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Generator Podcast Cancel Culture funktioniert - aber sie trifft die Falschen

Wurden Lisa Eckhart, Dieter Nuhr und J.K. Rowling gecancelt? Wenn ja, dann nicht besonders gut - sie sind immer noch überall zu hören. Aber was passiert, wenn die geballte Wucht von Social Media auf Menschen trifft, die sich nicht wehren können?

Von: Aylin Dogan & Gregor Schmalzried

Stand: 11.09.2020

Emmanuel Cafferty ist 47, und er hatte noch nie einen Job, der ihm wirklich gefallen hat. Bis er bei SDG&E angefangen hat, einem Versorgungsbetrieb in San Diego, Kalifornien. “Der Job ist gut bezahlt”, sagt er, “und die Arbeitszeiten passen”. Als er ihn bekommen hatte, hat seine ganze Familie gefeiert. Heute ist er arbeitslos - er wurde Anfang Juni entlassen.

Warum hat Emmanuel Cafferty seinen Job verloren?

Der Tag, auf den es ankommt, war kurz nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten. Die USA waren im Aufruhr, “Black Lives Matter”-Demonstrationen säumten die Straßen, durch die Cafferty in seinem Truck fuhr. Aus dem Fenster seines Trucks hielt er seine linke Hand. “Ich hab es mir angewöhnt, die Finger meiner linken Hand auszustrecken, wenn ich fahre”, erklärt Cafferty im Interview. “Meine Arbeit kostet Kraft, und manchmal sind meine Hände etwas angespannt. Ich halte also meine linke Hand aus dem Fenster und dehne meine Finger ein bisschen.”

Mit seiner Hand macht Emmanuel Cafferty also ein Zeichen: Ein mit Zeigefinger und Daumen geformter Kreis - im Tauchsport bedeutet das “OK”. Das Ganze war nicht einmal bewusst, sagt Cafferty. Doch ein anderer Fahrer auf der Straße hält das Zeichen für Absicht. “Und dann kommt dieser Typ”, erzählt Cafferty, “Er schreit mich an ... und macht ein Foto von mir. Und dann zeigt er mir das Zeichen mit der Hand, das ich als das OK-Zeichen kenne. Und er sagt ‘Das machst du also, Arschloch?’ Ich habe keine Ahnung, was er meint.”

Überzeugt, gerade einen Rassisten geoutet zu haben

Was der Fahrer meint, schreibt er kurz darauf auf Twitter: In bestimmten eingeweihten Kreisen ist das “OK”-Symbol mittlerweile nämlich ein heimliches Zeichen von Rassisten, um “White Power” zu signalisieren. Die meisten Menschen kennen diese angebliche Bedeutung des Zeichens nicht. Auch Emmanuel Cafferty sagt, dass er sie nicht kannte. Aber der Mann, der Caffertys Geste fotografiert und kurz darauf auf Twitter gestellt hat - der ist überzeugt, gerade einen Rassisten geoutet zu haben.

Dann geht alles sehr schnell. Mehrere Twitter-Accounts stürzen sich auf das Foto, verbessern sogar die Qualität, damit man Caffertys Gesicht erkennen kann. Nachrichtenkanäle werden verlinkt, und dann auch Emmanuels Arbeitgeber SDG&E. Ein paar Tage später wird Emmanuel Cafferty ins Büro seines Vorgesetzten zitiert und ihm wird mitgeteilt, dass er entlassen ist. Wenn Cafferty die Geschichte heute erzählt, ist er hörbar angespannt. Er habe gefragt, mit welcher Begründung man ihn entlasse. Die Antwort, laut ihm: “Irgendetwas über den Verhaltenskodex in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung.”

Vorwurf der "White Supremacy" - Cafferty hat mexikanische Wurzeln

Und der absurdeste Teil der Geschichte? Emmanuel Cafferty, der angeblich an “White Supremacy” - die Vorherrschaft der “weißen Rasse” glauben soll, kommt nämlich aus einer mexikanisch-amerikanischen Familie. “Der Mann, der das Foto gemacht hat”, sagt Cafferty, “ist weiß. Die zwei Leute auf Twitter, die so einen Druck gemacht haben, die sind beide weiß. Die Leute, die bei SDG&E für die Untersuchung verantwortlich waren, die waren alle weiß. Die einzige Person in dieser Geschichte, die nicht weiß ist, bin ich. Und ich bin der, dem White Supremacy vorgeworfen wird!”

Emmanuel Cafferty reiht sich ein in eine immer längere Liste von Fällen, in denen Menschen in den USA wegen angeblich politischer Äußerungen ihren Job verlieren. Ein anderes Beispiel ist David Shor, ein Datenanalyst aus Chicago. Er hatte während der George Floyd-Ausschreitungen den Link zu einer alten wissenschaftlichen Studie auf Twitter gepostet, die friedlichen Protesten mehr politischen Erfolg zurechnete als gewalttätigen. Der Tweet wurde als Kritik an der “Black Lives Matter”-Bewegung aufgefasst, David Shor wurde entlassen.

Überstürzte Entscheidungen - Menschen verlieren ihre Jobs

Solche Fälle lassen erst einmal auf einen schlechten Kündigungsschutz schließen. Aber sie zeigen auch, wie sich manche Unternehmen im Jahr 2020 ständig dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt sehen - und wie das dazu führen kann, dass überstürzte Entscheidungen getroffen werden. Emmanuel Cafferty und David Shor haben beide ihre Jobs nicht zurückbekommen, vielleicht hätten sie das, wenn die mediale Aufmerksamkeit größer gewesen wäre. Aber niemand interessiert sich für unbekannte Truck-Fahrer und Datenanalysten. “Ich bin gecancelt worden”, sagt Cafferty. “Und ich finde es komisch, wenn Leute sagen, dass Cancel Culture nicht existiert. Ich bin der lebende Beweis, dass es sie gibt.”

Stattdessen im Rampenlicht, wenn es um Cancel Culture geht? Comedians wie Lisa Eckhart und Dieter Nuhr, Prominente wie J.K. Rowling und der YouTuber PewDiePie. Menschen, die für verschiedene Aussagen reichlich Kritik eingesteckt haben. Aber sind sie wirklich gecancelt - abgeschafft? Wohl kaum. Sie geben weiter Interviews, landen in Talk-Shows, haben auf Social Media eine große Reichweite.

Geschichten wie diese sollten nicht zum Normalfall werden

Wenn man sich diese Promis ansieht, dann liegt der Verdacht nahe, dass Cancel Culture vielleicht gar nicht existiert oder nicht richtig funktioniert. Aber es gibt Beispiele, die zeigen, dass sie es eben doch tut - nur eben bei denen, die nicht in Talk-Shows eingeladen werden und keine große Followerzahl auf Social Media haben. Wie viele Unternehmen und Organisationen in den letzten Jahren Menschen entlassen, ausgeladen oder suspendiert haben, weil sie Angst vor öffentlicher Kritik hatten, lässt sich kaum feststellen. Das ist das Problem mit den Fällen, die keine Schlagzeilen machen. Aber Geschichten wie die von Emmanuel Cafferty sollten nicht zum Normalfall werden.

Wie hat sich das Phänomen “Cancel Culture” entwickelt? Warum stellt sie für Prominente in der Regel keine Gefahr dar? Und warum werden meist nur Attacken von links als Cancel Culture verstanden, nicht aber die von rechts? Damit beschäftigt sich “Die andere Cancel Culture - Von den unbekannten Opfern der sozialen Medien”, eine Zündfunk Generator-Sendung von Aylin Dogan und Gregor Schmalzried. 

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