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Das Thema Zivile Nutzung der Kernenergie

Stand: 18.04.2011 | Archiv

Atomkraftwerk Isar 1 | Bild: picture-alliance/dpa

Das Zeitalter der zivilen Nutzung der Kernenergie begann im August 1955 in Genf auf der ersten, besonders einflussreichen Konferenz der Vereinten Nationen. Präsident Dwight D. Eisenhower befürwortete die friedliche Nutzung der Kernenergie in jenen Teilen der Welt, die noch nicht im Besitz von Atomwaffen waren.

Die Euphorie des Anfangs

"Atome für den Frieden" - die Forscher reagierten begeistert auf die neue Devise, und vor allem in der jungen Bundesrepublik war die Euphorie besonders groß. Konrad Adenauer gründete im Oktober 1955 ein Bundesministerium für Atomfragen; zuständiger Minister wurde Franz Josef Strauß, der für Deutschland die Chance sah, sich mittels Kerntechnik in der "vordersten Reihe der Industrienationen" behaupten zu können. Aber auch die SPD ging davon aus, dass "die Atomenergie zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden" würde, "die noch im Schatten leben". Umgerechnet 100 Millionen Euro staatlicher Gelder flossen in den Bau der ersten drei Reaktorprojekte in Gundremmingen, Lingen und Obrigheim, und auch in den Siebzigerjahren wurde der Ausbau der Atomenergie unter der sozialliberalen Regierung mit Verve betrieben.

Die Umweltbewegung entsteht

Doch zeitgleich wuchs das Umweltbewusstsein. Und mit ihm die grüne Bewegung, lokale Protestgruppen und Bürgerinitiativen schlossen sich zusammen und bildeten den Grundstock für die Gründung der Grünen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung stellte sich quer: in Brokdorf, in Whyl, in Wackersdorf, in Gorleben. Überall wurde in großem Maßstab der zivile Widerstand erprobt - zum Teil mit großer Härte. 1986, das Tschernobyl-Jahr, stellte einen Höhepunkt der Auseinandersetzungen dar.

Wiederaufarbeitung und Endlagerung

Nicht nur der Betrieb der Kernreaktoren selbst birgt Risiken, sondern auch die Wiederaufarbeitung und Endlagerung des radioaktiven Mülls. Im oberpfälzischen Wackersdorf sollte eine Wiederaufarbeitungsanlage entstehen, um aus abgebrannten Brennstäben noch spaltbares Uran und Plutonium herauszuholen, die Menge an radioaktiven Abfall zu senken und das Ende der natürlichen Uranvorräte hinauszuzögern: ein wichtiger Bestandteil des Atomenergiekonzepts. Doch auch bei diesem Verfahren bleibt hoch radioaktiver Abfall übrig, der irgendwo gelagert werden muss: möglichst sicher und auf sehr lange Zeit. Das geplante Endlager im Salzstock Gorleben ist immer wieder Anlass für Proteste. Die WAA Wackersdorf war politisch nicht durchsetzbar. Denn eine Wiederaufarbeitungsanlage belastet schon im Normalbetrieb Luft und Wasser mit radioaktiven Substanzen. Außerdem kann es leicht zu Störfällen kommen, bei denen Radioaktivität in großen Mengen freigesetzt wird.

Atomenergie, Klimaschutz, erneuerbare Energien

Trotz allem hat die Atomenergie viele Befürworter, die darauf verweisen, dass Atomenergie kaum Treibhausgase verursacht. Nur sie sei daher in der Lage, den Energiehunger der Welt zu stillen, ohne dass die Erdatmosphäre weiterhin erwärmt wird, wie es durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe geschieht. Ohne Atomkraft, sagen die Befürworter, würden die CO2-Emissionen steigen und die Strompreise dazu. Auf Dauer muss der Ausstieg aus der Kernkraft mit der vermehrten Nutzung erneuerbarer Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Biomasse einhergehen - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Tendenz ist steigend: Im Jahr 2000 betrug der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch 3,8 Prozent, im Jahr 2007 waren es schon 8,6 Prozent. Bis 2020 will die Bundesregierung im Rahmen der Richtlinien der Europäischen Union (EU) einen Anteil von 18 Prozent erreichen.


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