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Kultur in Russland Putin als Drachentöter

Dass Kunst der gesellschaftlichen Verständigung dienen kann, daran erinnert sich in Russland heute kaum noch wer. Denn Putins Kulturprogramm setzt ganz und gar auf die Resakralisierung des Staates. Eine Beobachtung russicher Verhältnisse unser Russland-Expertin.

Von: Christine Hamel

Stand: 19.11.2021

Montage: Eine alte Frau und Präsident Wladimir Putin als absolutistischer Herrscher | Bild: BR

Putins Kulturprogramm setzt ganz auf die Resakralisierung des Staates. Niemand mehr darf von ihm Rechenschaft verlangen. Der heilige Staat bestimmt, wer Freund ist und wer Feind und treibt der Kunst alle Blasphemien, Thrills und Schocker aus.
Schwanensee geht immer, aber schon bei Dostojewskij wird es schwierig. Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers Anfang November konzentrierte sich die Kulturpolitik ausschließlich auf dessen journalistisches Werk. Dostojewskij, der enttäuscht gegen Europa wütet, der an den Liberalen kein gutes Haar lässt und den Russen eine Vorreiterrolle in der Geschichte zuschreibt. Die großen Romane in all ihrer Zerrissenheit, ihrer Exaltiertheit, ihrem Irrsinn und ihrem Zweifel an einer endgültigen Wahrheit? Stoff, der nicht zur Marschmelodie passt.

Bronzemassen vor dem Kreml

Der Gestaltwandel der großen russischen Kultur geht inzwischen so weit, dass die Heiligen in der Ikonenmalerei immer muskulöser werden und gerne auch mal ein Ringelshirt unter Camouflage-Outfit tragen wie die Kämpfer in der Ostukraine. Und dieser beherzte Drachentöter da, sieht der nicht aus wie Wladimir Putin?

Die Durchschlagkraft der ideologischen Vorgaben führt zu immer bizarreren Miseren. Manche Moskauer Häuser drohen unter der Last der Gedenktafeln für die zweit- und drittklassigen Künstler-Bewohner von vor 50, 100, 150 und 200 Jahren regelrecht zusammenzubrechen. Erinnerung an die große Kulturnation Russland schreibt die gegenwärtige Kulturdiktatur ganz groß. Die Welt rund um Moskau war schließlich nie kalt und leer, so die Logik. Daher blüht auch die zeitgenössische Archaik. Direkt vor dem Kreml wurden ja erst unlängst Bronzemassen für den Heiligen Wladimir aufgestellt, der vor 1000 Jahren das Reich der Ostslawen christianisiert haben soll. Auch er – 12 Meter hoch und mit schwerem Schwert am Gürtel – wie der Präsident: ein Kämpfer.

"Wladimir" bedeutet so viel wie "Groß in seiner Macht". In der Kultur geht es deshalb immer auch um Schicksal und tiefe Tragik. Da ist der Zweite Weltkrieg hochwillkommen und wird zunehmend mythisch ausgeschlachtet. Man könnte im Alltag glatt mit den Zeiten durcheinanderkommen.

Kultur als schönes, warmes Märchen

Je rigoroser die Regierenden nicht-staatstragende Künstler verfolgen, desto pathetischer sprechen sie von der "Kultur". Hinter der vermeintlichen Hochachtung für sie verbirgt sich ihre größte Entmündigung, mit der der Durchgriff auf die Theaterpläne und die groteske Förderung der Eventkultur einhergehen. Kultur ist keineswegs, wie etwa in Demokratien, eine Art gesellschaftliche Selbstverständigung, sondern Politikersatz, Kompensation für politische Freiheit und Legitimationsressource für das Regime. Sie dient dem Wohlfühlen und erzählt schönste Märchen, bei denen einem warm ums Herz wird. Das Freie und Ungebundene der russischen Kultur muss unterdessen woanders überwintern.

Der extravagante, kühne russische Ideenreichtum, das visionäre Denken, der schwärmerische russische Universalismus und alle produktive Unordnung und Unschärfe brauchen keinen Zeremonienmeister, sondern Freiheit. Künstler konnten sie sich hier und da gegen das System erstreiten, und alle gefährlichen Gedanken konnten eine Zeit lang aufleben in der Gegenkultur. Jetzt aber erzwingt die lupenreine Diktatur von der Kultur den bedingungslosen Schulterschluss – die ästhetische Existenz geht auf im kollektiven Putin. 

Der ganze Beitrag läuft am 20.11.2021 in Bayern 2 Jazz & Politik.