Bayern 2 - Hörspiel


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Michaela Melián

Stand: 11.04.2016 | Archiv

Zeichnung  Michaela Melián | Bild: Michaela Melián

BR Hörspiel und Medienkunst widmet Michaela Melián im ersten Halbjahr 2016 eine Hörspiel-Sendereihe, die im Zusammenhang mit der Ausstellung Electric Ladyland im Lenbachhaus München steht.

Intermediale Praxis

Als Musikerin, Band-Mitglied von F.S.K., Komponistin, Künstlerin, Produzentin, Forscherin und Organisatorin aufwändiger Projektrecherchen in Personalunion führt sie ihre spezifischen Fähigkeiten und Kenntnisse in einer intermedialen Praxis zusammen. In ihrem Werk durchdringen sich Zeichnung, Objekt, Film, Musik, Sound, Hörspiel, sie existieren gleichzeitig aber auch unabhängig voneinander. Dinge und Menschen, Rollen und Identitäten, Feminismus und Technologie, Geschichte und Gegenwart, Kunst und ihre konkreten Bedingungen, subjektive Erfahrung und gesellschaftliches Selbstverständnis, kollektive Verdrängung und Erinnerung – aus diesen Themenfeldern schöpfen Meliáns Arbeiten.

Seit 2002 findet die Zusammenarbeit zwischen Melián und der Redaktion Hörspiel und Medienkunst kontinuierlich ihren Niederschlag. Am Anfang stand eine Gruppenarbeit: Auf dem Festival intermedium 2 im ZKM in Karlsruhe präsentierten der Schriftsteller und F.S.K.-Musiker Thomas Meinecke, der Musiker David Moufang und Melián gemeinsam die multimediale, „sonisch generierte, visuell projizierte, verbal modulierte Erzählung“ Konvent zu einem Schriftstellertreffen im Literarischen Colloquium Westberlin 1964.

Föhrenwald

2005 produzierte Melián ihr erstes eigenes und mit einer Ausstellung im Kunstraum München verbundenes Hörspiel Föhrenwald zu der Mustersiedlung, die in der Nazizeit gebaut wurde. Sie diente als Lager für Arbeiter der Munitionsfabriken in Geretsried und wurde nach dem Kriegsende ein Auffanglager für displaced persons, in dem Überlebende des Holocausts Jahre zubrachten, auf Ausreise nach Israel oder Amerika hoffend. Meliáns Kunstprojekt Föhrenwald, bei dem das Hörspiel den Soundtrack einer begehbaren Installation bildete, interpretierte den Ort als Resultat kultureller, ethnischer, ökonomischer und medialer Konstruktionen.

Speicher

In Zusammenarbeit mit dem Münchner Kammerspielen entstand 2008 Speicher. Ausgangspunkt war die 1965 realisierte, verschollene Arbeit VariaVision – Unendliche Fahrt von Alexander Kluge, Edgar Reitz und Josef Anton Riedl. VariaVision hatte durch die gleichzeitige Vorführung und Wiedergabe von Filmen, mehrkanaliger Musik und Sprache neue Wahrnehmungsformen erprobt. Als Produktionsstätte stand den Künstlern eines der ersten elektronischen Studios in Westdeutschland zur Verfügung, eingerichtet an der internationalen Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm. Das Studio ist heute im Deutschen Museum in München ausgestellt. Für Speicher brachte Michaela Melián das Studio noch einmal zum Klingen. Die Zusammenarbeit mit der Künstlerin setzte sich 2010 fort mit dem Audiokunstwerk Memory Loops, das von der Landeshauptstadt München in Kooperation mit BR Hörspiel und Medienkunst produziert wurde. Memory Loops ist ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in München und basiert auf akribischen Recherchen der Künstlerin und historischen Originaltönen von NS-Opfern und Zeitzeugen. Kernstück des Kunstwerks ist die Website memoryloops.net, auf der das gesammelte Erinnerungsmaterial in Form von 300 deutschen und 175 englischen Tonspuren zum Download bereit liegt. BR Hörspiel und Medienkunst, die Münchner Kammerspiele und der Badische Kunstverein und waren 2014 die Produzenten von Meliáns Projekt IN A MIST, das von einer Archiventdeckung in Moskau ausging, dem Theaterstück Fritz Bauer. Das 1928/29 von einer Gruppe sowjetischer Künstler verfasste Stück, zeichnete ein propagandistisches Bild damaliger Verhältnisse in Bayern.

Electric Ladyland

Die Ursendung des neuen Hörspiels Electric Ladyland findet zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung im Lenbachhaus statt, bei der auch die Arbeiten Föhrenwald und Speicher in neuem Kontext präsent sein werden. Im Hörspiel Electric Ladyland bezieht sich Melián auf die Musik Jacques Offenbachs, konkret auf Les Contes d‘Hoffmann, eine nicht abgeschlossene Nummernoper, aufgeführt 1881 in Paris, ein Jahr nach dem Tod des Komponisten. Der zweite Akt beruht auf der Erzählung Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. „Im Mittelpunkt steht hier die lebensgroße, wunderschöne mechanische Puppe Olympia“, so Melián, „die Automatenpuppe Olympia ist das Vorbild für unzählige Darstellungen von Robotern, Androiden und Cyborgs in Film und Literatur. Mit ihrem immerwährenden Lächeln und ihrem mehr als reduzierten Sprachvermögen entspricht Olympia perfekt den Vorstellungen von einem gut erzogenen jungen Mädchen. Ihr eigentliches Menschsein findet immer nur in den Augen derer statt, die sie betrachten. Aber Olympia hält sich nicht an ihre Programmierung“, so Melián weiter: „Sie funktioniert nicht.“

Herbert Kapfer


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