Bayern 2 - radioWissen


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Ätzend, aber lebensnotwendig

Von: Hellmuth Nordwig / Sendung: Hellmuth Nordwig

Stand: 18.06.2015 | Archiv

Mensch, Natur und UmweltMS, RS, Gy

Aggressive Chemikalien, die alles auflösen - das ist die eine Seite der Säuren. Andererseits sind sie unentbehrlich. Manche Produkte könnten ohne Säuren nicht hergestellt werden, und sogar in unserem Körper kommen sie vor.

Denn der Magensaft besteht hauptsächlich aus Salzsäure. Wer schon mal "sauer aufstoßen" musste, hat sie im Rachen gespürt. Bei manchen Menschen ist das ein ungesunder Dauerzustand: Alkohol, fettes Essen, Stress - diese Faktoren führen dazu, dass der Magen zu viel Säure bildet. Eine Änderung des Lebensstils könnte die Beschwerden lindern; Medikamente sind aber für viele die bequemere Lösung. Und wozu haben wir überhaupt Salzsäure im Magen?

Mythos 1: Salzsäure löst das Essen auf

Stimmt nicht. Das besorgen die Enzyme im Magensaft. Die Salzsäure hat eine andere Aufgabe: Sie desinfiziert den Magen. Sonst könnten sich dort Keime breitmachen, die wir mit der Nahrung aufnehmen.

Auch sonst sind über Säuren viele Halbwahrheiten und Märchen im Umlauf. Schon seit Goethes Laborbesuch bei Doktor Faustus glauben wir sie als zischende und rauchende Flüssigkeiten zu kennen; in vielen Kriminalromanen und Filmen dienen sie als Metapher für konsequente und gnadenlose Zerstörung. Das schafft Bilder im Kopf, die mit der Wirklichkeit nicht immer übereinstimmen. Zum Beispiel:

Mythos 2: Mit Flusssäure kann man Leichen beseitigen

Glauben viele seit "Breaking Bad" - stimmt aber auch nicht. Schon in der Fernsehserie scheitert das Vorhaben daran, dass der etwas dämliche Laborassistent dafür ausgerechnet eine Keramikbadewanne wählt. Keine gute Idee - die durchlöchert die Flusssäure nämlich wirklich. Eine Leiche aber nicht. Und auch sonst ist der Versuch nicht zur Nachahmung empfohlen. Flusssäure ist so giftig, dass nur wenige Chemiker auf der Welt es wagen, mit ihr zu arbeiten.

Also doch lieber konzentrierte Schwefelsäure? Sie verwandelt tatsächlich Zucker zu Kohle und lässt sogar einen Hähnchenschenkel fast restlos verschwinden. Mit einem ganzen Leichnam klappt aber auch das nicht. Der Körper enthält so viel Wasser, dass die Säure mit der Zeit zu stark verdünnt wird. Da hilft es einem Mörder auch nicht viel, dass man Schwefelsäure in jeder Apotheke bekommt. Schließlich wird sie in rauen Mengen hergestellt - von der Chemieindustrie, die gerne behauptet:

Mythos 3: Ohne Schwefelsäure läuft die Wirtschaft nicht

Das ist immerhin die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist Schwefelsäure unentbehrlich, um viele Produkte herzustellen. Zum Beispiel Kunstfasern aus Nylon oder weiße Wandfarbe. Der andere Teil der Wahrheit lautet aber: Schwefelsäure ist ein Abfallprodukt. Kohle, Erdöl und Erze enthalten nämlich Schwefel, der irgendwie entsorgt werden muss. Wie praktisch, dass er sich leicht zu Schwefelsäure umwandeln lässt - und dass die in der Industrie gebraucht wird. So wie viele andere Säuren auch.


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