Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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27. Dezember 1917 Kafka trennt sich von Felice Bauer

"Sie muss mit mir unglücklich werden!" - so Franz Kafka in einem Brief an den Vater seiner Verlobten Felice Bauer. Da lag der schwierige Schriftsteller richtig. Am 27. Dezember 1917 trennte er sich von seiner langjährigen Gefährtin.

Published at: 27-12-2011 | Archiv

27 Dezember

Dienstag, 27. Dezember 2011

Autor(in): Michael Skasa

Sprecher(in): Michael Skasa

Redaktion: Thomas Morawetz

Vernunftehen und Zwangsheiraten gab's vor allem in früheren Jahrhunderten; wo Katz und Kater im Sack verkauft wurden und sich erst zur Hochzeit kennenlernten. Hauptsache, man war versorgt und mehrte den Besitz. In unserem Jahrhundert dagegen kommt es häufig zu sogenannten Liebesheiraten und infolge­dessen zu raschen Scheidungen.

Wie aber soll man eine Verbindung nennen, zu welcher der Kandidat den potentiel­len Brautvater mit solchen Sätzen drängt: "Mein beruf­licher Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzi­gen Verlangen (…), das ist: der Literatur, widerspricht. Da ich nichts anderes bin als Literatur und nichts ande­res sein kann und will, so kann mich mein Posten niemals zu sich reißen, wohl aber gänzlich zerrütten. Davon bin ich nicht weit entfernt. Nervöse Zustände schlimmster Art beherrschen mich ohne auszusetzen (...). Und nun stellen Sie mich Ihrer Tochter gegenüber, diesem gesunden, lustigen, natürlichen, kräftigen Mädchen. Sie muss mit mir unglücklich werden, soweit ich es absehen kann. Ich bin (...) ein ungeselliger, unzufriedener Mensch".

Familie als Folter

Jurist in einer Unfallversicherung war er, täglich von acht bis zwei, und nachts von elf bis zwei war er Dichter. Felice hieß die Braut, um die er so wider­borstig warb, Felice Bauer, Jüdin wie er, aber angestellt in einem Berliner Büro, während er weitab in Prag saß, täglich an sie schrieb und mit Beruf, Welt und Familie haderte. Sein Vater schien ihm ein übermächtiger Vampir, die Mutter drängte er an die Ränder seiner Seele, die verheirateten Schwestern ängstigten ihn mit ihren Ehen; diese Familienklammern waren ihm Folter, Kleinkinder ein Greuel, jeder Lärm eine Qual.

Man kann sich diesen Franz Kafka nicht als Familienvater, den Braten tranchierend und sein Weib tätschelnd, vor­stellen. Er spielte jedoch mit der Hoffnung, sich durch Heirat aus Vaters Familie zu erretten und war zugleich vom Grauen vor einer eigenen Familie geschüttelt.

Er erkor sich daher eine, die weit entfernt lebte, und die ihm wohl kaum gefiel. - So hatte er sie bei seinem Freund Max Brod im August 1912 kennengelernt: "Sie saß bei Tisch und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, fast zerbrochene Nase. Reiz­loses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum ersten Mal genauer an; als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil." Es war wohl so, dass er sich zu ihr verurteilte.

Es hilft nichts

Dies eine Mal nur hatte er sie gesehen, dann schrieb er ihr, erhielt Antwort und schrieb schon zwei Tage danach die Erzählung "Das Urteil". Rasch folgte "Die Verwandlung", und "In der Strafkolonie" - immer begleitet von der täglichen Korrespondenz mit der fernen Verlobten. Die Situation regte ihn an, kitzelte seine Ängste und seinen Familienhorror. Felice und er sahen sich so gut wie nie und hatten eher nichts miteinander. Liebesepisoden erlebte Kafka mit einem Stubenmädchen und mit Felices Freundin Grete Bloch. Er trennte sich 1914 von Felice und schrieb sofort danach den Roman "Der Prozess". Traf sich wieder mit ihr, Januar 1915: "Ich lasse nicht ab von meiner Forderung nach einem nur für meine Arbeit berechneten Leben, sie will die behagliche Wohnung, reichliches Essen, geheiztes Zimmer." Er kann nur in Eiseskälte schlafen, isst beinah nichts und arbeitet nächtens, will allein sein und nichts hören. Ideale Voraussetzungen also für Zweisamkeit.

Sie verloben sich abermals, im Juli 17, gön­nen sich zehn gemeinsame Tage in Marienbad, er zwingt sich zu essen, sogar Fleisch - ihr zuliebe. Es hilft nichts: Sein Inneres mag nicht, weder Fleisch noch sie. Im August hat er seinen ersten Blutsturz, Beginn der Tuberkulose.

"Manchmal scheint es mir", so schreibt er in einem Brief, "Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. 'So geht es nicht weiter', hat das Gehirn gesagt und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt zu helfen." Nach fünf Jahren Quälerei, am 27. Dezember 1917, trennt sich Kafka von Felice Bauer.


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