Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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11. April 1775 Die Hexe Anna Schwägelin wird verschont

Der Teufel näherte sich ihr in der Gestalt des Jägers Peter, davon war Anna Maria Schwägelin überzeugt. Sie war die letzte "Hexe", die in Deutschland zum Tode verurteilt wurde. Doch der starke Arm der Aufklärung stoppte das teuflische Treiben.

Stand: 11.04.2011 | Archiv

11 April

Montag, 11. April 2011

Autorin: Isabella Arcucci

Sprecher: Andreas Wimberger

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Die junge Magd ist auf dem Feld eingeschlafen. Als sie erwacht, steht ein schmucker Kerl in grüner Jägertracht am Waldrand. Es ist der Jäger Peter, der sich der Magd mit eleganten Schritten nähert. Er will mit ihr "kurzweilen". Doch der Jäger Peter ist ja längst tot. Und der Fremde niemand anderes als der Teufel. Er hilft der Magd, das Heu auf den Rücken zu laden, obgleich sie beteuert, dass sie nichts mit ihm zu schaffen haben wolle. Doch der schöne Jägersmann lacht nur. Sie würden schon noch zusammenkommen, soll er ihr zum Abschied versprochen haben, wie Anna Maria Schwägelin beim Verhör aussagen wird.

Anna Maria Schwägelin war die letzte "Hexe", die in Deutschland zum Tode verurteilt wurde.

Der Glaube, dass der Teufel die Gestalt eines Jägers annehme, um ein weibliches Opfer zu verführen, war im 18. Jahrhundert im Allgäuer Raum weit verbreitet. Genauso weit verbreitet wie der Taufname der Angeklagten. Ihre Eltern hatten gleich mehrere Kinder mit diesen Namen bedacht: eine Maria, eine Maria Anna und eine Anna Maria. Wozu sich den Kopf über Namen zerbrechen für Kinder, die meist ohnehin in den ersten Lebensjahren starben. Der Teufel jedoch habe sie stets Mey genannt, wie Anna Maria aussagte. Und er sollte ihr ab dieser ersten Begegnung auf dem Feld in der Nähe von Memmingen regelmäßig Besuche abstatten. Besuche, bei denen Anna Maria zu Mey wurde und zur Geliebten des Teufels. Er habe ihr Reichtümer versprochen, wenn sie Gott abschwöre.

Anna Maria entstammte einer Familie, die zur untersten sozialen Schicht der sogenannten Huber gehörte. Huber nannte man im Allgäu jene, welche kein Land besaßen, und sich oft nur als Tagelöhner bei Bauern verdingen konnten. Nach dem Tod der Eltern zog das junge Mädchen als Dienstmagd von einem Ort zum anderen. Das Allgäu des 18. Jahrhunderts, war eine Landschaft voll unheimlicher Naturgewalten. Die Gedanken der Aufklärung waren den Menschen hier fremd. Das einfache Volk, egal ob katholischen oder protestantischen Glaubens, dämmerte vor sich hin in einer Welt aus Dämonenglauben und Teufelsfurcht.

Ein armes, einsames Leben schien vor Anna Maria zu liegen. An Heirat war ohne Mitgift nicht zu denken. Bis Martin auftauchte. Der Kutscher versprach Anna Maria die Ehe, wenn sie für ihn zum protestantischen Glauben konvertierte. Anna Maria schwor der katholischen Kirche und allen Heiligen ab. Und Martin heiratete - Maria Anna, die Tochter eines Gastwirts. Anna Maria war verlassen. Von Martin, von allen Heiligen, und von Gott. Sie hatte ihren Glauben verraten für einen Mann, der sie verraten hatte. Nun suchte der Teufel sie auf dem Feld heim. Jetzt gehörte sie ihm. Er verfolgte sie, ließ ihre Beine von Geschwüren anschwellen, bis sie schließlich im Armenhaus landete.

Auch dort glaubte man, dass der Teufel Anna Maria zum Ungehorsam aufstachelte, mit ihr in ihrer Stube wisperte, sie dazu verführte, sich nackt ihrer Wärterin zu zeigen und ihre Notdurft im Essgeschirr zu verrichten. Für Anna Maria gab es noch keine Möglichkeit zur Psychotherapie. Als man sie im Fürststift Kempten der Hexerei anklagte sprach sie erstmals offen über all ihre Ängste. Sie wurde für schuldig befunden und ihre Enthauptung auf den 11. April 1775 angesetzt. Doch der starke Arm der Aufklärung gebot dem teuflischen Treiben Einhalt. Vermutlich war es der fortschrittlich Gesinnte Beichtvater des Fürstabts von Kempten, der diesen dazu brachte, die Angeklagte zu begnadigen. Eine zweifelhafte Gnade. Die letzten sechs Leensjahre verbrachte Anna Maria Schwägelin in einer Gefängniszelle. Alleingelassen mit sich und ihren inneren Dämonen.


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