Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Bayern genießen Boden genießen im März

Wenn im Märzen der Bauer den Bulldog anlässt, dann sind sie endgültig vorbei, die vielfältigen Fest- und Feiertage des Winters. In diesem Sinn, wollen wir unsere heutige Sendung angehen, in der wir auf höchst genussvolle Art bayerischen Boden beackern:

Von: Gerald Huber

Stand: 02.02.2018 | Archiv

Die Themen von Bayern genießen im März

Redaktion und Regie: Gerald Huber

Was den Gäuboden ausmacht

Der Gäuboden zur Zeit der Rübenkampagne

Unser Wort Gau oder Gäu wie in Gäuboden geht auf die jahrtausendealte Sprache der allerersten Bauern zurück. Dort bezeichnet die Wurzel gau-, geu- oder keu- immer etwas Schwellendes, Wölbendes Das Gau oder Gäu ist also das Land, das Bauernland, ein schwellender Boden, ein Boden, auf dem was wächst, der fruchtbar ist. Wenn man jemandem ins Gäu geht, dann schädigt man ihn dort, von wo er Gewinn ziehen kann. Im engeren Sinn bedeutet Gäuboden aber den besonders fruchtbaren Lößboden, wie er während der letzten Eiszeit aus feinsten Gesteinspartikeln entstanden ist, die der Wind in Jahrtausenden vom Gebirg gefeilt, hat, um sie schließlich an den Uferhängen der großen Flüsse abzulagern.

Gäuböden gibt es an jedem unserer großen Flüsse im Land. Der sprichwörtliche Gäuboden im engsten Sinn ist aber die die Gegend südlich der Donau so grob von Regensburg bis hinunter nach Vilshofen: Hier, in der Kornkammer Bayerns, leben Bayerns reichste Bauern. Und das Herz dieser Kammer ist Straubing, die Stadt, die sich selbst Gäubodenmetropole nennt. Vor genau 800 Jahren ist sie gegründet worden – als Quelle sprudelnder Einnahmen der bayerischen Herzöge.

Und den Unterschied zwischen, sagen wir einmal, Erdäpfeln aus dem Gäuboden oder aus dem Donaumoos kann man schmecken.

Ein wahrer Wunderboden - Terra Preta aus Oberfranken

Gut möglich, dass auch der Name der griechischen Erdgöttin Gaia mit dem Gäu zusammenhängt. Gaia war ja in der Antike für die schwellende Pracht der Blüten und Pflanzen verantwortlich. Und schon den allerersten Bauern war klar, dass Gaia, wie launische Göttinnen halt so sind, nicht jedem Besitzer von Grund und Boden die gleiche Freude macht. Deswegen haben sich schon vor Jahrtausenden Menschen überall auf der Welt drangemacht, den Boden zu verändern, zu verbessern. Wie intensiv das geschehen ist, ist Forschern vor rund hundert Jahren zum erstenmal in Südamerika aufgegangen.

Wie stark, oft bis zur Unkenntlichkeit, sich einzelne Wörter beim Entstehen unserer heutigen Sprachen innerhalb langer Zeit verändert haben, das zeigt das Beispiel Boden ziemlich deutlich: Boden geht zurück auf die mindestens siebeneinhalb Jahrtausende alte Wurzel bhundos, Grund, Boden. Im Lateinischen wurde daraus das gleichbedeutende fundus. Auch unser heutiges deutsches Wort Bühne hängt damit zusammen. In manchen Gebieten sagt man ja bekanntlich zum Dachboden Bühne. Auch das norddeutsche Buddeln = Graben gehört hierher, genauso wie das englische bottom. Die Bedeutungsaspekte aber sind überall die gleichen: Der Boden ist die Grundlage von etwas – meistens eine flache, ebene Angelegenheit. Ergibt sich irgendwo im Gebirg eine ebene, fruchtbare Fläche, so wird auch sie als Boden bezeichnet. Der Große Ahornboden im Karwendel zum Beispiel. Daran sieht man: Stein, Fels haben schon unsere Vorfahren, die ersten Bauern, als etwas empfunden, was den Boden gewissermaßen stört. Ganz besonders, wenn es sich um eine solche geologische Besonderheit handelt wie den Pfahl, eine riesige Quarzader, die den ganzen bayerischen Wald durchzieht. Am schönsten sieht man den Pfahl in Viechtach. Dort hat er es zu einer richtigen Touristenattraktion gebracht.

Übrigens: Der Pfahl ist über 150 Kilometer lang. Von Freihung bei Schwarzenfeld im Landkreis Schwandorf über Ried am Pfahl bei Cham bis nach Passau und weiter nach Oberösterreich. : Die Faszination des Weins und seines Terroirs. Ganz besonders unser Frankenwein war ja schon immer berühmt, für seinen im besten Sinn erdigen Geschmack.

