Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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20. August 1971 Stanford-Prison-Experiment muss vorzeitig abgebrochen werden

Das Stanford-Prison-Experiment sollte menschliches Verhalten unter Bedingungen der Gefangenschaft untersuchen. Das Resultat war schnell erschreckend und führte zum vorzeitigen Abbruch des Versuchs.

Von: Prisca Straub

Stand: 20.08.2019 | Archiv

20 August

Dienstag, 20. August 2019

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Die Ruhe an diesem Sommermorgen ist trügerisch: Plötzlich rasen Polizeiautos durch Palo Alto, Kalifornien. Blaulicht, Sirenen-Geheul. Neun Studenten der Stanford University werden aus den Betten geholt, in ihren Wohnungen verhaftet, in Handschellen abgeführt. 'Kein Grund zur Sorge', rufen sie den schockiert starrenden Nachbarn zu, 'das gehört zum Experiment!' Zu welchem Experiment? Alles sieht danach aus, als würden hier Schwerverbrecher abgeführt!

Keine Gewalt!

Was die Außenstehenden nicht wissen können: Die jungen Männer sind Freiwillige. Sie hatten sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet: 'Sozialpsychologe sucht Teilnehmer für Gefängnisstudie'. Der Plan: Zwei Wochen am Stück soll menschliches Verhalten unter den Bedingungen der Gefangenschaft erforscht werden. Wer Wärter und wer Gefangener sein soll, hat bereits das Los entschieden. 15 Dollar gibt es am Tag! - viel Geld, um sich als Gefangener mal so richtig auszuschlafen oder als Wärter den ganzen Tag zum Beispiel Karten zu spielen. Doch - alles kommt anders.

In einem Kellertrakt der Universität hat Studienleiter Philip Zimbardo ein provisorisches Gefängnis eingerichtet und sogar echte Polizeibeamte dazu überredet, die Probanden einzuliefern. Den Inhaftierten übergibt er kurze Kittel mit aufgenähter Nummer, die Wärter bekommen eine Uniform, verspiegelte Sonnenbrillen und einen Gummiknüppel. Zimbardos Anweisung lautet: 'keine Gewalt!' Dann fällt die Kellertür ins Schloss.

Die Psychologie des Bösen

Das Unheil, das sich in den folgenden Tagen zusammenbraut, nehmen Zimbardo und sein Team mit Videokamera und versteckten Mikrofonen auf: quälend lange Zählappelle, zu denen die Wärter die Gefangenen mitten in der Nacht aus den

Zellen holen. Willkürliche Bestrafungen, Kniebeugen und Liegestütze bis zur völligen Erschöpfung.

Die Aufpasser spucken den Insassen ins Gesicht und werden Tag für Tag einfallsreicher im Austüfteln sadistischer Spielchen. - Und Zimbardo? Er schneidet mit - fassungslos über die Wucht dessen, was sich direkt vor seinen Augen abspielt und was er selbst nicht vorausgesehen hat.

Es kommt zum Aufstand. Die Gefangenen reißen sich die Nummern vom Leib und versuchen, die Zelltüren mit ihren Pritschen zu blockieren. Die Wärter reagieren, indem sie Kohlendioxid aus einem Feuerlöscher in die Zellen sprühen. Ein Insasse bekommt Weinkrämpfe, ein anderer bricht schreiend zusammen. Der Rest wird zum Toilettenschüssel-Reinigen mit bloßen Händen abkommandiert. Zimbardo ist gebannt: In seiner Gefängnis-Attrappe hat sich innerhalb weniger Tage ein Terror-Regime etabliert.

Ganze sechs Tage dauert es, bis eine Doktorandin Philip Zimbardo endlich davon überzeugen kann, das Stanford-Prison-Experiment vorzeitig abzubrechen. Am 20. August 1971 ist der Spuk zu Ende. Folterknechte und Gefangene werden wieder ganz normale Jungs, verlegen und ratlos. Doch warum hat der Psychologe all dem so lange zugesehen? Er sei Opfer seines eigenen Menschenexperiments geworden, erklärt er später. Irgendwann habe auch er vergessen, dass das Ganze nur ein Rollenspiel war.


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