste Bronzeglocke gegossen. Sie hängt im Pfarrkirchturm von Iggensbach, im Landkreis Deggendorf. Vor zwei Jahren hat Rudolf Perner in Passau den Glockenguss eingestellt. Seitdem sind im Freistaat keine Kirchengeläute mehr entstanden. Zum Heiligen Abend 2015 erklingen nun Meisterglocken aus fünf Jahrhunderten. Sie läuten aus Türmen in Augsburg, Berchtesgaden, Freising, Landshut, Rothenburg ob der Tauber, Rosenheim, Scheyern und Aldersbach.

Glocken zur Weihnacht 2015

Freising

Das Geläut des Freisinger Doms, das wir gerade hören, ist mit neun Glocken das größte erhaltene Renaissancegeläut der Welt. Gegossen hat es Wolfgang Steger d. Jüngere in der zweiten Jahreshälfte 1563. Sofort nach dem Turmbrand vom 15. Juni war vom Freisinger Bischof Moritz von Sandizell an den Münchner "Büchsenmeister" und Glockengießer Steger der damals wohl größte Auftrag seiner Zeit ergangen. Vielleicht ein bisschen zu groß, sagen überkritische Campanologen. Es sei nämlich ein Fehler passiert: die "Viererin" und die "Fünferin" klingen trotz ihres Gewichtsunterschieds von 300 kg beide auf g eins. Sowas geht natürlich gar nicht. Dafür aber gilt seine fast drei Tonnen schwere Sigismundglocke als eine der besten des 16.Jahrhunderts.

Berchtesgaden

Das fünfstimmige Geläute in den Türmen der Stiftskirche St. Peter und Johannes in Berchtesgaden wurde 1597 von Martin Frey in München gegossen. Die seit 1578 in Kempten nachweisbare Stücke- also Kanonengießer-Familie siedelte Ende des 16. Jahrhunderts nach München über, wo Martin Frey unter Wilhelm V. dem Frommen, zum herzoglichen Hofgießer aufstieg.
Wenn seine Glocken auch kaum jemand zu Gesicht bekommt, eines seiner bedeutendsten Werke kennt fast jeder, der einmal durch die Münchner Neuhauser Straße gegangen ist: Die gewaltige Bronzestatue des Erzengels Michael als Sieger über den Satan. Sie steht zwischen den beiden Portalen der Michaelskirche. Martin Frey goss sie 1588 nach dem Modell des Brabanter Renaissancebildhauers Hubert Gerhard.

Rothenburg

Das einzigartige, sechststimmige Glockenensemble in St. Jakob von Rothenburg ob der Tauber entstand mitten im Dreißigjährigen Krieg und hat alle Fährnisse der Zeit überstanden.
Gegossen haben es zwei Lothringische Wandergießer namens Petrus Bulevilius und Caspar Delson in den Jahren 1626/27 wahrscheinlich vor Ort.

Landshut

Die Stiftsbasilika St. Martin in Landshut besitzt mit ihren insgesamt 11 Glocken einen einzigartigen Querschnitt durch die Glockengeschichte des 13. bis 18. Jahrhunderts. Dabei gilt das von Johann Lorenz Kraus 1766/67 in München geschaffene, fast 15 Tonnen schwere Trio von Propst-, Dechant- und Pfarrglocke als einzigartig. Johann Lorenz Kraus, war ein Münchner Stücke- und Glockengießer, über den kaum etwas bekannt ist. Umso mehr rühmen ihn seine Schöpfungen.

Augsburg

In der Bischofsstadt Augsburg besitzt nicht der Dom das stattlichste Glockenensemble sondern die Basilika St. Ulrich und Afra. Der 1594 vollendete, 93 Meter hohe Afraturm war der erste Bayerns mit einer Zwiebelhaube.
Das zehnstimmige Monumentalgeläut wird angeführt von fünf Glocken, die alle im Jahr 1948 von Kuhn Wolfart in Lauingen  gegossen wurden. 1892 hatte Georg Wolfart, der das Handwerk, bei seinem Vater in Kempten erlernte, die Gießerei im Landkreis Dillingen gegründet und 1936 seinem Schwiegersohn Wilhelm Kuhn übergeben. Nach dessen Tod 1955 wurde der Glockenguss eingestellt.
Unter Wilhelm Kuhn sollen an die 900 Glocken gegossen worden sein.

Rosenheim

Die sechs von Karl Czudnochowsky 1947 in Erding gegossenen Glocken der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Rosenheim stehen für eine aus der Not geborene Innovation der Erdinger Gießerei. Czudnochowsky, der 1923 als junger Geselle seinem Onkel beim Guss der legendären 24 Tonnen schweren Kölner Petersglocke half, schuf zwischen 1936 und 1971 eine große Zahl süddeutscher Geläute. Nicht wenige davon hat er - wie die in Rosenheim - in einer Sonderlegierung aus Kupfer und Zink  gegossen, weil Zinn damals sehr teuer und kaum zu bekommen war. Doch klingen diese "Czudy-Glocken" nicht trotzdem sehr schön?

Scheyern

Und nun die grandiosen Glocken von Kloster Scheyern, gegossen 2009 von Rudolf Perner in Passau. Die Grundglocke trägt den Namen Christus Salvator, ist mit e null die tontiefste Bayerns, wiegt 10 Tonnen und führt den insgesamt vierzehnstimmigen Glockenchor an. Die Perner waren eine alteingesessene Budweiser Glockengießer Familie, die 1946 in Passau eine neue Gussstätte einrichtete und bald zu den bedeutendsten Glockengießern ganz Süddeutschlands zählte. Keine der sieben bayerischen Bischofskirchen, in deren Türmen nicht Perner Glocken mitläuten würden.
2013 hat Rudolf Perner den Glockenguss aufgegeben. Sein letztes Meisterwerk schallt seit August vom Turm der prächtigen Asamkirche Mariä Himmelfahrt in Aldersbach und ruft  heute mit volltönend, weichem Klang zur Weihnacht im Passauer Land. Täuscht es oder klingt etwas Wehmut mit?


22