Das Terroir des Frankenweins

Bodenhaftung zu haben, sich mit der Erde verbunden zu fühlen im Hier und Jetzt und sich zu diesem Zweck am Wein und seinem terroir zu laben, da gibt’s bekanntlich nix Besseres. Das Leben ist, wenn man so will, ein ewig redundantes System, das sich beim Essen und Trinken gewissermaßen selbst verzehrt. Das wissen auch die fröhlichen Zecher in Goethes Faust, die beim exzessiven Weingenuss in Auerbachs Keller intuitiv ausrufen.

Schnauzen am Boden - Die Eichelschweine von Immenstadt

Eichelschweine bei Immenstadt

Nicht nur der Kannibalismus, sondern auch die Tatsache, dass die paar Studenten sich gleich wie 500 Säue fühlen – alles ist bei Goethe wohlüberlegt und hat seinen Grund. Denn es gibt kaum ein anderes Tier, das wie das Schwein nicht nur vom Boden lebt, sondern gleichzeitig auch drin. Schweine zum Beispiel suhlen sich im Dreck und brechen den Boden auf, um an die Larven, Wurzeln oder Würmer drin zu kommen. Von Wildschweinen kennt man das ja und auch domestizierte Schweine haben das Umgraben noch im Blut. In Immenstadt im Oberallgäu gibt es seit Oktober ein Projekt, das Schweinen ihren geliebten Boden zurückgibt: In einem Eichenwald können sie den ganzen Tag suhlen und fressen:

Im Nürnberger Reichswald gibt es Deutschlands ältesten Bodenlehrpfad

Egal ob Tier oder Mensch – Tatsache ist, dass uns Erdgeborene nichts glücklicher zu machen scheint, als der enge Kontakt mit unserer Mutter, der Erde, dem Boden der Tatsachen. Jetzt im März ist es zwar noch nicht ganz Zeit, sich ausgestreckt ins Gras zu legen – den Boden unter die Füße nehmen, das kann man aber bereits bestens. Besonders interessant ist das auf einem sogenannten Bodenlehrpfad. Dort laden verschiedene Stationen dazu ein, die Erde zu begehen, mit Hand und Fuß zu durchwühlen und dadurch die Boden-Beschaffenheiten näher kennenzulernen. Und wie bei den Schweinen beschränkt man sich da nicht bloß drauf, was auf dem Boden ist. Es geht sogar viel mehr um das, was sich drunter befindet. Auf dem ältesten Bodenlehrpfad Bayerns im Nürnberger Reichswald zum Beispiel.

Bodenständig zu bleiben ist gar nicht so einfach, in Zeiten, die geeignet sind, uns immer wieder den Boden unter den Füßen verlieren zu lassen. Entweder buchstäblich auf unseren Flugreisen oder im übertragenen Sinn, weil uns das Althergebrachte nicht mehr gut genug ist, wir ständig das Neue suchen. Doch was gibt’s Schöneres, als auf dem Boden und im Land zu bleiben und sich redlich zu nähren, wie das Sprichwort sagt. In einem Wirtshaus. Es muß ja nicht einmal Schweinsbraten von Allgäuer Eichelschweinen mit fränkischem Wein im Angebot sein. Es würd auch schon langen, ein gemütliches Wirtshaus vom alten Schlag zu finden. Eines, in dem man sich auf Anhieb wohlfühlt. Die sind nämlich leider selten geworden. Es gibt physiologische Studien die zu dem Ergebnis kommen, dass Holz auf die Stimmung des Menschen eine positive Wirkung hat. Während das Berühren von kühlem Plastik, Stein oder Aluminium Stressreaktionen im Körper auslöst, vermittelt eine Raumausstattung aus Holz Geborgenheit und Natürlichkeit und senkt den Blutdruck. Vielleicht hätte man die Forscher nur in zwei verschiedene Wirtshäuser schicken müssen. In eins mit einem heutzutage üblichen Fliesen- – und in eins mit einem Holzboden. Die Erkenntnis wär vermutlich die gleiche gewesen.

Guter alter Boden im Wirtshaus

Ja, Gottseidank gibt es Leute, die bodenständig bleiben und sich vom ständigen Wind des Zeitgeists nicht umwacheln lassen. Leute, die Schweine wieder auf die Weiden schicken, die Wein handwerklich herstellen, Leute wie die Gäubodenbauern, die den Boden pflegen und in Ehren halten, den unzählige Generationen vor ihnen schon bebaut haben, Leute, die die Schönheit des Lebens im eigenen Garten mit Händen greifen wollen oder sich einfach zu Fuß aufmachen zu den kleinen und großen Schönheiten, die unser schönes bayerisches, fränkisches und schwäbisches Land zu bieten hat.


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