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"Home" Romare baut afro-amerikanischer Geschichte ein akustisches Denkmal

Einst übermalte der US-Künstler Romare Bearden Zeitungs-Ausrisse mit Ölfarbe. Dieser Tradition folgt auch House-DJ Romare, alias Archie Fairhurst. Mit seinem neuen Album "Home" schafft er afro-amerikanischer Geschichte ein akustisches Denkmal.

Stand: 10.08.2020 13:30 Uhr

Der Resident Advisor überschlägt sich fast. "Gone" sei ein fesselndes und cineastisches Acht-Minuten-House-Stück, jubelt die Seite über den Vorabsong zum neuen Romare-Album. Es heißt "Home", und damit schließt sich ein Kreis. Denn Romare ist nun selbst Vater geworden. Und es war die CD-Sammlung seines Vaters, die ihn überhaupt erst auf Musik gebracht hat.

Romare sampelt die amerikanische Kulturgeschichte

Archie Fairhurst hat erst Blues und Jazz und Soul entdeckt und dann gemerkt: das ist ja fast alles Musik aus den USA. Er studierte amerikanische Kulturgeschichte – im Lehrplan unter anderem die Gedichte von Amira Baraka, dem afro-amerikanischen Poeten und Musikkritiker. Im Laufe des Studiums bemerkte Archie dann, dass die meisten Musik-Genres, die er mochte, afro-amerikanisch geprägt sind. Ein schwarzer US-Künstler hat ihn dabei besonders fasziniert. Also sampelte er dessen Vornamen für seine ersten eigenen Tracks: Romare.

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Romare - 'Sunshine' (Official Audio) | Bild: Romaremusic (via YouTube)

Romare - 'Sunshine' (Official Audio)

Aus Altem wird Neues

"Es macht mir große Freude, etwas Altes aus seinem Kontext zu reißen und damit zu spielen, es mit Etwas zu verbinden, das aus einer ganz anderen Zeit stammt", sagt er. Er habe schauen wollen, ob es andocken kann. "Mein Ziel ist es, Altes so zu sampeln, dass es wie etwas Neues erscheint."

Romare Bearden war ein bedeutender afro-amerikanischer Maler, Collagen-Künstler und manchmal auch Musiker – ein Chronist des schwarzen Amerikas und des Jazz. Das letzte Album von The Roots hat beispielsweise ein Bearden-Bild als Cover. Romare, der weiße britische House-Produzent hat ein Faible für Altes, für Geschichte, er will Zusammenhänge erforschen.

Archie Fairhurst hätten afroamerikanische Geschichte und Musik schon immer interessiert, sagt er. "Musik ist ja Geschichte. Ich bin immer neugierig, woher sie kommt. Ob es nun eine Oper ist oder indonesische Gamelan-Musik oder Karnevalsklänge aus Südafrika – Musik entsteht immer aus einem gesellschaftlichen Grund heraus." Man könne aus der Geschichte auch für die Zukunft lernen.

"Home" ist auch eine Hommage an die afro-amerikanische Vergangenheit

Im Interview zum ersten Album sagte uns Romare noch, dass er versucht, seltene Sounds zu samplen. Nichts, was man bei iTunes, YouTube oder in Plattenläden findet. Am liebsten verarbeitet er seltene Field Recordings. Oder unveröffentlichte Studio-Mitschnitte: Atmen, Klatschen, Fußstampfen, einzelne Worte. Musik sei Magie.

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Romare - 'The River' (Official Audio) | Bild: Romaremusic (via YouTube)

Romare - 'The River' (Official Audio)

 "Für diese Art von Stimmungs-Spannung hab ich eine Schwäche. Sampling ist ein wichtiger Teil der heutigen Musik. Man kann dadurch prima Ohrwürmer erzeugen." Und genau das, sagt Romare, sei doch das Ziel vieler Musiker: die Zeit zu besiegen.

Im Vergleich zu den beiden Vorgänger-Alben hat Romare auf seiner dritten Platte mehr eigene Instrumente eingebaut: sein altes Kinderschlagzeug aus den 90ern und die 12-saitige Gitarre des Vaters. Da schließt sich der Vater-Sohn-Kreislauf wieder. Dafür gibt es erste Stücke ohne Samples. Und auch ohne Uptempo-Dancehallfloor-Euphorie. Doch die Hits der Platte, "Sunshine" oder "The River" zeigen uns weiter eines: Schwärzer kann der House-Sound eines Weißen eigentlich nicht klingen. Und Romare macht das voller Respekt.


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