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Biografie einer Insel Capri zwischen Marke und Mythos

Sie ist nur sechs Kilometer lang und 2,7 Kilometer breit, doch seit Jahrhunderten zieht das kleine Eiland im Golf von Neapel Kaiser und Künstler, Abenteurer und Autoren, Promis und Parvenüs an. Heute ist Capri Luxus-und Traumreiseziel, zugleich Marke und Mythos. Dieter Richter, Literaturprofessor und Italien-Kenner, hat eine Biografie der Insel verfasst. Lesung und Gespräch

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 09.08.2018

Blick auf den Ort Capri auf der gleichnamigen Insel im Golf von Neapel | Bild: picture-alliance/dpa/ robertharding

Capri zwischen Mythos und Massentourismus

Das Ergebnis war eindeutig: In einer Umfrage aus dem Jahr 1956 gaben die Bürger der noch jungen Bundesrepublik die Insel Capri als ihr Traumreiseziel an. "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt" heißt es dann auch in dem millionenfach verkauften Evergreen von den "Capri-Fischern" aus den 50er Jahren. Kurz zuvor war die "Capri-Hose" kreiert worden, die deutschen Ford-Werke brachten einen Ford-Capri heraus, ein Heidelberger Getränkefabrikant nannte sein Fruchtsaftgetränk "Capri-Sonne". Spätestens dann war der Mythos der Mittelmeerinsel als Ziel für den Massentourismus und als perfektes Markenimage entdeckt worden. Seit den 1980er Jahren wird Capri als Luxus-Destination beworben, als Insel der Reichen und Schönen. Der schöne Schein verblasst allerdings rasant mit Beginn der Wintersaison: "Von Mitte Januar bis Ostern ist die Insel ohne Leben", schreibt Dieter Richter, der seit Jahren nicht nur Capri bereist und bewundert, sondern Autor vieler Bücher über Italien ist. In seinem Capri-Porträt fächert Richter versiert und leidenschaftlich die über 2000 Jahre alte Kulturgeschichte des nur zehn Quadratkilometer kleinen Eilands auf.

Dieter Richter, 1938 im oberfränkischen Hof geboren, begründet seine Faszination für Italien zunächst mit der einfachen Tatsache, dass für ihn damals nur diese eine Sehnsuchtsrichtung existierte: Im Norden war der Eiserne Vorhang, im Osten die Tschechoslowakei. Die Liebe zum Süden sollte auch seine Karriere prägen, bis heute. Richter, nunmehr emeritierter Literaturprofessor für Kritische Literaturgeschichte und seit Jahrzehnten in Bremen zuhause, hat über den Süden, das Mediterrane, vor allem über Italien, zahlreiche Bücher geschrieben, ist Ehrenbürger der Stadt Amalfi.

Die deutsche Romantik auf Capri

"Der schrundige, zackige Kalkstein der Insel ist verletzend, unfruchtbar, gefährlich. Wer Capri an einem heißen Sommertag auf einem Giro dell'Isola mit dem Boot umrundet, sieht es auf weite Strecken als abweisende, steil aus dem Wasser aufsteigende Formation nackter Felsen, die jede Annäherung unmöglich machen."

(Dieter Richter, Die Insel Capri)

Der erste Eindruck von Capri scheint wenig einladend - woher kommt also der Mythos Capri? Laut Dieter Richter hängt der Mythos mit den diversen Spuren berühmter historischer Inselbesucher zusammen und - mit der deutschen Romantik.

"Die Blaue Grotte auf Capri", Gemälde von August Kopisch, 1796-1853, Öl auf Leinwand

"Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jeden Welle scheint eine Flamme. Im Hintergrund führt ein alter Weg in den Felsen vielleicht nach dem darüber gelegenen Damicuta, wo der Sage nach, Tiberus Mädchen verschlossen haben soll und es ist möglich, dass diese Höle sein heimlicher Landungsplatz war. Bis jezt ist nur ein Marinaro und ein Eseltreiber so herzaft diese Unternehmung mit zu wagen, weil allerhand Fabeln von dieser Höle im Umlauf sind. Ich rathe aber jedem sich vorher mit diesen beiden des Preises wegen zu verständigen."

(August Kopisch, Eintrag in ein Gästebuch von 1826, nachdem er zur Blauen Grotte geschwommen war)

Mit dem heute vergessenen Dichter und Maler August Kopisch begann die große "Karriere" von Capri. Denn wenn heutzutage bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, können die Capri-Fischer ihre Boote zufrieden vertäuen. Längst sind sie übergegangen zu einem anderen Tagewerk: Auf ihren Barkassen schippern sie die Touristen von Marina Grande zur Blauen Grotte, der Hauptsehenswürdigkeit der Insel. Seit ihrer (Wieder-)Entdeckung im Jahre 1826 durch August Kopisch begann eine neue Ära, das Zeitalter des Fremdenverkehrs. Vorher hatte Capri außerhalb der obligatorischen Route der Grand Tour gelegen; nicht ohne Grund hatte auch Goethe, der sich acht Wochen in Neapel und Umgebung aufgehalten hatte, Capri links liegen lassen.

Eigentlich war die Grotte bereits seit der Antike bekannt, doch erst die Beschreibung des deutschen Dichters löste einen bis heute andauernden Besucherstrom aus. Die "Grotta Azzura" im Sehnsuchtsort Italien erfüllte sämtliche Phantasien der deutschen Romantiker, so dass sich alsbald Deutsch als zweite Sprache auf der Insel durchsetzte. In einem Reiseführer von 1904 wurde Capri sogar die "deutsche Insel im Mittelmeer" genannt. Henry James, der 1909 Capri besuchte, spottete in diesem Sinne, dass "Germanicus" Italien wirkungsvoller eingenommen als Kaiser Tiberius! Capri sei von dem Geist jender "breiten, fleischigen Gutmütigkeit, gegen die es keinen Widerstand gibt, wie das bekanntlich bei Liebe der Fall ist, die tötet."

"Wenn bei Capri die rote Sonne …" mit Dieter Richter

Lesung mit Annette Wunsch

und Gespräch mit dem Autor

am 15. August um 11.00 Uhr auf Bayern2

Das Buch "Die Insel Capri" ist, wie die vielen anderen Italien-Bücher von Dieter Richter, im Wagenbach Verlag erschienen.

Moderation: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


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