Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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5. März 1945 Chemnitz wird bombardiert

Am Tag danach erklärten die Zeitungen der Alliierten die sächsische Industriemetropole Chemnitz zur toten Stadt. In der Nacht des 5. März 1945 hatten Briten und Amerikaner die die Innenstadt im Flächenbombardement nahezu komplett ausradiert.

Stand: 05.03.2010 | Archiv

05 März

Freitag, 05. März 2010

Autorin: Brigitte Kohn

Redaktion: Thomas Morawetz

5. März 1945. Um 21.37 Uhr geht es los, und es dauert endlose 31 Minuten. Tonnen von Luftminen, Brandbomben und Sprengbomben aus den Flugzeugen der Briten und Amerikaner verwandeln Chemnitz in ein Inferno. Brennende Häuser stürzen in sich zusammen, der Asphalt lodert auf, Leichen liegen unter dem Schutt und auf den Straßen. Schreiende Menschen versuchen dem Feuersog zu entkommen. Niemand hat beim Aufheulen der Sirenen mit einer Katastrophe dieses Ausmaßes gerechnet. Die Innenstadt ist ein Trümmerfeld, auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern nahezu komplett ausradiert. 3500 Menschen sterben. Am nächsten Tag erklären britische und amerikanische Zeitungen die sächsische Industriemetropole zur toten Stadt.

Wenige Wochen zuvor hatten alliierte Bomber die Nachbarstadt Dresden in Schutt und Asche gelegt: Dresden, ein barockes Juwel, das "deutsche Florenz". Seine Zerstörung blieb im Gedächtnis. Chemnitz, das "sächsische Manchester", das Aschenbrödel unter den sächsischen Städten, stand immer im Schatten, sogar in der Stunde seines Untergangs. Fabrikschlote prägten sein Gesicht, das Industriezeitalter hat es gezeichnet. Fein an Chemnitz waren nur die Damenstrümpfe, die von hier in alle Welt gingen, ein Industriezweig, entstanden aus der Heimarbeit der Menschen des Erzgebirges. Daneben gab es die Autoindustrie und - Rüstungsproduktion. Nazideutschland stellte hier Motoren für seine Panzer her.

Hätte es nicht genügt, diese Fabriken zu vernichten? Das Kriegsende stand bevor, Deutschlands Niederlage war unabwendbar. Doch die Alliierten wollten die Gesamtstadt zerstören, um dem Feind die Basis für einen verlustreichen Bodenkampf zu entziehen und die Moral der Bevölkerung zu untergraben. Letzteres gelang nicht. Denn das massenhafte Elend verstärkte eher den Hass auf die späteren Befreier als den Hass auf die Nationalsozialisten. Das ist bis heute so. Rechtsradikale instrumentalisieren die Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung, um die Verbrechen der Nazis zu verschleiern. Die Diskussion um das Für und Wider der Flächenbombardements ist bis heute nicht abgeschlossen, unbestritten ist aber: Es waren die Deutschen, die den Bombenterror begonnen haben, in Guernica, in Warschau, in Rotterdam, schließlich  in London. Die Reaktion der Alliierten folgte der schrecklichen Logik des Krieges. Der Schriftsteller Thomas Mann stellte aus dem Exil die entscheidende Frage: "Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?"

Chemnitz hat einen hohen Preis bezahlt. Es verlor nicht nur sein Gesicht, es verlor nach dem Krieg auch seinen Namen. 1953 beschlossen die Funktionäre der DDR, Chemnitz in "Karl-Marx-Stadt" umzubenennen und eine sozialistische Vorzeigemetropole daraus zu machen. Herausgekommen sind hässliche Wohngebiete in Plattenbauweise und ein riesiger Karl-Marx-Kopf als Denkmal in der Innenstadt. Den haben die Chemnitzer nach der Wende behalten, weil sie ihre Geschichte nicht verdrängen wollen, doch der Name ist wieder der alte.  Chemnitz war das Sorgenkind der Wendezeit; noch immer gesichtslos, heimgesucht von hoher Arbeitslosigkeit und politischen Grabenkämpfen. Inzwischen hat es eine neue Innenstadt, eine preisgekrönte sogar, und präsentiert sich Be-suchern als "Stadt der Moderne", als spannender Schauplatz deutscher Industriegeschichte.


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