Bayern 2 - radioFeature


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"Geh doch rüber!" Von Menschen, die in die DDR übergesiedelt sind

Die Auswanderung von Bundesbürgern in die DDR ist bis heute ein Tabuthema. Dabei machten zwischen 1949 und 1989 rund 500.000 Bundesbürger "rüber". In der DDR wurden sie keineswegs mit offenen Armen empfangen.

Von: ,Eine Sendung von Moritz Holfelder

Stand: 27.09.2010 | Archiv

Lange Trabi-Schlange | Bild: picture-alliance/dpa

Frauke Möller hatte sich das ganz anders vorgestellt. Als sie nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau in der Bundesrepublik keine Arbeit fand, entschloss sich die damals 21-Jährige 1986 zu ihrem Verlobten in die DDR zu ziehen. Die Großeltern und weitere Verwandte lebten ohnehin in Thüringen und Mecklenburg. "Meine Eltern haben mich nach dem ersten Schock sehr unterstützt, weil sie wussten, sie kriegen mich nicht zur Vernunft", erinnert sich Frauke Möller.

Quälende Verhöre im Aufnahmelager

Innerdeutscher Grenzposten

Der Tag des Grenzübertritts geriet für die junge Frau - wie für die meisten Übersiedler - jedoch zum Alptraum. "Der Abschied war heftig. Da war ganz viel Angst. Ich fragte mich, oh Gott, was tust du da jetzt eigentlich?" Dazu kam die Ungewissheit, was im zentralen Aufnahmeheim Röntgental passieren würde. Wie Frauke Möller wusste kaum einer der Ankömmlinge, dass wochenlange Befragungen und Torturen auf sie warten. Die Stasi war getrieben von der Furcht, es könnten West-Agenten eingeschleust werden und durchleuchtete die Einwanderer und Rückkehrer akribisch.

Ein heulendes Elend

Die letzte Baracke, die vom DDR-Aufnahmeheim Röntgental noch existiert

Nach sechs Wochen wird Frauke Möller aus Röntgental entlassen. Zu ihrem Verlobten, der in Ost-Berlin Tiermedizin studiert, darf sie aber nicht ziehen. Stattdessen muss sie im Haus der Schwiegereltern in Güstrow leben. Auch nach der Hochzeit ändert sich nichts an der Situation. Nach nur wenigen Monaten zerbricht die Ehe.

"Mein Freund war sehr überzeugt von dem System. Und ich bekam immer mehr Zweifel: Das kann alles gar nicht funktionieren. Da gerieten wir immer mehr aneinander. Vorher war ich das tolle Mädchen aus dem Westen, und in der ersten Zeit in der DDR war ich wirklich ein heulendes Elend", sagt Frauke Möller.

Verschiedene Motive

Wie Möller waren die meisten Übersiedler weder fanatische Kommunisten noch weltfremde Spinner. Ihre Motive reichten von der Liebe über berufliche Chancen, die der Sozialismus bot, bis zu dem unbestimmten Gefühl, ein neues Leben beginnen zu wollen.

So auch die Autorin Gisela Kraft, die mit 48 Jahren in die DDR übersiedelte und dort finanziell zum ersten Mal in der Lage war, freischaffend zu arbeiten. Natürlich gab es auch die jungen Idealisten, wie den Wiener Burgschauspieler Otto Tausig oder den Schriftsteller Adrian Geiges, die sich als berufene Kommunisten fühlten. In der DDR angekommen, habe er allerdings alle Illusionen verloren: "Ich habe gesehen, dass dieser neue Sozialismus wirtschaftlich eine Katastrophe war", sagt Geiges.

"Wir holen dich zurück!"

Nachdem Frauke Möllers Neubeginn in der DDR so grundlegend schief gelaufen war, rieten alle zur Rückkehr in die Bundesrepublik. Der Chef der Güstrower Volkspolizei bot sogar seine Hilfe an. "Mein Vater meinte auch, du, ich besorg dir einen Job, eine Wohnung, komm' doch zurück."

Aber trotz aller Schwierigkeiten war sie inzwischen irgendwie doch angekommen: "Ich dachte, jetzt schmeißt du nicht wieder alles wegen einem Mann hin. Jetzt bin ich immer noch hier und im Nachhinein war es auf jeden Fall richtig." Dass knapp zwei Jahre später die Mauer fällt, war damals nicht abzusehen.


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