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Das Thema Ostern und das jüdische Pessachfest

Von Judas Iskariot erfahren wir im Neuen Testament recht wenig. Seine Berufung wird nicht direkt berichtet. Allerdings gibt es in den drei synoptischen Evangelien Apostellisten, in denen die Namen der Zwölf aufgezählt werden. Jedesmal wird Judas als Letzter genannt, und jedes Mal steht der Zusatz dabei, dass dieser Jesus verraten wird. Diese Tat prägt das Bild des Apostels Judas seit 2000 Jahren.

Stand: 31.01.2018 | Archiv

Haggadah-Lesung am Sederabend | Bild: picture-alliance/dpa

Die ganze Familie kommt zusammen und die Kinder fragen ihren Vater am Tisch stets dieselbe Frage auf Hebräisch: "Ma nischtanā haláila hasé me kol haleílot?" Auf Deutsch: Was unterscheidet diese Nacht von allen andern Nächten? Der Vater antwortet besonders inbrünstig, fast singend: "Einst waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten. Aber der Ewige, unser Gott, führte uns von dort heraus mit starker Hand und ausgestrecktem Arm."

Gottes starke Hand

Dieser "starken Hand" Gottes gedenken Jüdinnen und Juden noch heute einmal jährlich, wenn sie das Pessachfest, auf Griechisch Passah, feiern. Dann erinnern sie sich an die Zeit, als ihre Vorfahren noch Sklaven am Hof des ägyptischen Pharaos waren. Nach Ägypten, verschlug es das Volk Israel, als Jakobs Sohn Josef einst zum Traumdeuter des Pharaos wurde. Irgendwann sterben Pharao und Josef, und die Nachfolger des ägyptischen Herrschers lassen Josefs Enkel und Urenkel immer mehr Sklavenarbeit am Hof verrichten. Irgendwann wird die Bedrückung in Ägypten so groß, dass nur noch Gott helfen kann.

Die Zehn Plagen

Der Gott Israels sendet dem neuen Pharao eindeutige Zeichen, auf dass er Israel aus Ägypten ziehen lasse: Erst verwandelt er alle Gewässer in Blut, dann lässt er Frösche, Stechmücken und Heuschrecken kommen – doch die zehnte Plage ist die schlimmste: Eines Nachts zieht Gottes Todesengel durch Ägypten und tötet alle Erstgeburten. Nur die Kinder Israels verschont er, denn die hatten in Ägypten erstmals das Pessachfest gefeiert und ihrem Gott dabei auch ein Lamm geschlachtet. Dem Moses sagt Gott, was Israel mit dem Blut des Tieres machen solle: „Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, an denen sie’s essen, und sollen das Fleisch essen in der selben Nacht, am Feuer gebraten und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.“ Das Lammblut an den Türrahmen ist Gottes Todesengel ein Zeichen: Die Häuser, deren Türrahmen mit Lammblut bestrichen sind, werden verschont. Daher auch der Name des Pessachfests, heißt Pessach doch so viel wie „Verschonung“, „Vorübergang“. Israel flüchtet nach der zehnten Plage aus Ägypten. Bei diesem Exodus ist Gott immer dabei.

Pessach: Erinnerung an Rettung und die Bedrückung zuvor

Bäcker mit ungesäuertem Brot, dem Mazzot

Dieses Erlebnis hinterlässt tiefe Spuren im Gedächtnis der Jüdinnen und Juden. "Gott rettet aus der Knechtschaft" ist denn auch die befreiende und Freude schenkende Hauptaussage des Pessachfests. Wie schlimm diese Knechtschaft war, daran erinnern eben jene Speisen, die am Sederabend auf dem Speiseplan stehen: Ungesäuertes Brot, dessen Teig, der so genannte Mazzot-Teig, nicht lange gehen konnte und sofort im Ofen gebacken wurde – so wie auf der Flucht aus Ägypten, denn damals musste der Proviant schnell gesammelt und gebacken werden. Eine süße Pastete mit Nüssen – sie ähnelt dem Mörtel, mit dem Israel seinerzeit die ägyptischen Städte bauen musste. Und dann steht noch eine Schale mit Salzwasser auf dem Tisch, in das einige Speisen getunkt werden – als Erinnerung an die vielen Tränen, die Israel einst am Hof des Königs geweint hat. Über die Speisen spricht der Hausvater die Segensworte „Barúch atá adonái elohénu mélech haolám aschér kidschanú bemízwotáw weziwánu al achilát marór. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, die bitteren Kräuter zu essen.“

Jesu Abendmahl: Ein Pessachfest?

Segensworte über Brote – das kennen auch Christen: „Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.“ Theologen überlegen, ob Jesus, selber Jude gemeinsam mit seinen Jüngern ein Pessachmahl feiert. Ob das Brot, das Jesus bricht, eben jenes ungesäuertes Pessachbrot ist? Es spricht einiges dafür, etwa die Tatsache, dass Jesu letztes Abendmahl ziemlich sicher auf den Vorabend des Pessachfestes datiert werden kann. Und in Lk 22, 15 sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Mich hat sehnlich verlangt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, bevor ich leide“.

Christe Du Lamm Gottes ...

Am Sederabend vor dem Pessachfest wird die Haggadah gelesen - die Geschichte vom Auszug aus Ägypten.

Theologisch gesehen soll Jesu Tod wohl nur zu gut in die jüdische Pessachtradition passen. Wenn Jesus nach dem Brot den Kelch nimmt, dankt und sagt: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“, dann soll das auch eins aussagen: Jesus ist das Opferlamm, das – so wie einst das unbefleckte Lamm, dessen Blut Israel an die Türrahmen strich – die Sünde der Welt auf sich nimmt und rettet. Setzt sich Jesus also selbst an die Stelle des Opferlamms, indem er diese Worte spricht? Der Verfasser des ersten Petrusbriefes, entstanden um 90 n. Chr., interpretiert Jesu Tod jedenfalls genau in diese Richtung: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“

Die Wurzeln des Osterfestes liegen im Pessach

Parallelen zwischen dem jüdischen Pessach und dem christlichen Ostern bemerkt man auch in der katholischen Osterliturgie: Dort wird auf die Osterkerze das Exultet gesungen und dabei wird sowohl an Israels Auszug aus Ägypten als auch an den befreienden Sieg Jesu über den Tod erinnert: „Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit hat. Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg“, heißt es. Auf dem Pessachtisch darf Lammfleisch nicht fehlen. Und auf welchem christlichen Ostertisch steht kein gebackenes Lamm, mit süßem Puderzucker beflockt? Allein hieran kann man sehen: Die Juden sind die älteren Brüder der Christen.


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